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Bochum bei Nacht: Sehr tief im Westen

Foto: Julia Unkel/ UNI SPIEGEL

Feiern in Bochum Auf dem Marsch der Schande

Was passiert in Studenten-Städten, wenn es Nacht wird? UNI-SPIEGEL-Autor André Boße zog durch Bochum und lernte, was Fiege und Trinkhallen sind, warum Zweifel an Herbert Grönemeyer angebracht sind. Und was der VfL damit zu tun hat.

19.16 Uhr: Simon Zoller macht sich in Bochum unbeliebt, indem er ein Tor gegen den heimischen VfL schießt. "Du Schwachkopf", ruft jemand im Rewirpowerstadion, als der Fußballprofi des 1. FC Kaiserslautern das 1:0 erzielt - und dann ausgerechnet vor der Ostkurve jubelt, der Heimat der blau-weißen Hardcorefans. Die etwas Gemäßigteren rufen: "Ihr Penner!", aber die Idioten schmeißen Bierbecher und rütteln am Zaun. Gerade mal eine halbe Stunde ist dieses Zweitligaspiel am Freitagabend alt, doch die VfL-Fans ahnen schon, dass ihr Verein verlieren wird. Wieder mal. Die vierte Pleite in Folge. Abstiegsgefahr. Dabei haben die rund 16.000 Bochumer im Stadion eben noch Grönemeyers alten Heimatschlager mitgegrölt: "Machst mit 'nem Doppelpass / jeden Gegner nass / Du und Dein VfL". Aber wahrscheinlich hat selbst Herbert, der große Bochumer, das nie geglaubt.

19.31 Uhr: In der Halbzeitpause ziehen ein paar Auserwählte zum Bierstand und kommen mit länglichen Trägern zurück, in denen acht Becher Platz finden. In anderen Stadien werden Viererträger verteilt, doch das reicht in Bochum nicht. Die Leute stürzen ihr "Fiege" runter, das Pils der Stadt, und in der zweiten Halbzeit geht es allen besser: Gesungen wird das "Bochumer Jungenlied", und als Kaiserslautern das 2:0 schießt und sich die 2000 Fans aus der Pfalz ins Delirium jubeln, spielt das Ergebnis in der Ostkurve schon keine Rolle mehr: Freitagabend, gutes Wetter, kühles "Fiege" - in einem hat Grönemeyer doch recht: "Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt."

20.50 Uhr: Die Roten aus Kaiserslautern feiern noch ein bisschen, die blauen Bochumer ziehen vom kleinen Hügel, auf dem das Stadion steht, hinunter in die Stadt. "Marsch der Schande" nennt jemand diesen Spaziergang. Er führt vorbei an unzähligen Fankneipen und Kiosken, in denen sich viele neues "Fiege" besorgen. Keiner muss eine kurze Pinkelpause einlegen: Die Bochumer Blasen sind einiges gewohnt.

21.15 Uhr: In Berlin heißen die Kioske "Späti", in Köln "Büdchen", doch die Bochumer bleiben stur beim amtsdeutschen Begriff "Trinkhalle". Die Bezeichnung stammt aus der Zeit, als der Genuss von Leitungswasser im Ruhrgebiet noch gefährlich war und sogar die Ärzte empfahlen, lieber keimfreies Bier zu trinken - mit der Konsequenz, dass in Bochum und anderen Ruhrpottstädten unzählige Verkaufsstellen für Bier und Schnaps eröffnet wurden. Im Kortländer-Kiez, einem neuen In-Viertel rund um den gleichnamigen Platz in der nördlichen Innenstadt, hat Tom Gawlig die Trinkhallen-Tradition aufgepeppt: In seiner Bude sitzt man an Holztischen oder steht draußen vor der Tür, zu kaufen gibt es Bier in einer bemerkenswerten Auswahl: Rhabarberbier aus Belgien, Stout aus Bayern, Rauchbier aus Franken - hier wird experimentiert. Und damit jeder das zu ihm passende Getränk erhält, steht vor den Kühlschränken tatsächlich ein fest angesteller Bierberater und sagt auch schon mal klipp und klar: "Dat hier is nix für dich!"

