Party-Logbuch Kiel Hocker dir einen

Einst entstand in Kiel ein Trend: das Hockern. Partyfachmann Markus Flohr schlüpft darum in ein rotes Dress und will den "Sport" von seinen Erfindern lernen. Doch die Veteranen lassen sich bitten, wenigstens landen am Ende alle in einem Rettungsboot.

DPA

18.00 Uhr
Ich bin auf dem Weg nach Kiel, der Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein, in der es 30.000 Studenten gibt. 2008 flog von hier ein Trend übers Land: Junge Menschen schmissen Plastikhocker, die ein wenig wie Autoachsen aussehen, in die Luft, mit Vorliebe in der Kneipe; sie rotierten und balancierten sie, rollten darauf, zu Musik mit Beat, und benahmen sich, als wäre der Hocker ein Skateboard und der Boden die Halfpipe. Der nicht ganz ernst gemeinte Sport "Hockern" war geboren.

Die drei Jungs aus Kiel, die das Hockern erfunden hatten, nannten sich "Romski Laroid", "Ben Denn" und "Orc von Rumänien". Man erkannte sie daran, dass sie jederzeit rote Trainingsanzüge mit weißen Streifen trugen. Sie heißen in Wirklichkeit Helge, Nico und Markus und richteten noch immer einmal im Jahr eine inoffizielle WM aus, die sie "Hocktoberfest" nennen. Mit ihrer Idee schafften sie es bis in Stefan Raabs Sendung "TV Total".

Heute Abend, sechs Jahre später, bin ich mit Ben und Orc, mittlerweile beide Ende dreißig, verabredet, um das Nachtleben von Kiel zu erkunden. Vielleicht kann ich lernen, wie Hockern geht.

22.00 Uhr
Ich stehe vor der Kneipe "Palenke" und schiele durch die Scheibe: Orc und Ben sind schon da. Als Verbeugung vor ihren Verdiensten ums Hockern trage ich heute einen knallroten Trainingsanzug - so wie die "Hockstars" damals im Fernsehen zu ihrer großen Zeit. Die beiden sind in Jeans und Jacke gekommen, ich dagegen habe eine rote Mütze auf und einen roten Schal um. Eine Gruppe junger Mädchen drückt mich von der Tür weg. "Ey, Müllmann!", sagt eines. Ich nehme allen Mut zusammen und gehe in die "Palenke". Orc sieht mich zuerst. Und bekommt große Augen. Ich glaube, das mit dem Anzug war eine schlechte Idee.

22.30 Uhr
"Früher", sagt Ben dann beim zweiten Bier, "war vor allem die Damenwelt hocherfreut, dass wir so sportlich-enge Sachen trugen." Orc schweigt und senkt den Blick Richtung Bauch: Man ist älter und dicker geworden. Sie erörtern, ob sie zumindest noch ihre roten Bademäntel von zu Hause holen sollen - im gemeinsamen Dress fühle man sich gleich viel mutiger, sagt Ben, "wie eine Armee!" Leider bleibt es nur bei der Idee.

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00.00 Uhr
Die Bar "Sternstunde" liegt im Parterre eines Kieler Bürgerhauses nicht weit vom Schreventeich entfernt. Neben dem Tresen stehen ein paar Sporthocker: die Plastikdinger, mit denen man hockert. Ich schnappe mir einen und bitte um eine Trainingsstunde. Orc und Ben reagieren zurückhaltend. "Nee, passt nicht", sagt der eine. "Nee, lass mal was trinken", der andere. In der "Sternstunde" ist kaum ein Platz frei, viele Studenten sind gekommen, man trägt Jeans, bunte Funktionsjacke und Mütze - draußen wie drinnen, denn "nasse Luft", sagt Orc, ist in Kiel das ganze Jahr, überall. Wir setzen uns. Orc bringt Bier. Ben stellt mir Antje vor, eine Frau mit glitzernden Strumpfhosen und langen, blonden Haaren. Ihr Blick wandert über meinen roten Anzug. Was wir in Kiel wollen? Nachtleben? "Viel Spaß bei der Suche", sagt sie, "in unserem Landeshauptdorf". Jetzt will ich endlich lernen, wie man hockert.

00.30 Uhr
Ich schleppe Orc, Ben und einen Sporthocker vor die Tür. Sie schauen sparsam. Ich werfe den Hocker in die Luft, fange ihn, setze mich. Dann tippe ich mit dem Fuß gegen den Rand, wie ich es bei ihnen immer gesehen habe. Der Hocker fällt um und rollt weg. Ich versuche, darauf zu hüpfen und mit dem Hocker zu rollen, rutsche aber weg. Er poltert wie ein havarierter Mülleimer auf den Bürgersteig. "Die Nachbarn", zischt Ben. "Wir lassen das jetzt mal", sagt Orc.

01.00 Uhr
Wir ziehen zur Bergstraße, Kiels Feier-Boulevard: In Grüppchen steht das Jungvolk vor einer Handvoll Kneipen, Clubs und Nachtimbissen. Es nieselt, auf dem Bürgersteig bilden sich Pfützen, in die einige Spaßvögel hineinspringen. Die Bergstraßen-Meile ist abschüssig, sie kippt zum Wasser hin, von weitem kann man einen See glitzern sehen, den "Kleinen Kiel". Dahinter schwappt das Wasser der Ostsee an die Kaimauern.

Über der Bergstraße wachen graue Kastenhäuser aus der Nachkriegszeit, größere Teile der Innenstadt sehen so aus. Graue Neubauten neben grauen Neubauten - das ist, was flüchtige Besucher von der Stadt sehen. Die Schweden und Norweger zum Beispiel, die morgens mit Fähren ankommen, um den günstigen deutschen Alkohol zu kaufen und abends wieder abreisen, weil sie sonst nichts entdeckt haben in Kiel.

