Physik mit Spaßfaktor Der Wipfel der Weisheit

Seit zwei Jahren tritt das Duo "Die Physikanten" nun schon an deutschen Universitäten und Schulen auf. Ihr Ziel: auf spielerische Art und Weise beim Publikum Interesse für Physik zu wecken. Das hat die ungeliebte Wissenschaft auch dringend nötig.

Die Deutsche Physikalische Forschungsgemeinschaft (DPG) hat am Freitag in Regensburg ihre Frühjahrstagung beendet - und wie mittlerweile schon selbstverständlich waren auch die Ergebnisse der Pisa-Studie wieder eines der diskutierten Themen. Angesichts des schlechten Abschneidens der deutschen Schüler forderte DPG-Präsident Dirk Basting deshalb: "Wir brauchen einen Unterricht, der sich an der Alltagswelt der Kinder orientiert und nicht an der strengen Fachsystematik der Physik." Denn Physik soll Spaß machen - und kann es auch, wie "Die Physikanten" beweisen.

Die beiden Dortmunder Marcus Hienz und Jörg Gutschank machen als "Herr Schwupp" und "Der Professor", zusammen "Die Physikanten", aus dem verhassten Unterrichtsfach eine Show. "Zaubertricks" wie im leeren Raum schwebende Schiffe werden dem Publikum gezeigt - und anschließend erklärt.

Denn was den durchschnittlichen Honorarmagier in den Ruin treiben würde, ist für die beiden Diplomphysiker ein wesentliches Element ihrer Show. "Der Professor" (Gutschank), in Laborkittel und mit der obligatorischen Brille, zeigt zuerst ein scheinbar unerklärliches Phänomen. Anschließend muss das Publikum mittels eines Ted-System über die physikalische Ursache der Zauberei abstimmen. Wenn es aus den vorgegebenen Antworten die richtige auswählt, klettert das Wissensbarometer - zwei Stoffaffen an Palmen - zum "Wipfel der Weisheit" nach oben.

Vom Bernoulli-Prinzip zur Zentrifugalkraft

Abschließend liefert "Der Professor" die ausführliche Erklärung der "magischen" Naturgesetze - vom Bernoulli-Prinzip über die Dichte verschiedener Gase bis hin zur künstliche Schwerkraft erzeugenden Zentrifugalkraft. Dafür, dass die Physik dann nicht wieder allzu wissenschaftlich wird, sorgt "Herr Schwupp". Als jonglierender Assistent des "Professors" führt er durch die Vorführung und unterbricht seinen Partner, bevor dieser sich mit seinen Analysen zu sehr in die "Materie" vertieft.

Doch auch die Experimentierfreudigkeit des Publikums ist gefragt. Jeder erhält eine "Mitmach-Kiste" mit Alltagsgegenständen wie Tischtennisbällen, Trichtern oder Mousepads. Unter der Anleitung der beiden "Physikanten" dürfen die Zuschauer dann die (unterhaltsamen) Möglichkeiten der praktisch angewandten Physik erforschen - und lernen dabei gleichzeitig etwas dazu.

Das seit zwei Jahren hauptsächlich in Universitäten, Museen und Schulen auftretende Duo arbeitet somit ganz im Sinne Dirk Bastings. Denn dieser hatte auf der Physikertagung Fernsehsendungen wie Peter Lustigs "Löwenzahn" als gutes Beispiel zur Behebung des öffentlichen Interessenmangels an Physik angeführt. Statistischen Erhebungen zufolge seien die Deutschen europaweit am wenigsten an dieser Wissenschaft interessiert.

Dieses Desinteresse für das, was die Welt im Innersten zusammenhält, schlägt sich jedoch nicht nur in den Ergebnissen der Pisa-Studie nieder. Denn in gleichem Maße, wie sich die Jugendlichen auf den Schulbänken von Physik abgestoßen fühlen, schrecken Studienanfänger vor dem Fach zurück. Der Nachwuchsmangel macht sich schon jetzt bemerkbar. Dabei würde Deutschland laut Basting die perfekten Vorraussetzungen für junge Physiker bieten: "Wir sind eigentlich das technologisch führende Land der EU."

Dem Bildungsministerium ist dieser Mangel schon seit längerem bewusst, doch getan wird relativ wenig. Ein Versuch, dem entgegenzuwirken, war die Erklärung des Jahres 2000 zum "Jahr der Physik". Mit Tagen der Offenen Tür an Forschungsinstituten versuchte man damals, Physik der Öffentlichkeit etwas näher zu bringen. Auch der in diesem Rahmen in Genf veranstaltete europäische Kongress "Physics on Stage" hatte sich der Suche nach lebendigeren Lehrmethoden für Physik verschrieben. Den parallel zu der Tagung stattgefundenen Wettbewerb "Physics on Stage" gewannen die "Die Physikanten".

Nun wird sich zwar nicht jeder Physiklehrer plötzlich in ein Showtalent nach dem Vorbild der Physikanten verwandeln, doch ein wenig lebensnaher könnte der Physikunterricht allemal gestaltet werden. Denn erst wenn wieder das Interesse die Jugendlichen - und späteren Studenten - für das Fach geweckt werden kann, lässt sich auch die Forderung Bastings verwirklichen: "Wir brauchen Spitzenforschung, die international bestehen kann, nicht Mittelmaß." Dass dafür auch Geld nötig sein wird (20 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr forderte die DPG, um auf den Stand des Vorbilds USA zu kommen), versteht sich fast schon von selbst.

Tobias Reckling

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