Fotostrecke

Party-Logbuch: Mainz bleibt halt Mainz

Foto: Katrin Binner

Party-Logbuch Mainz Wo der Weinstubenwirt mit Kloppo angibt

"Schick" und "Schon Schön" heißen in Mainz nur die Bars, die Stadt selber gilt als hässlich. Stimmt nicht, meint Jana Baurmann. Sie versucht starke Schorle und Cocktails aus dem Messingbecher. Trinkt sie sich Mainz schöner, als es ist?

19.06 Uhr

Es ist klar, dass das ein weicher, samtiger Abend werden wird. In Mainz gibt es nämlich keine hart klingenden Konsonanten: kein T, kein scharfes S, dafür aber Laute, die einfach verschluckt werden. Das hört sich dann so an: "Un, was wolld'är drinke?" "Är", damit meint der Kellner meinen Bekannten Thomas und mich. Wir haben beide in Mainz studiert und hatten ein paar Germanistikseminare zusammen, einmal hielten wir gemeinsam ein Referat über "Akzentzusammenstöße". Jetzt, fünf Jahre später, sitzen wir im UDP Mainz, dem Vereinsheim des portugiesischen Fußballklubs UDP 1969 e.V., in dem es sehr leckeren Fisch gibt. Ansonsten: Neonröhren, an der Wand Schals und Wimpel, draußen billige Plastikstühle. "Relativ unschön", sagt Thomas.

21.36 Uhr

Einige meinen, dass ganz Mainz "relativ unschön" sei. Weil nicht überall Altbauten rumstehen und man sich im Zentrum mehr Mühe beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg hätte geben können. Einige finden auch, dass Mainz, wo mehr als 35.000 Menschen studieren, provinziell sei. Weil es zwar eine Landeshauptstadt ist, aber eben die rheinland-pfälzische. Ich meine, dass Mainz, direkt am Rhein gelegen, unterschätzt wird. Es gibt zum Beispiel die Planke Nord, ein Party-Areal am alten Zoll- und Binnenhafen, an dem an diesem Abend ein französischer DJ auflegt. "Sonst sind mehr Menschen hier", sagt Thomas und führt mich zur Bar, die in einem ausrangierten Schiffscontainer untergebracht ist. Wir bestellen Weinschorle. Es gibt auch "Piffche", das sind winzige Portionen Wein, nämlich 0,1 Liter.

23.00 Uhr

Dass wir in dieser Nacht irgendwann in einer Weinstube landen würden, war von Anfang an klar. In Mainz gehören Weinstuben dazu, so wie Biergärten zu Bayern und Kölsch-Kneipen zu Köln. In der Altstadt gibt es mehrere Weinstuben, die auch mal Weinkeller oder Weinhaus heißen, wir entscheiden uns für die Weinstube zum Bacchus und zweimal Weinschorle. Die meisten Weinstuben haben Fensterscheiben aus Butzenglas und drinnen eine Einrichtung aus Eiche rustikal. In Mainzer Weinstuben gibt es nicht nur Wein, sondern auch Spundekäs und Handkäs mit Musik. Musik ist eine fiese Anspielung darauf, dass auf dem Handkäs viele Zwiebeln liegen, die genau wie Kohl Flatulenzen auslösen sollen. Bevor man in einer Weinstube Schorle bestellt, sollte man wissen, dass der Begriff Schorle in Mainz anders definiert ist: Schorle bedeutet drei Viertel Wein, ein Viertel Wasser, nicht halb, halb, wie sonst. Der Wirt spielt konsequent Schlagermusik und erzählt, dass Jürgen Klopp auch schon hier gewesen sei. Oder "Klobbo", wie die Mainzer ihren Jürgen Klopp nennen, mit samtig doppeltem B. Mit "Klobbo" stieg Mainz 05 in die erste Liga auf. "Bleibt saubä", rät uns der Wirt zum Abschied.

