Paten für Problemkinder Vom Glück ein Plätzchen auszustechen

Für ein Jahr begleiten angehende Lehrer Jungen und Mädchen aus Bielefelder Problemfamilien. Viele Kinder blühen unter der plötzlichen Fürsorge auf - und gerade wohlbehütete Studenten gewinnen einen lehrreichen Einblick ins wahre Leben ihrer künftigen Schüler.

Studentin Helena und Schützling Mert: Kann sein, dass er mal ein Lob braucht
Henning Maier-Jantzen

Studentin Helena und Schützling Mert: Kann sein, dass er mal ein Lob braucht

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Den Fallstudien-Schein hätte Josi Horst auch mit geringerem Aufwand bekommen können. Sie hätte in irgendeiner Vorstadt- Grundschule einige Wochen lang beobachten können, ob sich Mädchen anders melden als Jungs. Oder im Kunstunterricht herausfinden, ob die Arbeit mit Schere und Klebstift noch gut ankommt bei den Kindern der Generation Internet. "Aber was hätte das denn mehr gebracht als nur einen Leistungsnachweis?", fragt sie.

Josi, 24 Jahre alt, fünftes Semester Lehramt Biologie, wollte es sich nicht so leicht machen wie etliche ihrer Kommilitonen. Sie wollte nicht schon wieder etwas abhaken in diesem Studiengang, den noch immer viel zu viel Theorie erdrückt. Sie wollte wissen, ob sie klarkommt mit Kindern, die anders aufwachsen, als sie es kennt, die nicht wissbegierig, aufgeweckt und wohlerzogen sind, sondern manchmal auch bockig, begriffsstutzig oder aggressiv.

Josi meldete sich daher vor einem halben Jahr beim Seminar "Eine Schule für alle" an, und dort gibt es den Schein erst, wenn man sich ein Jahr möglichst intensiv um ein Kind aus einer sozial schwachen Familie kümmert. Die Studenten sollen mindestens drei Stunden pro Woche bei den Hausaufgaben helfen, Nachhilfe geben und möglichst auch für ein bisschen Spaß sorgen. Das ist kein Schongang für die Nerven, es zehrt an den Kräften, bedeutet Mehrarbeit ohne finanzielle Gegenleistung. Aber der Einsatz hilft. Und das fühlt sich gut an: einem Kind die Hand zu reichen.

Kinder ohne Garten, Mittagessen und "Kalle Blomquist"

Mittwochmorgens sitzt Josi Horst gemeinsam mit sieben anderen angehenden Lehrern und der Dozentin Brigitte Kottmann an einem Tisch im Seminarraum 218 zur allwöchentlichen Besprechung. An den Wänden hängen Großformate aus Fingerfarbe, auf den Regalen stapeln sich Bilderbücher und Gesellschaftsspiele, die die Studenten mit zu ihren Sorgenkindern nehmen können. Es gibt Kaffee aus großen Bechern und Geschichten über Mädchen und Jungen, die auf der Sonderschule landen, wenn sie jetzt nicht maximal gefördert werden.

Josi erzählt von Sera, die nach der Schule fast nur vor dem Fernseher sitzt; Dorothee berichtet von Zeenat, die in der Schule schon an kurzen deutschen Sätzen scheitert; Onur redet über Salih Can, der ohne Vater aufwächst, wenig Respekt vor den Lehrern hat und manchmal nur schwer zu bändigen ist, wenn er den Unterricht stört.

Es sind Geschichten von Kindern zwischen sieben und neun Jahren, wie es sie immer häufiger gibt in deutschen Klassenzimmern. "Bloß dass die Lehrerausbildung darauf noch nicht genügend reagiert hat", sagt Kottmann, 38. Gerade Lehrer, die aus der Mittel- oder Oberschicht kämen, hätten oft Probleme damit, sich im Unterricht auf Kinder wie Sera, Zeenat oder Salih Can einzulassen. Kinder, die nicht irgendwo am Stadtrand mit Haus, Garten und einer Mama aufwachsen, die jeden Mittag ein warmes Essen kocht, anschließend bei den Hausaufgaben hilft und am Abend aus "Kalle Blomquist" vorliest.

