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Party-Logbuch München: So feiern die Bayern

Foto: Bettina Koller

Party-Logbuch München "Man kann hier trotzdem Spaß haben"

Ja, Klischees gibt es viele. Nur: Welche stimmen? Judith Liere verbrachte eine Nacht in München, trank Cocktails von Mixologen, bouncte, bis ihre Knie schmerzten, und sah am Ende zumindest zwei Vorurteile bestätigt.

21.00 Uhr: Wahrscheinlich gibt es über kaum eine deutsche Stadt mehr Vorurteile und Klischees als über München. Für ausländische Touristen ist die bayerische Landeshauptstadt so, wie sie sich das typische Deutschland vorstellen: voll mit Leuten, die Dirndl und Lederhose tragen, einen merkwürdigen Dialekt sprechen und nicht nur zum Oktoberfest jede Menge Bier trinken. Jüngere Menschen, vor allem solche, die gern feiern oder in Berlin wohnen, finden München oft teuer, schnöselig, provinziell - und wahnsinnig langweilig.

"Schmarrn", sagt Lili, die mir an diesem Donnerstag das Nachtleben zeigen wird. Sie ist 27, geborene Münchnerin, schreibt gerade ihre Diplomarbeit in Soziologie. "Ein echtes Münchner Feierkindl" kann man über sie im Internet lesen: Lili legt unter ihrem DJ-Namen Lili Tralala in Klubs auf, am liebsten Hip-Hop.

Auf geht's: Den Abend startete Judith Liere (M.) in der Spezlwirtschaft

Auf geht's: Den Abend startete Judith Liere (M.) in der Spezlwirtschaft

Foto: Bettina Koller

An unserem ersten Treffpunkt wird es erst mal bayerisch-gemütlich. Wir sitzen in der Spezlwirtschaft in der Innenstadt, einem der ältesten Gebäude Münchens. Das Wirtshaus stammt aus dem 13. Jahrhundert, ist aber hell und freundlich eingerichtet: Große Industrielampen hängen über den Holztischen, auf der Theke steht ein DJ-Pult. Keine Spur von bierseliger Volkstümelei. Tradition findet man eher auf der Speisekarte: Mit Spanferkel, Spinatknödel und Rahmfleckerl kann man eine deftige Grundlage für den Ausgehabend legen.

Auffällig sind die vielen jungen Männer mit Baseballcap und Vollbart. "Ein Stockwerk tiefer ist ein Hip-Hop-Klub, das Crux", erklärt Lili. "Da geht meistens so superjunges Publikum hin. Aber heute Abend legt Jazzy Jeff auf!" Jazzy Jeff ist ein Hip-Hop-Urgestein aus den USA, der angeblich das Scratchen erfunden und in den Achtzigern mal mit Will Smith Musik gemacht hat.

Goldene Bar: Barkeeper nennen sich hier Mixologen

Goldene Bar: Barkeeper nennen sich hier Mixologen

Foto: Alescha Birkenholz

22.30 Uhr: Vor drei Uhr morgens werde Jazzy Jeff sicher nicht auflegen, haben uns Lilis Hip-Hop-Freunde informiert, deshalb ziehen wir weiter in die Goldene Bar im Haus der Kunst. Hier sieht es aus, wie man sich Münchens Nachtleben vorstellt: sehr schick mit vornehm gekleideten Barkeepern, Männern in Anzügen und teuer aussehenden Frauen, die sich mit Bussi-Bussi begrüßen. "Ich weiß schon - das ist das, was viele an München so ankotzt", sagt Lili. Aber sie findet, man sollte einfach "gelassen bleiben und das locker angehen. Man kann hier trotzdem Spaß haben. Und die Cocktails sind fantastisch".

Die Barkeeper, die sich hier Mixologen nennen, betreiben die Getränkezubereitung mit konzentriertem Ernst und viel Akribie, stäuben hier ein Gewürz darüber, bröseln dort noch ein paar getrocknete Blumen hinein. Um die zehn Euro kostet so ein Drink, Lili finanziert sich solche Vergnügen mit Auflegen oder Jobs als Kellnerin. "Man kann hier aber auch einfach ein Bier trinken", sagt sie. Am liebsten kommt sie im Sommer am Sonntagnachmittag zum Sundowner her: "Dann ist die halbe Stadt da, und man erzählt sich, was man am Wochenende erlebt hat."

