Pariser Sorbonne Proteste gegen Blackfacing - Theaterauftritt abgesagt

An der Pariser Sorbonne herrscht Streit, weil sich Studenten für ein Theaterstück angeblich schwarz anmalen wollten. Davon gehen zumindest mehrere Anti-Rassismus-Gruppen aus. Die Uni widerspricht.

Universität Sorbonne in Paris
LOIC VENANCE / AFP

Universität Sorbonne in Paris


Das Stück "Die Schutzflehenden" ist eine griechische Tragödie des Dichters Aischylos. Darin fliehen mehrere Frauen von Ägypten nach Griechenland, um der Zwangsheirat zu entgehen. Diese Geschichte, besser gesagt deren Inszenierung, hat an der Pariser Universität Sorbonne eine hitzige Debatte ausgelöst. Der Vorwurf: sogenanntes Blackfacing. Davon ist die Rede, wenn sich Weiße das Gesicht schwarz anmalen.

Eine Theatergruppe wollte das Stück am vergangenen Montag aufführen, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet. Aktivisten vier verschiedener Anti-Rassismus-Gruppen blockierten demnach jedoch den Eingang der Sorbonne, um die Schauspieler am Auftritt zu hindern. Die Kritik der Aktivisten: Die Darsteller würden mit afrikanischen Masken und dunklem Bühnen-Make-up rassistische Stereotype fördern.

Die Produktion sei "kolonialistische Propaganda", mahnte die Protestgruppe "CRAN". Die Theatergruppe solle sich kritisch mit "Blackfacing" auseinandersetzen, um entsprechende Streitigkeiten künftig zu verhindern. Die nationale Studentenvertretung Unéf sprach sich auf Twitter gegen "Blackfacing" im öffentlichen Raum aus und forderte die renommierte Uni auf, Stellung zu beziehen.

Ihren Vorwurf leiteten die Aktivisten von einem Bild auf der Website der Sorbonne ab, wonach die Gesichter einiger Schauspieler in dem Theaterstück offenbar schwarz angemalt sein sollten. Aber: Ob einige Schauspieler in dem Stück wirklich entsprechend geschminkt auftreten sollten, ist nicht sicher.

Missverstandene Kunst?

Das Bild wurde inzwischen entfernt. Das Stück sei bereits im vergangenen Jahr aufgeführt worden, damals seien manche Schauspieler ebenfalls mit schwarz angemalten Gesichtern aufgetreten, sagten Protestler einem Bericht des britischen "Guardians"zufolge. Womöglich war das Foto also alt.

Der Regisseur Philippe Brunet sagte, bei dem aktuellen Stück hätten keine Schauspieler mit dunklem Make-up auftreten sollen. "Blackfacing - sich schwarz anmalen, um sich über Schwarze lustig zu machen - verurteilen wir mit größter Entschiedenheit", sagte er der französischen Zeitung "Le Monde". Rassismusvorwürfe wies er entschieden zurück. Vielmehr seien künstlerische Intentionen "missverstanden" worden, sagte der Regisseur.

Bei der Kostümierung der Schauspieler habe man einer alten Tradition folgen wollen. Bereits in der Antike habe man sich bei Theaterstücken verschiedener Farbtöne bedient, damit auch weiter weg sitzende Zuschauer griechische und ägyptische Charaktere hätten auseinanderhalten können. Die Vorwürfe würden die Freiheit der Kunst gefährlich einschränken, sagte Brunet der Zeitung.

Die Sorbonne wies darauf hin, dass die Schauspieler in dem Stück nicht etwa geschminkt sein sollten, sondern schwarze und weiße Masken tragen sollten, wie der "Guardian" berichtet.

Sowohl Frankreichs Bildungsministerin als auch der Kulturminister des Landes reagierten mit "Erstaunen" auf die Proteste, schrieben sie in einem gemeinsamen Statement. Die Minister verurteilten "diesen beispiellosen Angriff auf die Meinungs- und Gestaltungsfreiheit" und nannten die Anschuldigungen "unverständlich". Das Stücke solle in der kommenden Woche aufgeführt werden.

Blackfacing-Vorwürfe gegen Modemarken

Blackfacing wird seit Jahren als rassistisch verurteilt. Die Ursprünge der Praxis, dass sich Menschen mit heller Haut etwa an Karneval oder im Theater dunkel schminken, um einen Schwarzen darzustellen, reichen mindestens bis ins 19. Jahrhundert zurück. Damals malten sich Schauspieler etwa das Gesicht schwarz, um sich über Afrikaner lustig zu machen.

In jüngster Zeit mussten sich mehrere Modemarken mit dem Vorwurf auseinandersetzen, rassistisches Blackfacing zu betreiben. So hatte das Modelabel Gucci Anfang des Jahres einen Pullover auf den Markt gebracht, dessen Rollkragen das Gesicht schwarz bedeckt und die Mundpartie rot umrahmt.

Im vergangenen Dezember musste die Marke Prada ein Schaufenster in New York von einer Figur befreien lassen, die viele Menschen an rassistische Karikaturen erinnert hatte. Einige Monate zuvor hatte der Rapper Drake für Aufruhr gesorgt, als er sich in einem Clip mit schwarz geschminktem Gesicht und knallroten Lippen zeigte.

nil/AFP



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