Mama spricht Pakistanisch, Papa Portugiesisch, die Tochter fast gar nicht

Tatsächlich ist es für die meisten Studenten ein Kulturschock, wenn sie das erste Mal zu den Kindern nach Hause fahren - auch deshalb, weil sich einige Eltern anfangs dagegen sträuben, dass ihr Nachwuchs an dem Projekt teilnimmt. Dorothee von Trotha fand sich plötzlich inmitten einer Familie, in der die Mutter fast nur Pakistanisch und der Vater ausschließlich Portugiesisch spricht. Anfangs konnte sie sich kaum unterhalten mit Zeenat, sie verstand nicht, was das Mädchen ihr in gebrochenem Deutsch mitteilen wollte. "Ich war viel zu ungeduldig mit ihr", sagt Dorothee. Jetzt, nach einem halben Jahr, ist Zeenats Deutsch ein bisschen besser geworden. Und Dorothee hat gelernt, ihre Erwartungen an die Kinder zu senken.

Josi kam beim ersten Treffen mit Sera in eine kleine Wohnung, die überhaupt nicht so aussah, als lebte auch ein Kind darin. Es gab zwar ein Zimmer für das Mädchen, bloß konnte Josi darin keine Bücher, keine Spiele, kaum Stofftiere sehen. Als Josi das Mädchen nach der Nachhilfe mal mit in ihre WG nahm, zum Plätzchenbacken, da taute es plötzlich auf: Mit Feuereifer stürzte Sera sich auf Mehl und Butter, knetete, rollte, stach Dutzende Buchstabenplätzchen aus, und auf dem ganzen Heimweg war sie fröhlich und hopste herum. Josi unternimmt jetzt häufiger etwas mit Sera. Das Mädchen sei darüber "glücklicher und ausgeglichener" geworden - und sie selbst war sich nun sicherer denn je, dass sie Lehrerin werden will.

Wie gut es den Kindern tut, wenn sie am Projekt teilnehmen, hat sich mittlerweile in vielen Bielefelder Brennpunktschulen herumgesprochen, die entsprechende Schüler an die Uni vermitteln. Unter anderem in der Bückardt-Grundschule, wo Studentin Helena Heilmann nach der wöchentlichen Besprechung noch eine Verabredung mit Mert hat.

In sechs Monaten vom Sonderschul- zum Realschulkandidaten

Vor einem halben Jahr drohte dem Zehnjährigen noch der Wechsel zur Sonderschule. Jetzt läuft er Helena entgegen, wedelt mit zwei Blatt Papier und berichtet, dass er heute mal wieder gute Noten in Deutsch und Englisch bekommen habe. "Toll!", lobt Helena und streicht ihrem Schützling über den Kopf. Mert hat sich in allen Fächern verbessert, und wenn er so weitermacht, könnte es sogar für die Realschule reichen. Kann sein, dass Helena eine besondere Gabe hat, wenn es um Nachhilfe geht. Kann aber auch sein, dass Mert mal jemanden brauchte, der ihn lobt in der Schule.

Seit 15 Jahren läuft das Projekt jetzt, fast 300 Kinder haben die Lehramtsstudenten seitdem betreut. Zehn-, elfmal nur ist es vorgekommen, dass sie sich nicht arrangieren konnten mit den Schülern oder deren Eltern, dass sie resignierten, weil sie sich plötzlich so machtlos fühlten. "Aber weil wir unsere Arbeit auch ständig analysieren, uns beraten, sind viele Fälle zu Erfolgsfällen geworden", sagt Brigitte Kottmann. Die Pädagogin fragt sich daher, warum es nicht viel mehr deutsche Universitäten gibt, die Studenten und Schüler mit schulischen und familiären Problemen über einen längeren Zeitraum zusammenbringen. Es könnte dabei helfen, eine neue Generation von Lehrern heranzuziehen, eine Generation, die besser gerüstet ist für all die Kinder, die jede Hilfe brauchen, um eine Zukunft zu haben.