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23.00 Uhr: Freitagabend im Zentrum, alles ist tot. In Bochum scheint es wie in vielen anderen deutschen Städten zu sein: Wenn die Bekleidungsketten, Handyshops und Systemgastronomen nach Verkaufsschluss die Türen schließen, wird die City zur Geisterstadt. Erst mit dem Eintritt ins "Bermudadreieck" kehrt das Leben zurück. Das Viertel liegt südlich des Hauptbahnhofs und hat eine sensationell hohe Kneipendichte. Hier tummeln sich alle: Arbeiter und Manager, Azubis und angehende Akademiker. Bochum zählt bei 373000 Einwohnern etwa 53000 Studenten und ist damit die achtgrößte Hochschulstadt der Republik. Keine Frage, hier wird mehr gefeiert als in den meisten anderen Ruhrgebietsstädten.

23.25 Uhr: Einige Etablissements im Bermudadreieck werden hoch professionell gemanagt und besitzen den Charme einer Bankfiliale, doch wer sucht, findet echte Perlen. Zum Beispiel gleich am Anfang der Kneipenmeile das "Badalona", wo Leute an der Theke arbeiten, die ihr Handwerk verstehen. Allein vier Gin-Tonic-Varianten gibt es: alle nicht billig, aber alle sehr gut. Dazu werden kleine Speisen in einer offenen Küche zubereitet - was zur Folge hat, dass es in der Bar riecht wie bei einem mediterranen Barbecue. Das Publikum ist jung und lässt sich von der Wochenendhektik einiger anderer Bars im Bermudadreieck nicht anstecken. Hier könnte man auch versacken...

00.40 Uhr: ... wenn da nicht noch der Pflichttermin im "Freibeuter" wäre. Die Kneipe am hinteren Ende des Bermudadreiecks ist eine Institution: laut, voll und herzlich. Ein DJ legt harte Gitarrenmusik auf und steht strategisch günstig direkt an der Theke, sodass er munter mittrinken kann. Ein logistisches Wunder ist die Tischbedienung. Der Laden ist so voll wie eine U-Bahn in der Rushhour, und doch kommt das Bierglas schnell und komplett gefüllt an den Tisch - flotter Spruch inklusive. Stammgäste reden gern von der "Freibeuterfamilie", und da ist was dran: Selbst wer fünf Jahre nicht mehr hier war, entdeckt bekannte Gesichter. Das Tempo, in dem hier gezecht wird, ist so irre wie im Fußballstadion. Dennoch wird es nicht aggressiv, denn getrunken wird hier nicht allein, sondern in guter Gesellschaft.

02.10 Uhr: Keine Partymeile ohne Disco. Das "Riff" ist der Tanzschuppen im Bermudadreieck, es gibt zwei Floors: Ein DJ spielt Alternative-Rock und Nu-Metal, der andere eine belanglose Mischung aus HipHop, House und besserer Chartmusik. Der Laden ist nicht übel, aber auch nicht so einzigartig wie die anderen Locations dieser Nacht.

02.55 Uhr: Man könnte jetzt noch auf einen Absacker in die Eckkneipe "Heiner" einkehren, aber das ist heikel: Man weiß nie so genau, wer einem da so spät in der Nacht noch begegnet. Deswegen geht es in die Bar im "Tucholsky", einem hübschen Art-Hotel im Bermudadreieck, da hat man seine Ruhe. Ein letzter Drink und die Frage, die in dieser Nacht noch gestellt werden muss: "Steigt der VfL ab? Dritte Liga? Spiele gegen Großaspach statt Kaiserslautern?" Die Antwort: "Wir sind Kummer gewohnt." Dann die tödliche Gegenfrage: "Immer noch HSV-Fan?" Ein kleinlautes Ja. "Siehste, dann kennste das ja."

04.00 Uhr: Bochum, die Stadt, die niemals schläft, oder was? Das McDonald's-Restaurant platzt aus allen Nähten, die Regionalbahnen in Richtung Dortmund und Düsseldorf sind voll. Die Leute auch. Ein einsamer Fußballfan mit nacktem Oberkörper markiert grölend sein Revier: "Alle außer Bochum sind scheiße." Ganz so ist es nicht. Trotzdem: viel besser, als man glaubt.

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Foto: Jindrich Novotny/ UNI SPIEGEL

Ausgabe 3/2015

WG-Horror
Warum das Zusammenleben oft so schwer ist

Diesmal mit Geschichten über das unstete Leben einer Entwicklungshelferin, über das Bundesland mit besonders zufriedenen Studenten und über einen Studenten, der gegen Hundekacke kämpft. Wollt ihr das Heft nach Hause bekommen?Abo-Angebote für StundentenDen UNI SPIEGEL gibt es kostenlos an den meisten Hochschulen.UNI SPIEGEL 3/2015: Heft-Download
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