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Foto: Alexandra Polina

Unterhalb der Goldenen Bar liegt übrigens Münchens berühmtester Klub: das P1. Aber da will Lili nicht rein: "Da sind 17-Jährige, die Daddys Kohle für Champagnerflaschen raushauen." Zumindest eines der Klischees über München scheint zu stimmen.

23.30 Uhr: In einer ziemlich langweiligen Ecke der Innenstadt, am Oberanger, steht überraschenderweise eine sympathische Bar namens Unter Deck: ein langer, schlauchartiger Raum mit schwarz und dunkelrot gestrichenen Wänden und mit einer kleinen Bühne am Ende, auf der an diesem Abend allerdings kein Künstler, sondern nur ein ausgestopfter Pelikan steht.

Die Gäste hier sind zwischen 20 und 40, gehören eher zur Turnschuhträgerfraktion und trinken größtenteils Bier. Die Standardmenge in München ist meist ein halber Liter, möchte man nicht ganz so viel, kann man darauf hoffen, dass man auch 0,33 Liter bekommt - was aber längst nicht überall geht, weil manche Wirte gar keine entsprechenden Gläser haben. Oder man bestellt einen "Schnitt", so wie wir es tun: Da wird das große Glas schnell und mit viel Schaum gefüllt, wenn der sich setzt, ist das Glas ungefähr bis zur Hälfte voll. Wir lümmeln uns auf eines der Chesterfield-Ledersofas und schauen einem Pärchen zu, das unter der Discokugel wild zur Sixties-Musik tanzt, die zwei DJs auflegen.

1.00 Uhr: Eine letzte Bar will Lili mir noch zeigen, bevor es spät genug ist, um in einen Klub zu gehen. Die Wedding Chapel in der Thalkirchner Straße am Rande des Ausgehviertels Glockenbach ist nicht einfach zu finden, es hängt nämlich kein Schild am Eingang.

Drinnen treffen wir auf Simon, einen volltätowierten Barkeeper mit Baseballcap und dicken Oberarmen im Muscle-Shirt, der Lili kennt und offensichtlich sehr von ihr angetan ist. "Du darfst alles, Baby", säuselt er, und: "Die Frau gehört verboten, weil sie so geil ist." Lili nimmt's gelassen. Ein guter Ort zum Vorglühen sei das, sagt sie, als wir an einem der winzigen Tische sitzen, die - ebenso wie die kleinen Stehlampen darauf - ziemlich vollgekritzelt sind. "Ich mag den Laden, weil das eine der wenigen dreckigen Kneipen ist, die es im immer schicker werdenden Glockenbachviertel noch gibt." Dreckig stimmt - der Boden klebt ziemlich fies, und Lili rät: "Falls du aufs Klo musst, geh lieber im nächsten Laden."

Yib Yab: "Old-School-Hip-Hop-Fans, die es real keepen", sagt Lili.

Yib Yab: "Old-School-Hip-Hop-Fans, die es real keepen", sagt Lili.

Foto: Bettina Koller

2.15 Uhr: Wir laufen ein paar Meter weiter die Straße entlang, zum Yib Yab, einem Hip-Hop-Klub, in dem Lili auch selbst oft auflegt. Der Kellerklub ist schlicht eingerichtet: eine Bar, ein DJ-Pult, ein paar alte Turnböcke. Es ist ein Raum zum Tanzen oder vielmehr zum Bouncen, denn auf dem Holzboden des Klubs stehen fast ausschließlich Männer mit Baseballcap und Kapuzenpulli, die im Takt der Musik mit den Knien wippen und mit dem Kopf nicken. "Old-School-Hip-Hop-Fans, die es real keepen", sagt Lili. Ich wippe ein bisschen mit; als mir nach einer halben Stunde die Knie wehtun, entscheide ich mich, ins Bett zu gehen. Ich bin untrainiert in Sachen Hip-Hop. Lili hingegen will noch ins Crux, zu Jazzy Jeff. Draußen vor dem Klub torkelt eine Gruppe Betrunkener vorbei, zum ersten Mal an diesem Abend sehe ich Männer in Lederhosen in München. Es sind italienische Touristen.

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Foto: Plainpicture/ Photocake.de

Ausgabe 3/2014

Oh!
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