01.12 Uhr

Hubert ist auch da. Hubert Neumann, der Namensgeber der Bar Hubert in der Gaustraße. Über die Gaustraße erzählt man sich, dass sie die steilste Straßenbahnstrecke Deutschlands ist, die ohne Steighilfe befahren wird. Die Maximalsteigung liegt bei 9,549 Prozent und fordert auch erfahrene Bergsteiger.Thomas bestellt einen "Sazerac", mein "Moscow Mule" wird in einem Becher aus Messing serviert, der aussieht wie aus "Herr der Ringe". "Hier sind die Leute mit Attitüde", hatte Thomas vorhin noch gesagt. Ist aber nicht so. Hubert zum Beispiel ist ziemlich bodenständig und legt besonders großen Wert auf den Zustand seiner sanitären Anlagen. Ich frage Hubert nicht danach, aber Hubert fragt mich ein paarmal: "Und, warst du schon auf dem Klo?" Bevor wir weiterziehen, gehe ich. Alles schön, alles "saubä".

Fotostrecke

Studentenstädte im Nachttest: Was können Köln, München, Rom?

Foto: Alexandra Polina

02.15 Uhr

Begonnen hatte alles mit einem Laden, der Schick und Schön hieß, weil die Betreiber Herr Schick und Herr Schön hießen. Eines Tages vertrugen sich Schick und Schön aber nicht mehr, und seitdem gibt es in Mainz eine Bar namens Schick und eine andere namens Schon Schön. Wir laufen zum Schon Schön. Währenddessen sagt Thomas, dass Mainz viel cooler sei als Berlin, weil man eben überall hinlaufen könne, sogar rüber nach Wiesbaden, Hessens Hauptstadt also, die auf der anderen Seite des Rheins liegt. Im Schon Schön spielen sie gerade "Highway to Hell". Thomas, der das Schon Schön besser kennt als ich, sagt, dass sie hier normalerweise gute Musik spielen. Wir bestellen Club Mate Wodka und stellen uns oben auf die Empore. Unten stehen ein paar Typen mit weißen Fußballtrikots rum, Junggesellenabschied. "Brösel's Abschiedsspiel" steht auf den Rücken, einer von ihnen, die Nummer 11, rutscht ständig das Geländer runter, das die Empore mit der Basis verbindet. Das muss Brösel sein. Ich frage ihn. Er ist aber nicht Brösel.

05.08 Uhr

Dorett ist eine Mörder-Bar. So wird sie von manchen Mainzern genannt, weil einer der Ex-Türsteher eine junge Frau tötete. Dazu kommt, dass die Dorett-Bar früher mal ein Puff war und in der Zanggasse liegt, über die es in der Lokalpresse gern mal heißt: "Polizei nimmt Drogenszene hoch." Thomas holt zwei "Mexikaner", Korn mit Tomatensaft und noch ein paar Sachen drin, angeblich das Hausgetränk. "Gut gegen Kater", sagt er. Ich schenke ihm mein Glas. Dann lernen wir Didi kennen. Didi studiert in Mainz und arbeitet nebenbei in einer Weinstube. Gut möglich, dass Didi Hochdeutsch sprechen kann, um diese Uhrzeit jedenfalls nicht mehr. Didi erzählt die Geschichte, als in seiner Weinstube versehentlich 600 Rollen Handkäs bestellt worden waren und nun verkauft werden mussten. Man schnippelte Oliven dazu und Tomaten und verkaufte den Handkäs als mediterrane Variante: "Lief gut", sagt Didi, der das bis heute nicht nachvollziehen kann. Weil es ein Sakrileg ist, die Urform dieses Käses zu verändern. Ein anderer Typ kommt von der Bar und stellt sich zu uns. Plötzlich fängt er an, Matthias Reim zu singen: "Verdammt, ich lieb dich". Didi stimmt ein, weich, geschmeidig, samtig: "Verdammt, isch lieb disch ..."

Hol dir den gedruckten UniSPIEGEL!
Foto: John Mireles

Ausgabe 4/2014

Der Überlebende
Die abenteuerliche Geschichte des Studenten Patrick Manyika aus Ruanda

Diesmal mit Geschichten über Backpacker auf der Suche nach den krassesten Zielen, Polizisten auf der Jagd auf betrunkene Radler und eine Studentin, die Deutschland den Darm erklärt. Wollt ihr das Heft nach Hause bekommen?Für Studenten: SPIEGEL-Abo-AngeboteDen UniSPIEGEL gibt's auch kostenlos an den meisten Hochschulen.
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.