01.10 Uhr
Am Eingang des "Tucholsky" werden wir angehalten: kein Einlass. Es geht um meinen Anzug. "Wir sind kein Sportplatz", sagt der Türsteher. "Aber sieht doch super aus!", sagt Ben. "Hat in Kiel Tradition", fügt Orc hinzu. "Ja, find's auch gut", sagt der Türsteher. "Aber ist eben ein Sportanzug." Ein Kollege tritt ihm nah ans Ohr und flüstert. Ich nehme die Mütze ab und schaue nett. Dann komme ich doch durch.

01.20 Uhr
Endlich im "Tucholsky"-Disco-Center unter der Bergstraße. Es geht über Treppen immer weiter, tiefer in die Katakomben von Kiel. Wie ein System aus Luftschutzbunkern sieht die Disco aus, jeder Bereich hat einen anderen Namen, "Voltaire", "Böll", "Tucholsky". Da hinten läuft Hip-Hop, hier vorn "Rammstein", nebenan spielen sie Billard an 20 Tischen gleichzeitig. Da sondern sich vier, fünf junge Männer ab, um sich zu prügeln, sie schimpfen und schubsen schon, einer greift die Bierflasche am Hals und holt aus - eine Frau hinterm Tresen schreit ihn an, dass er das mal lassen möge, und in ihrer Hand hält sie ein gutes Argument, auch eine Flasche, aber die ist größer als seine, und es ist noch etwas drin.

03.00 Uhr
Wir spannen aus im "Luna". Im Keller dieses Clubs trainieren Orc und Ben unter der Woche tatsächlich noch immer reglmäßig mit ihren Hockern. Ben erzählt mir vom Hockern. Nach den ersten Erfolgen, als der "Sport" langsam bekannt wurde, begann sich die Szene in Kiel zu spalten: Da waren sie, die "Hockstars", Szenegänger um die dreißig, die das Ganze eher als subkulturelles Experiment sahen. Auf der anderen Seite junge Kieler Studenten, die einen Sport daraus machen wollten - und einen Job. Irgendwann krachte es. Jetzt rufen Ben, Orc und ihr Freund Romski nur noch alle zwei Jahre zum "Hocktoberfest" nach Kiel.

04.30 Uhr Noch ein Glas Wasser im "Weltruf". Ein Laden wie ein Schiff, von der Diele über die Lampen bis zur Decke eingerichtet mit nautischem Mobiliar: Mitten aus der Tanzfläche wächst der Rumpf eines Segelschiffs mit Meerjungfrau und Bugsprit, eingerahmt von Tauen, Kompass, Taucherglocke, Sturmlampen und Seekarten. An den Wänden Bilder von Seeschlachten, gegen die Schweden, gegen die Dänen. Auf der Brücke steht das Musikpult und gibt den Kurs vor. Wir nehmen Platz in einem der Rettungsboote, die unter der Decke hängen, und schauen auf die 20 Leute, die noch immer auf der Tanzfläche schunkeln.

05.20 Uhr Hauptbahnhof, Gleis 2. Wir kaufen den ersten Kaffee. Ben und Orc mustern noch einmal meinen roten Anzug. Der hat nun ein paar Flecken und viele Falten, und klamm ist er auch. Ben grinst. Ich grinse. Orc grinst. "Nee...", sagt Orc, "siehst gut aus. Und du nervst ja ganz wenig."

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Andr.e 14.02.2014
1.
Zitat von sysopDPAEinst entstand in Kiel ein Trend: das Hockern. Partyfachmann Markus Flohr schlüpft darum in ein rotes Dress und will den "Sport" von seinen Erfindern lernen. Doch die Veteranen lassen sich bitten, wenigstens landen am Ende alle in einem Rettungsboot. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/party-logbuch-feiern-in-kiel-a-953083.html
Nur in einer so kargen und unwirtlichen Landschaft ist es möglich, dass Leere im Schädel auf eine dumme Idee prallt und zur Ausführung gelangt. Student in Kiel - das muss die Hölle auf Erden sein.
lasse.wissmann 14.02.2014
2. ins
man geht "ins palenke".trotzdem ein amüsanter Bericht
Victor Salomakhin 14.02.2014
3. hach ja...
Zitat von Andr.eNur in einer so kargen und unwirtlichen Landschaft ist es möglich, dass Leere im Schädel auf eine dumme Idee prallt und zur Ausführung gelangt. Student in Kiel - das muss die Hölle auf Erden sein.
hey, schöner Text, ich werde ganz sentimental. Alle Läden bis auf einen gab es zu meiner Studi-Zeit 88-93 auch schon. Einschließlich Kieler Dresscode Jeans & Funktionsjacke... ...und auch die "boah, is das proviziell-hier" Fraktion gabs schon.
gadus 14.02.2014
4. Karge und unwirtliche Landschaft?
Zitat von Andr.eNur in einer so kargen und unwirtlichen Landschaft ist es möglich, dass Leere im Schädel auf eine dumme Idee prallt und zur Ausführung gelangt. Student in Kiel - das muss die Hölle auf Erden sein.
Naja, so wie Sie im Minutentakt Beiträge absondern, scheint sich in Ihrem Umfeld auch nicht gerade viel zu ereignen ;) Nebenbei: Waren Sie schon mal in Kiel?
dassackerl 14.02.2014
5. Student in Kiel zu sein...
---Zitat--- Student in Kiel - das muss die Hölle auf Erden sein. ---Zitatende--- Ich kann ihnen versichern, das ist es nicht!
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