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Party-Logbuch Frankfurt: "Bist du ein Bulle, oder was?"

Foto: Malte Jäger/ Laif/ UniSPIEGEL

Party-Logbuch Frankfurt (Oder) Wo die wilden Kerle housen

Zum Wochenende fliehen die meisten Studenten aus Frankfurt an der Oder, Maximilian Popp fuhr hin. Stundenlang irrte er durch eine leere Stadt und traf in einer Großraumdisco Frauen mit lilagefärbten Haaren und rasierte Herren. Um 2 Uhr morgens war dort Schluss mit lustig.

19.45 Uhr
Die Nacht beginnt mit einem Irrtum. Ich hatte am Vortag Alex angerufen, einen Bekannten aus Berlin. Alex hat in Frankfurt (Oder) sechs Semester Kulturwissenschaft studiert. Er schien mir der ideale Begleiter zu sein: ein Führer durch den Osten. Ein Stringer, der mich auf wilde Partys in leeren Plattenbauten schleppen würde und in polnische Spielhöllen, zu verrückten Künstlern oder wenigstens einer Gruppe feierwütiger Studenten. Nun sitzen wir in der Regionalbahn von Berlin nach Frankfurt (Oder).

Der Zug passiert gerade den Ort Fangschleuse, neben uns schläft ein Bundeswehrsoldat, ein Rentner führt im Gang einen Pudel spazieren. Dann erzählt Alex, er habe während des Studiums wie die meisten seiner Kommilitonen gar nicht in Frankfurt (Oder), sondern in Berlin gewohnt. In drei Jahren habe er keine einzige Nacht in Frankfurt (Oder) verbracht. Er kenne dort eigentlich niemanden und könne sich auch an keine Bar und keinen Club erinnern. Er sei nur mitgekommen, weil ich ihm versprochen habe, die Getränke zu bezahlen.

20.30 Uhr
Wir laufen vom Bahnhof in das Stadtzentrum. Eine Polizeistreife fährt Patrouille, ansonsten sind die Straßen fast leer. In der Ferne leuchtet der Oderturm, ein Einkaufszentrum. Alex schlägt vor, in Polen essen zu gehen. Frankfurt und die polnische Kleinstadt Slubice trennt nur die Oder. Seit der Grenzöffnung 2004 pendeln die Bürger der beiden Orte beliebig hin und her. Wir kaufen Zigaretten in einem Kabuff, das einmal ein Grenzposten gewesen sein muss.

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Studentenstädte im Nachttest: Was können Köln, München, Rom?

Foto: Alexandra Polina

Aus einem Lokal am Marktplatz dringt Musik. Ältere Herren und Damen in Anzügen und Abendkleidern tanzen zu polnischen Volksliedern. Im Sopranos, einer Pizzeria, treffen wir zwei deutsche Studenten. Sie erzählen, Partys würden in Frankfurt, wenn überhaupt, unter der Woche steigen. Samstags flüchteten sämtliche Studenten nach Berlin. Und wer trotzdem in Frankfurt feiern will? Die beiden zucken mit den Schultern.

22.15 Uhr
Zurück in Deutschland. Erstaunlich viele deutsche Barbetreiber benennen ihre Kneipen nach dem Schriftsteller Ernest Hemingway. In Passau ist das so, in Köln, auch in Frankfurt (Oder). Wahrscheinlich soll der Name Verwegenheit suggerieren oder Lässigkeit. Vor der Tür des Frankfurter Hemingways brennt tatsächlich ein Lagerfeuer, drumherum stehen Frauen in kurzen Röcken.

Drinnen baumeln Luftballons von der Decke, an der Wand hängt ein Hemingway-Porträt. Der DJ spielt deutsche Schlager. Ich versuche gerade zu begreifen, was für ein Publikum sich in dem durchaus merkwürdigen Laden versammelt hat, als ein breitschultriger Mann mit Stiernacken und schwarzem Mantel nach meinem Arm greift und mich zum Ausgang zerrt. "Sorry, geschlossene Gesellschaft", sagt er.

22.45 Uhr
Wir irren eine Weile durch Frankfurt auf der Suche nach einer Bar. Ein Jugendlicher, der etwas verloren auf einer Bank vor der Viadrina-Universität sitzt, rät uns, ins Halbzeit zu gehen. Dort sitzen die Gäste auf weißen Ledersofas und trinken Cocktails in ungesunden Farben. Aus den Boxen perlt Lounge-Musik, Flachbildschirme übertragen die Wiederholung eines Fußball-Bundesligaspiels. Wir kommen mit Jenny ins Gespräch, einer Jurastudentin. Jenny ist nach Frankfurt gezogen, um deutsches und polnisches Recht zu studieren. Sie sagt, Frankfurt werde unterschätzt. Die Stadt sei angenehm klein, das Umland hübsch und die Uni interessant. Sie sei gern hier. Was sie stört, sind die Kommilitonen, die andauernd nur über das tolle Berlin sprechen.

23.30 Uhr
Der netteste Laden in Frankfurt (Oder) heißt WG-Bar und sieht aus wie ein Wohnzimmer: Vintage-Möbel, eine improvisierte Bar, Kacheln an der Wand. Wir spielen eine Runde Tischfußball mit Thorsten und Sven, beide Mitte 30, aus Frankfurt. Die meisten ihrer Freunde seien längst weggezogen, nach Berlin, Leipzig oder Hamburg. Aber es könnten eben nicht alle verschwinden, finden sie. Eine Zeitlang glaubten die beiden, Studenten von außerhalb könnten die Stadt beleben. Es sind immerhin mehr als 6000. Doch die wenigsten wohnten wirklich hier. Und wenn, dann blieben sie unter sich. Alex sagt, die Stadt müsste sich eben mehr um junge Leute bemühen: Festivals organisieren, Künstler einladen, solche Sachen. "Ach was, du kannst machen, was du willst", antwortet Sven. "Gegen Berlin kommst du nicht an."

00.40 Uhr
Grabow, sagen sie in Frankfurt, regiert die Stadt. Grabow, Unternehmer, Gastronom, besitzt hier drei Clubs: Das Bananas, das Bellevue und das Kamea. An diesem Samstag hat jedoch lediglich das Kamea geöffnet. Wir würden gern ein Taxi nehmen, aber wir finden keins. Also laufen wir eine dunkle Straße entlang, durch einen Park, vorbei an Plattenbauten, Häuserruinen, stillgelegten Gleisen. Wir sind halb erfroren, als wir im Kamea, einer ehemaligen Fabrik, ankommen. Jugendliche steigen aus getunten VW-Golfs. Die Türsteher am Eingang winken uns durch.

02.15 Uhr
Die Nacht endet, wie sie begonnen hat: mit einem Irrtum. Alex und ich dachten, in einer Frankfurter Großraum-Discothek, zwischen Hunderten Leuten, würden wir niemals auffallen. Irgendwie jedoch scheint im Kamea jeder jeden zu kennen. Wir werden von den anderen Gästen mit Misstrauen bedacht. Wie Eindringlinge. Maschinen blasen künstlichen Nebel in den Raum, auf Großleinwänden flimmert Bacardi-Werbung, Männer in Muskel-Shirts und Frauen mit lila Strähnen in den Haaren tanzen zu House. Ein Typ mit rasierten Augenbrauen schlägt mir meinen Notizblock aus der Hand: "Alter, bist du ein Bulle, oder was?"

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Foto: Frauke Thielking

Ausgabe 6/2013

Die Super-Streber
Warum viele Studenten so ehrgeizig sind

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