insgesamt 11 Beiträge
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pipus 01.02.2010
1. Das ist sicher hundert mal sinnvoller..
..als die Teach First Sache über die gestern berichtet wurde..
thunke75 01.02.2010
2. Sollte sowas nicht an jeder Uni angeboten werden
In der Praxis sieht es heute so aus, dass unsere Lehramststudenten heute völlig unzureichend in ihr Berufsleben geschickt werden und dann oft, aufgrund der ihrer überforderung im Bezug auf den realen Schulalltag, resignieren. So werden junge Menschen mit Idealen schnell zu unmotivierten Gehaltsempfängern, ohne das sie etwas dafür können. Programme wie dieses helfen den Studenten, sich ein Bild von der realen Situation zu machen und Strategiene für ihre zukünftige Tätigkeit zu erarbeiten. Der Lehrer von heute muss mehr den je Pädagoge und Bezugsperson sein, da leider immer mehr Familien nicht mehr sind, was sie seien sollen. Im Bericht las ich nur ausländische Kindernamen. In der Realität sind aber auch immer mehr Kinder aus deutschen Familien betroffen. Besonders im Osten der Republik und in den Ballungsgebieten ist dies ein beunruhigender Trend. Wenn deutsche Universitäten nicht langsam reagieren und vermehrt solche und andere Möglichkeiten für Lehramtsstudenten anbieten, werden sich die jetzt schon deutlichen Probleme noch verstärken und unlösbar werden. Auch unsere Schulämter sollten langsam Initiative zeigen und jungen Lehrern mehr kreative Freiräume und Anregungen bieten. Ein allzu theoretischer Lehrplan sieht auf dem Papier gut aus, sorgt allerdings bei den Schülern für Frust und Desinteresse.
e-san 01.02.2010
3. Arbeiten in Jugendtreffs
Als Lehramtsstudent kann ich die im Artikel angesprochene Problematik sehr gut nachvollziehen. In meinem Studienplan stehen 2 Didaktik-Vorlesungen insgesamt 12 Fach-Vorlesungen gegenüber. Dieses Ungleichgewicht zieht sich durch die gesamte Ausbildung. Das Was dominiert immer über das Wie. Dabei wäre es sehr wichtig mehr Einblicke in reale Probleme in einer Schule zu bekommen. Auch während der Praktikas kommt man als Student ehr selten an eine sog. "Problemschule" weil dort der Lehraufwand eh schon höher ist und sich somit weniger Seminar-Lehrer finden die dann das Praktikum betreuen. Ein Teufelskreis. Andererseits muss ich sagen das es solche Angebote schon sehr lange in allen deutschen Städten gibt. Ich spreche nicht von Einzelbetreuung aber Ehrenamtliches (auch ein Schein ist für mich eine Vergütung ohne den würden es denke ich deutlich weniger Leute machen) Engagement in der Jugendarbeit. Als Akademiker-Kind das auf dem Land wohnt habe ich mich bewusst dazu entschlossen mich in der Stadt in einem Jugendtreff zu engagieren. Zwar ist die Intensität sicher nicht mit einer Einzelbetreuung zu vergleichen aber über einen längeren Zeitraum (1 Jahr ist meiner Meinung nach zu kurz, da bildet sich noch kein richtiges Vertrauen) erhält man einen sehr guten Einblick in einen bisher unbekannten Microkosmos und lernt viel was einem später im Lehramt zu Gute kommt. Gruß e-san
marenator 01.02.2010
4. Balu & Du
Ich möchte im Zuge dieser Diskussion anmerken, dass ein ähnliches Mentorenprojekt namens "Balu & Du" in Deutschland sehr verbreitet ist und sowohl für die teilnehmenden Studenten als auch Kinder eine große Bereicherung darstellt. Der Schwerpunkt liegt bei genanntem Projekt allerdings eher weniger auf Hausaufgabenbetreuung, Nachhhilfe o.ä., sondern auf Freizeitaktivitäten, die die Gespanne gemeinsam unternehmen. Die Kinder lernen beim Basteln, Backen und Spielen "informell", quasi nebenbei und wie von selbst. Die Studenten (überwiegend angehende Pädagogen, Psychologen und Lehrer) machen wertvolle Praxiserfahrungen und können einmal die Woche so richtig ihr inneres Kind ausleben. Wer sich für das Projekt "Balu & Du" interessiert, kann sich mit Hilfe des angefügten Links weiter informieren. http://www.balu-und-du.de/
Spinatwachtel 01.02.2010
5. na, das ist doch endlich mal
Eine Gute Nachricht!
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