Party in Trier: Gefühlte 60 Grad auf der Tanzfläche
Party in Trier Wo ist denn hier der Notausgang in die Gegenwart?
18.15 Uhr: In Trier wandelt man auf großen Spuren. Die Römer waren da, Napoleon war da, Goethe war da. Nach langer Zugfahrt bin auch ich angekommen und laufe unter der Porta Nigra hindurch, dem antiken Wahrzeichen der Stadt an der Mosel. Vor rund 2000 Jahren war Trier eine der vier Hauptstädte des Römischen Reichs und zeitweise die größte Metropole nördlich der Alpen. Heute ist Trier eine vergleichsweise kleine Unistadt am Rande Deutschlands, und am Bahnhof hält nicht mal mehr ein Intercity.
19.00 Uhr: Ich treffe Antonia und Johannes, die mich durch den Abend begleiten wollen. Antonia stammt aus Trier, studiert Geschichte in Freiburg und verbringt ihre Semesterferien in der alten Heimat. Johannes ist Maschinenbauer und arbeitet seit einigen Jahren in der Stadt. Er sagt: "Ich mag es hier, aber der Massentourismus nervt." Knapp eine halbe Million Besucher kommen jedes Jahr nach Trier, viele davon sind pensionierte Studienräte und geschichtsinteressierte Rentner. Die grauhaarigen Massen besichtigen die zahlreichen römischen Baudenkmäler, gehen ins Museum - aber eher nicht in Bars und Klubs. Gibt es trotzdem einige Läden für junge Menschen?
19.20 Uhr: Wir sitzen auf der Terrasse des Astarix, eines Restaurants, das sehr beliebt sein soll bei den rund 14.000 Studenten der Stadt. Wir bestellen Pizza und "Viez", einen Trierer Apfelwein, und kommen mit Reni und Christoph ins Gespräch. Sie sind zwei der Besitzer des Astarix, das 1979 vom Asta der damals neu gegründeten Universität in Trier eröffnet wurde. Seinerzeit habe es kaum Treffpunkte für Studenten gegeben, erinnern sich die beiden. Viele alteingesessene Bürger hätten den "langhaarigen Chaoten" misstraut, die fortan durch die konservative Stadt geisterten. Doch wie die Gallier in den Asterix-und-Obelix-Comics trotzten die Studenten des Astarix den Bewohnern der Stadt und deren römischem Erbe. "Wir sind immer noch da", sagt Reni.
Ausgabe 5/2015
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20.30 Uhr: Wir spazieren durch die Brückenstraße und erreichen Haus Nummer 10, wo am 5. Mai 1818 ein Mann das Licht der Welt erblickte, der selbige revolutionieren sollte: Karl Marx. "Hier werden täglich Busladungen von Chinesen rausgeworfen", sagt Johannes. Abends ist es vor Marx' alter Haustür allerdings gespenstisch still, und wir beschließen weiterzuziehen.
21.00 Uhr: Umgeben von mittelalterlichen Gemäuern und beschattet von mächtigen Kastanien ist der Biergarten Petrusbräu ein besonders lauschiges Plätzchen. Am Nebentisch sitzen die Psychologiestudenten Mia und Bennie. Das Problem sei, dass man in Trier zu vorgerückter Stunde kaum noch Ausgehmöglichkeiten habe, sagt Mia. Außerdem seien die Einheimischen sehr verschlossen und sprächen einen komischen Dialekt. Zum Glück gebe es viele nette Zugezogene, die Hochdeutsch beherrschten und regelmäßig WG-Partys veranstalteten.
22.15 Uhr: Wir ziehen weiter durch das Freilichtmuseum, das die Trierer für ihre Innenstadt halten, und stoppen kurz am Pranger, an dem man im Mittelalter schon wegen kleinster Vergehen angekettet wurde: Wer wollte, durfte den Gefangenen attackieren. Zur Beruhigung legen wir etwas später an einem Weinstand am Hauptmarkt eine Pause ein. Trier ist weltberühmt für seine Weißweine. Wir bestellen drei halbtrockene und mischen uns unter die fröhlichen Senioren. Dann treffen wir zu unserer Überraschung auf eine Gruppe unter 30-Jähriger, die sich als BWL-Studenten zu erkennen geben. Trier sei "laaangweilig", begrüßt uns Lisa, 24. Daniel, 26, ist prinzipiell gleicher Meinung, findet den Weinstand aber "cool": Bei gutem Wetter komme es hier unter Studenten regelmäßig zum "Meet and Greet".
22.45 Uhr: Zu unserer Linken erhebt sich der imposante Dom, das höchste Gotteshaus Triers und eine von über 30 Kirchen der Stadt. Als Goethe 1792 in Trier weilte, verspottete er die Stadt als "altes Pfaffennest". Damals gab es aber noch viel mehr sakrale Gebäude. Wenige Jahre nach dem Besuch des großen Dichters marschierten nämlich französische Truppen ein, und Napoleon ließ ein Dutzend Kirchen und Klöster abreißen. Die Stadt ist eine Art Zeitmaschine - und irgendwie fehlt der Notausgang in die Gegenwart.
23.15 Uhr: Wir erreichen eine Kneipe mit dem Namen Simplicissimus. Im schmalen Eingangsbereich steht eine lange Holztheke, an den Wänden hängen Fotos alter Stammgäste, es wird Hardrock gespielt. Etliche Einheimische stehen rauchend beieinander und sagen Sätze, die man unmöglich verstehen kann. Mein Simultandolmetscher Johannes bringt uns einige Brocken Dialekt bei: "Ich" heiße "eich", "du" heiße "dau" und "Geld" "Lowie". Ist der Trierer begeistert, ruft er nicht "Super!" oder "Spitze", sondern "Sauwer die Hoor g'schnidde!", was sich mit "super Haarschnitt" übersetzen lässt. Um die Mundart besser ertragen zu können, bestellen wir "Don Promillo", einen Schnaps mit Chili. Während ich versuche, wieder Luft zu bekommen, sagt Antonia, dass wir unbedingt bald losmüssten, wenn wir noch tanzen wollten: "Die Klubs in Trier schließen früh", sagt sie. Also zahlen wir die Zeche und schieben "Lowie" über den Tisch.
1.00 Uhr: Zum Tanzen geht's in die VillaWuller. Zu unserer Überraschung erwartet uns vor dem Klub eine lange Schlange. Auf der Tanzfläche ist es gefühlte 60 Grad heiß und fast dunkel. Wir trinken Wodka-Mate. Über dem DJ-Pult schwingt ein Kronleuchter hin und her. Die Stimmung ist gut, der Sound auch: willkommen in der Gegenwart. Nach zweieinhalb Stunden sind wir völlig durchgeschwitzt und beschließen, zurück in die Vergangenheit zu gehen. Vor den Stufen des mittelalterlichen Marktkreuzes verabschieden wir uns und gehen schlafen.
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