Patch Adams Medizinstudenten mit Dr. Clown auf Visite

Er ist der lebende Beweis dafür, dass eine Witzfigur ein guter Arzt sein kann: Patch Adams, bekannt durch die Hollywood-Verfilmung seines Lebens. Dresdner Medizinstudenten luden ihn ein - und bekamen eine kunterbunte Lektion in Medizin mit Spaß und Liebe. Das Leitmotiv: Humor kann heilen.

Von Carsten Heckmann


Patch Adams: Braucht keinen Dolmetscher
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Patch Adams: Braucht keinen Dolmetscher

"Kathrin, manchmal werden Träume wahr", hatte ein Anonymus auf die Tafel im größten Hörsaal der TU Dresden geschrieben. In der Tat: Vor rund 300 Medizinstudenten und einigen wenigen Ärzten konnte Kathrin Morgenstern am Wochenende ihren wahr gewordenen Traum ausleben. Sie präsentierte: den Aktivisten, den Arzt, den Clown, den Unkonventionalisten, den selbst ernannten Nerd - Dr. Hunter Patch Adams.

Da tapst er also in seinen riesigen roten Clown-Schuhen die Treppenstufen hinunter, der große Mann mit den grauen Haaren, die in einem Pferdeschwanz zusammengebunden und mit einem Stich Türkis versehen sind. Sein rotes Hemd zieren bunte Blätter, die Ballonhosen sind ganz schön ausgewaschen. Eine Witzfigur? Ja. Aber für die Anwesenden vor allem ein Star.

Humorvoll muss nicht albern bedeuten

"Patch Adams war, vor allem durch den Film, vor dem Studienbeginn eine große Motivation für mich. Ich dachte: Wow, so kann Medizin sein, so menschennah!", erzählt Kathrin Morgenstern. Mit dem Fachschaftsrat Medizin hat sie erreicht, dass der 57-jährige Amerikaner zu ihrem Projektwochenende gekommen ist. Der Titel könnte von Patch selbst stammen: "Mit Humor heilen - Mehr Freundlichkeit in der Medizin."

Hollywood-Spaßmacher Robin Williams: "Viele dumme Szenen"
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Hollywood-Spaßmacher Robin Williams: "Viele dumme Szenen"

Patch Adams steht für Märsche mit Nachttöpfen an den Füßen und Badevergnügen in Spaghetti. Zumindest spielt Robin Williams ihn so in einigen Szenen in der Hollywood-Komödie über sein Leben. Aber "da sind viele dumme Szenen drin", meint der echte Arzt, "eine der dümmsten ist die, wo ich einen Kaffeebecher flicke und mir daher der Name ‚Patch', also Flicken, verpasst wird". Woher er den Namen dann habe? "Weiß ich nicht mehr."

Allen Hollywood-Dummheiten zum Trotz: Robin ist Patch - und Patch ist Robin. Mit einem grünen Plüsch-Vogel auf dem Kopf und einem blauen Riesen-Schnuller um den Hals stapft er in die Kinderchirurgie der Dresdner Uni-Klinik. Ein Sichtfenster in der Zimmertür wird schnell zum Fernseher, ein kleiner Klapptisch auf Rollen zum Skateboard. Die Kinder sind begeistert. Einen Dolmetscher braucht Patch nicht.

Einen Kilometer weiter im St. Joseph-Stift ist das anders. Hier leben alte Menschen, solange sie noch leben können. Hoffnung gibt es keine mehr. Im "Wohnzimmer" sitzen drei von ihnen in Rollstühlen, drumherum ein Dutzend Dresdner Medizinstudenten. Ein anderer Patch Adams tritt auf: humorvoll, aber nicht albern, im Clownskostüm, aber nicht in Clown-Manier. "Zwischen krank und traurig gibt es keinen zwingenden Zusammenhang", meint er. Auch nicht bei Todkranken.

Er gibt Anschauungsunterricht: Händchen halten, fragen, Wärme geben, lachen machen. Eine alte Frau, nur noch Haut und Knochen, lebt sichtbar auf. "Sag ihr, dass wir das Lieben in der Medizin lernen", bittet er den Studenten Benno Schuster. "Das kann man doch nicht lernen", antwortet die vom Krebs Gezeichnete. "Und ob man das kann. Man muss", entgegnet Patch Adams.

Das "Paradigma der Fröhlichkeit"

Am Ende erreicht er, was er erreichen wollte: "Ein Lächeln, Glanz in den Augen." Benno ist beeindruckt: "Seine Erfahrungen sind ein Schatz für uns Studenten, da kann man viel mitnehmen, wenn man ein menschlicher Arzt werden will." Lehrveranstaltungen dazu gebe es ja nicht, fügt seine Kommilitonin Morgenstern hinzu. Ob die Dresdner Studis das ändern können?

Der Humor-Doktor in Dresden: Kann auch anders

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Immerhin stehen in ihrem Lehrplan Ethik-Seminare, seit sie von ihnen selbst angemahnt wurden. Und ab dem dritten Studienjahr wird problemorientiert gelernt, meist in Tutorien. Alles wird evaluiert. Nicht umsonst preist der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft die Einrichtung als "Reformfakultät".

Der richtige Ort für Patch Adams, um für sein "Paradigma der Fröhlichkeit" zu werben. Seit seinem Medizinstudium lebt er danach, der geistige Vater der auch in einigen deutschen Krankenhäusern anzutreffenden Medi-Clowns, Clown-Doktoren oder wie auch immer sie sich nennen. Zwölf Jahre lang betrieb Adams eine Familienarztpraxis auf dem Lande. 15.000 Patienten behandelten er und 20 Freunde dort bis 1983 kostenlos und in privater Atmosphäre.

Das Haus nannte er "Gesundheit! Institute". Von 1954 bis 1961 hatte der Sohn eines Armeeoffiziers in Kaiserslautern gelebt und sich in die deutsche Gewohnheit verliebt, jemandem, der niest, "Gesundheit" zu wünschen. Noch in diesem Jahr soll in Westvirginia ein Krankenhaus mit dem Namen entstehen, eine Institution statt der damaligen Improvisation. Nichts Konventionelles natürlich, ein "verrücktes Krankenhaus".

Dafür sammelt Adams fleißig Geld, auch bei den Dresdner Studenten beziehungsweise deren Sponsoren. Zwar musste der Baubeginn schon zweimal verschoben werden, aber Patch lässt sich nicht nervös machen. Manchmal werden Träume wahr - und manchmal kann das Jahrzehnte dauern.



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