Piefke-Alarm Die Deutschen vor Wien

Bisher ist der Hochschulzugang für Österreichs Studenten offen, aber nicht für ausländische Bewerber. Nach einer EU-Klage könnte sich das bald ändern. Schon zittern die Universitäten - vor allem gescheiterte deutsche Medizin-Bewerber könnten scharenweise ins Nachbarland ausweichen.

Die österreichischen Uni-Rektoren barmen bereits: "Wenn nur zehn Prozent der in Deutschland abgewiesenen Bewerber nach Österreich kommen, und das ist sehr vorsichtig kalkuliert, können wir es nicht mehr schaffen", sagte Rudolf Mallinger, Vize-Rektor der Medizin-Uni Wien, der österreichischen Zeitung "Kurier". Und auch ein Sprecher des Wiener Wissenschaftsministeriums warnte vor einem "völligen Zusammenbruch an unseren Universitäten".

Österreichs Hochschulen fürchten eine kleine akademische Völkerwanderung von Studieninteressenten, die in Deutschland keinen Studienplatz erhalten haben. Denn für österreichische Studenten gibt es - anders als in allen anderen EU-Ländern - bisher keinerlei Zulassungsbeschränkungen. Dagegen werden ausländische Studenten aus dem EU-Raum nur nach den Regelungen ihrer Heimatländer zum Studium in Österreich zugelassen, müssen also bereits im Heimatland über einen Studienplatz verfügen.

Die EU hält das für Diskriminierung und hat dagegen Klage erhoben - mit guten Erfolgsaussichten. Falls Österreich tatsächlich vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) verliert, könnte dies "das gesamte Zulassungssystem an unseren Hochschulen erschüttern", so der Ministeriumssprecher am Mittwoch.

Gerade Medizin-Bewerber, die in Deutschland an den Zulassungshürden hängenblieben, könnten nach Wien, Innsbruck oder Graz kommen. Bisher haben sie nur wenige Ausweichmöglichkeiten wie die Semmelweis-Universität in Budapest, müssen dort aber beträchtliche Studiengebühren zahlen und sich mit einer neuen Sprache anfreunden. Da bietet die Alpenrepublik große Vorteile: Die Hochschulen sind näher, in den Vorlesungen gibt es keine Sprachprobleme, die Studiengebühren liegen bei überschaubaren 363 Euro pro Semester.

Keine Erfahrungen mit dem NC

"Wir befürchten, dass 23.000 potentielle Numerus-clausus-Flüchtlinge unser Land überschwemmen", sagte Georg Winckler, Vorsitzender der österreichischen Rektorenkonferenz, der "Ärzte-Zeitung". So viele wurden allein im vergangenen Wintersemester in Deutschland nicht zum Medizinstudium zugelassen, und das dürften noch nicht alle Interessenten sein, zumal Österreich bei einer Niederlage vor dem EuGH seine Hochschulen auch in anderen Fächern für Ausländer öffnen müsste, etwa in Wirtschaft, Pharmazie, Biologie und Psychologie.

Mit dem Urteil wird etwa für Ende März gerechnet. In 80 Prozent der Fälle schließe sich der Europäische Gerichtshof den Ausführungen seines Generalanwalts an, schreibt die "Zeit" in ihrer aktuellen Ausgabe. Und Generalanwalt Francis Jacobs glaubt nicht, dass durch eine Öffnung der Universitäten das "finanzielle Gleichgewicht des Bildungssystems" gestört und der "Fortbestand des gesamten österreichischen Systems der Hochschulausbildung ernstlich gefährdet" würde. Er empfahl Österreich, einer überhöhten Nachfrage zum Beispiel mit Aufnahmeprüfungen oder Mindestnoten zu begegnen - für Österreicher wie für Ausländer. Dann würde die Leistung, nicht die Staatsbürgerschaft zählen.

Genau darüber denken die Hochschulleitungen und Bildungspolitiker bereits nach und suchen zugleich nach Möglichkeiten, österreichischen Bewerber ihre Studienchancen zu erhalten. Den deutschen Numerus clausus nannte Manfried Gantner, Rektor der Uni Innsbruck, im "Kurier" zwar "primitiv", verwies aber auf die Kapazitätsgrenzen. Sein Wiener Kollege Mallinger hält Auswahlverfahren für unumgänglich. Laut "Zeit" betonen die Rektoren unisono, das offene System habe ohnehin nicht den sozial Benachteiligten, sondern der Bürgerkindern genutzt.

Bildungsministerin Elisabeth Gehrer sieht "keinen Grund für übereilte Maßnahmen" und lehnt die Einführung eines Numerus clausus ab. Sie rechnet offenbar nicht mit einem Mediziner-Massenexodus von Deutschland nach Österreich. "Das Druck-Potenzial für unsere Universitäten ist extrem", erklärte allerdings Sigurd Höllinger, der für Universitäten zuständige Abteilungsleiter des Ministeriums in Wien.

Jochen Leffers

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