Party-Logbuch Freiburg Kniet nieder vor der Säule der Toleranz

"Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt," sangen Tocotronic über Freiburg. Jetzt hat sich Markus Flohr in das Nachtleben der Breisgaumetropole gestürzt und viel Liebenswertes entdeckt. Die Weinseeligkeit der Studenten zum Beispiel - und die "Säule der Toleranz".

Andree Kaiser

13.00 Uhr
Ich bin in Freiburg, und leider regnet es. Mein Freund Rudi wuchs in der Stadt auf und wird mich später ins Nachtleben einführen. Jetzt lotst er mich per Telefon durch die Gassen bis zum Freiburger Münster, das sich bescheiden "schönste Kirche Deutschlands" nennt. Einen seltsamen Humor hatten die Baumeister des Münsters: Jeder Wasserspeier, der Regenwasser vom Dach ableiten soll, schaut aus wie ein Spottbild: Da ist ein nervöser Geißbock, ein böses Schwein mit Ferkeln, ein ärgerlicher Löwe, ein Ochse, ein Hirsch, etliche Dämonen. Dort ein Mann, der den Hintern von sich streckt, da eine Frau, die eine Säule umklammert. Allen Dämonen läuft Wasser aus Mund, Maul oder einer anderen Öffnung.

19.00 Uhr
Ich gehe mit Rudi und seinen Schulfreunden Uli, Silvia und Tobi aus, wir wollen erst einmal gepflegt essen. Alle bis auf Rudi sind Lehrer, wohnen hier in der Gegend und haben Kinder. Ich bestelle einen Wein, einen Spätburgunder, der Name klingt gut. Tobi übt Kritik: "Hast du den mit Absicht bestellt? Weißt du, wie der schmeckt?" Tobi nimmt lieber einen Grauburgunder, Rudi lässt seinen Chardonnay zurückgehen, weil er Kork hat. Das mit dem Wein ist eine ernste Sache in Freiburg.

21.45 Uhr
Freiburg, wo die Grünen bei Wahlen meist 30 Prozent bekommen, ringt mit seinem Nachtleben. Die engen Gassen der Altstadt laden zum Spazieren ein, sie sind gemütlich und verwunschen, aber am Samstagabend werden sie ihren Bewohnern zur akustischen Belastung. Studenten, Jugendliche und Touristen ziehen umher und trinken, reden und singen bis spät in die Nacht. Es hallt wie in den Katakomben von Paris. Vor gut fünf Jahren wollte der grüne Bürgermeister von Freiburg den öffentlichen Alkoholgenuss daher verbieten, aber ein Doktorand klagte dagegen und bekam recht.

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Studentenstädte im Nachttest: Was können Köln, München, Rom?
Am Augustinerplatz, wo abends immer besonders viel los ist, ließ der Bürgermeister daraufhin eine leuchtende Säule aufstellen, die für Ruhe sorgen soll, wenn es dunkel wird. Sie heißt "Säule der Toleranz" und schillert tagsüber in Regenbogenfarben. Ab 22 Uhr wechselt sie auf Grün, um 23 Uhr auf Rot. Das heißt: Ruhe, ab nach Hause! Die Leute bekleben, treten, besudeln die Säule, sie huldigen ihr höhnisch, knien nieder, und wenn die Nacht sehr heiß ist, wird sie bespuckt und mit Flaschen beschmissen. Einmal hat jemand die Säule der Toleranz in Brand gesetzt. Das Ding sorgt für alles Mögliche, aber nicht für Ruhe.

23.00 Uhr
"Schlappen" heißt das Lokal. Der "Schlappen" steht über einer Kloake aus dem Mittelalter. Auf dem Klo kann man durch ein Metallgitter nach unten schauen, ein paar Meter tief in eine Art Verlies. Dort liegt ein Skelett aus Plastik. Vor der Tür sitzen die Gäste auf Bierzeltbänken und diskutieren über die Bundestagswahl. Unter lautem Quietschen stoppen drei Radfahrer, Rennradpiloten mit Kappe, Bart und Wohlstandshintern in Radlerhose. "Absitzen", ruft der Radrudelführer, "da isch de Schlappe!" Willkommen, denke ich, Helden des Randstreifens, was haben wir auf euch gewartet.

Etliche Clubs der Stadt liegen im Keller

Wir verziehen uns ins Hinterzimmer, zum Quatschen. "Kennst du dieses Lied von Tocotronic?", fragt Uli. Sie summt ein wenig, und ja, ich kenne es. 18 Jahre ist es alt, das erste Lied auf der ersten Platte, es heißt, wie passend, "Freiburg". Es beginnt so: "Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt." Später im Lied hasst Sänger Dirk von Lowtzow, der hier einst studierte, auch Freiburgs Tanztheater und Backgammonspieler, die ich nirgendwo gesehen habe. "Genau so", sagt Uli, "ist Freiburg. Wie dieses Lied." Das verstehe ich nicht. Vielleicht brauche ich doch noch einen Spätburgunder.

