Peinliche Prüfungspannen Abi-Aufgaben vorab im Internet

Ungarische Abiturienten konnten ihr Glück kaum fassen: Am Abend vor den Prüfungen tauchten einige Fragen im Internet auf. In der Slowakei schlampten die Behörden und lieferten die Musterantworten zu den Aufgaben gleich mit.


Abitur: In Ungarn ein Kinderspiel
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Abitur: In Ungarn ein Kinderspiel

Am vergangenen Sonntagabend, dem Abend vor den ungarischen Abiturprüfungen in Grammatik und Literatur, hatten plötzlich alle Prüflinge des Landes die gleichen Chancen - egal ob sie kräftig gepaukt hatten oder nicht: Die Fragen, die sich die Bildungsbehörden für die Schüler ausgedacht hatten, standen im Internet. Am nächsten Tag folgte weiteres wertvolles Material, denn die Aufgaben im Fach Mathematik waren ebenfalls online zugänglich und wurden außerdem an die Presse und einzelne Politiker geschickt.

Ein ungarischer Webseiten-Entwickler berichtete einer ungarischen Nachrichtenagentur von einem Foto mit Fragen im Forum des Internet-Portals www.sg.hu. Der Eintrag wurde bald vom Administrator gelöscht, weil man die Illegalität der Datei schon befürchtet hatte.

Bisher ist nicht bekannt, wie viele Schüler sich der unerlaubten Prüfungshilfe bedienten. Für die Geschichtsprüfungen ließ Ungarns Bildungsminister Balint Magyar jedenfalls vorsorglich neue Fragen drucken. Ob die umstrittenen Examen noch einmal abgelegt werden müssen, will er erst nach Durchsicht der Ergebnisse entscheiden. Dass der Presse die Ergebnisse zugespielt wurden, bedeute "nicht, dass auch eine größere Anzahl von Schülern sie erhielt", so Magyar.

Erstmals Zentralprüfung

Die ungarischen Oppositionsparteien geben dem Minister dennoch die volle Verantwortung dafür, dass die Fragen von seiner Behörde nicht geheim gehalten werden konnten, und fordern seinen Rücktritt. Magyar informierte unterdessen die Bundespolizei. Er nannte das Stehlen der Aufgabenblätter einen "politisch motivierten, kriminellen Akt" gegen sein Ministerium, der "nicht rein zufällig" geschehen sei - sondern um seinem Ministerium zu schaden.

Emsige Händler boten angeblich Mathematik-Aufgaben für 30.000 bis 50.000 ungarische Forint (120 bis 200 Euro) feil, was aber vom Bildungsministerium nicht bestätigt wurde.

Abituraufgaben: Normalerweise streng unter Verschluss
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Abituraufgaben: Normalerweise streng unter Verschluss

Eine Panne der anderen Art hatten im April die Bildungsbehörden im Nachbarland Slowakei geliefert. Dort wurde erstmals seit dem Ende des Kommunismus die Matura, der höchste Schulabschluss, zentral für alle Schulen des Landes organisiert.

Die Feuertaufe für die Zentralprüfung ging allerdings gründlich in die Hose: Das verantwortliche staatliche pädagogische Institut lieferte versehentlich die richtig markierten Antworten zu den A-Level-Abschlussprüfungen im April gleich mit. Der Fehler wurde erst bemerkt, als die Prüfungen schon liefen. Der slowakische Bildungsminister Martin Fronc ordnete eine Wiederholung an, der Institutsleiter wurde entlassen.

Die harte Linie des Bildungsministers löste sogar eine kleine Regierungskrise aus. Denn nur 77 Oberschüler hatten das Blatt kurzzeitig in Händen gehalten. Premierminister MikulᚠDzurinda nannte das Verhalten des Ministers "inkorrekt und populistisch". Auch Innenminister Vladimir Palko zweifelte die Notwendigkeit neuer Tests an, wie slowakische Medien berichteten.

Protest der Schüler

Die Opposition brachte aufgrund der pannenreichen Abiturprüfungen am Donnerstag ein Misstrauensvotum gegen Fronc ein. Fronc überstand den Antrag, erhielt aber nicht alle Stimmen aus dem Regierungslager. Dem Minister waren schon in der Vergangenheit Unfähigkeit zur Leitung der Behörde vorgeworfen worden. Eine Bürgerinitiative hatte bereits erfolglos gegen die zentrale Matura beim Verfassungsgericht geklagt: Sie sei zu schlecht vorbereitet gewesen.

Auch die Schüler, die eigentlich Leidtragenden des Streits zwischen den Politikern, blieben nicht untätig. Etwa 400 Schüler demonstrierten zunächst gegen die doppelte Examensprüfung und forderten auf Bannern und mit Slogans den Rücktritt Froncs. Doch der Minister blieb bei seiner Entscheidung.

Als Zeichen ihres stummen Protests erschienen einige der Schüler beim zweiten Durchgang des Mathe-Examens zum Teil verkleidet. Auf ihren T-Shirts trugen sie das durchgestrichene Konterfei Froncs. Die zweite Runde der Prüfungen wurde indes für gültig erklärt.

Von Christian Werner



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