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01.30 Uhr
Wer tanzen will, muss in Freiburg meist unter die Erde. Etliche Clubs der Stadt liegen im Keller, das ist rücksichtsvoller. Der Keller, in dem das ELPI untergebracht ist, scheint seit etwa 1994 nicht mehr geöffnet gewesen zu sein. Es riecht und klingt und schaut aus, als käme gleich Kurt Cobain um die Ecke. Eine Horde junger Männer in schwarzem Shirt mit aufgedruckter weißer Krawatte hottet über die Tanzfläche. Tobi kennt einen, und - zack - sind wir mitten im Junggesellenabschied. "Party!", schreit der Typ vor mir, "feiern!" Rudi fragt, was ich trinken will. In dieser Lage natürlich einen Spätburgunder. Er bringt ein ganzes Bierglas voll. Der Wein schmeckt scheußlich.

03.00 Uhr
Wir traben durch die leere stille Innenstadt. Ein kleiner Schauer fällt vom Himmel. Im Bächle links, im Bächle rechts gurgelt gleichmäßig das Wasser. Das Münster reckt seinen Turm wie einen Zeigefinger in die dunklen Wolken. Aus den Wasserspeiern tropft es leise. Wir stolpern durch einen Hinterhof und stehen vor der Sonderbar. So heißt wohl in jeder Stadt der Gay-Club, so heißt er auch in Freiburg. Wenn alles still wird ums Münster, wenn Freiburgs grünes Edelbürgertum in seinen Altstadtkemenaten selig schnarcht, dann ist in der Sonderbar noch was los. Ich bestelle zwei Cola. Der Wirt, Jochen, ein Kerl wie Obelix, bringt keine Cola, sondern zweimal Red Bull. Er nimmt den Schein und die Münze aus meiner Hand und klebt sie sich an die Stirn. Sie bleiben hängen.

04.00 Uhr
Die Säule der Toleranz ruht sanft im Nieselregen. In den Pfützen spiegelt sich ihr Regenbogen. Ein Polizeiauto schleicht vorbei, so langsam, als hätte der Autopilot die Beamten schlafen geschickt. Wohin? "Bleibt nur noch das 'Crash' am Bahnhof. Ein alter Punkladen", sagt Rudi. Der Ort, zu dem man geht, wenn man besser nirgendwo mehr hingehen sollte.

05.00 Uhr
Zwei Treppen führen runter ins Crash, schwarze Wände, Ketten aus Metall, Rampen aus Blech, überall Brüstungen und Stangen. Punk spielen sie nicht, sondern stumpfen Techno. Saunawärme drückt auf die Augenlider. Es schaut aus wie die Kulisse von "Alien", nur schlechter. Wie Puppen führen die Leute ihre Robotertänze auf: neben dem Tresen, vor der Wand, auf der Treppe, mitten im Saal. Weil man kein Wort versteht, redet auch keiner. Die Tanzenden fotografieren sich mit dem Telefon. Sie posieren wie Monster, strecken die Zunge raus, zeigen Zähne, Faust und Hinterteil. Es kommt mir so vor, als wären die dämonischen Wasserspeier vom Münster gekrochen.

Ich finde Freiburg ein bisschen unheimlich.

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Party-Ratgeber: Bitte eskalieren Sie jetzt!

insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
badbeardxb 25.10.2013
1. Ich habe vor gefühlten 100 Jahren...
in den 80ern in Freiburg studiert und bin entsetzt, dass es all diese öden Läden immer noch gibt...Freiburg ist eine Art Nahtoderfahrung, aus der Zeit gefallen, wo täglich das Murmeltier grüßt.
e-ding 25.10.2013
2. ...
Eine Säule der Toleranz und ein Alkoholverbot in der Öffentlichkeit; eine herrlich grüne Kombination.
KarlKo 25.10.2013
3. Klischee
Oh je, da bedient einer jedes Klischee über Freiburg. Schade. Wer die Stadt kennt, kann viel mehr sagen. Es gibt dort einiges zu Erleben... Spreche aus Erfahrung
sleb 25.10.2013
4.
Zitat von badbeardxbin den 80ern in Freiburg studiert und bin entsetzt, dass es all diese öden Läden immer noch gibt...Freiburg ist eine Art Nahtoderfahrung, aus der Zeit gefallen, wo täglich das Murmeltier grüßt.
Hahahaha, genialer Kommentar
Rickie 25.10.2013
5. Nix Großstadtflair
Freiburg ist überschaubar. Wer keine Großstadt erwartet, wird es lieben. Ganz so öde werden die Leute diese öden Läden nicht finden, wenn es die immer noch gibt.
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