Pisa an Hochschulen "Entscheidend ist, was bei Studenten ankommt"

Das schlechte Abschneiden deutscher Schüler beim ersten Pisa-Test war ein Schock. Machen es die Hochschüler bald besser? OECD-Koordinator Andreas Schleicher ("Mr. Pisa") erläutert das schwierige Unterfangen, weltweit Studenten im Vergleich zu testen.


Andreas Schleicher verantwortet bei der OECD den bekannten Schüler-Test und zahlreiche weitere Projekte der Bildungsforschung. Das "Studenten-Pisa", das seit einigen Wochen auf den Seiten von SPIEGEL ONLINE zu sehen ist, zählt nicht dazu; dieser Wissenstest ist eine Aktion der SPIEGEL-Redaktion in Kooperation mit studiVZ. Im Interview erläutert Schleicher die Pläne der OECD.

SPIEGEL ONLINE: Nach den Schülern sollen bald Studenten beweisen, was sie wissen. Warum wollen Sie auch Hochschüler zum Pisa-Test bitten?

Andreas Schleicher leitet bei der OECD die Abteilung "Indikation und Analyse"
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Andreas Schleicher leitet bei der OECD die Abteilung "Indikation und Analyse"

Andreas Schleicher: Wir wollen die Leistungsfähigkeit von Hochschulen beleuchten. Wo liegen ihre Stärken, wo ihre Schwächen? Solche Untersuchungen gibt es bisher nur im Forschungsbereich, aber nicht für die Lehre.

SPIEGEL ONLINE: Schon eine einzelne Hochschule tut sich schwer, die Qualität ihrer Lehre zu messen. Sie wollen es gleich weltweit machen. Kann das gehen?

Schleicher: Das werden wir sehen, unsere Arbeit beschränkt sich hier zurzeit ja gerade auf die Machbarkeit. Während Schulsysteme noch in ihren nationalen Traditionen verhaftet sind, stehen die Hochschulen im globalen Wettbewerb. Wir wollen ihnen ein besseres Bild davon verschaffen, wo ihre Wettbewerbsvorteile liegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie denn ein Fach wie Germanistik weltweit vergleichen?

Schleicher: Wir fangen mit anderen Fächern an: Wirtschaftswissenschaften und Ingenieurwissenschaften. Diese Fächer sind methodisch einfacher zu erfassen, da gibt es bereits eine globale Dimension.

SPIEGEL ONLINE: Und später soll dann Germanistik folgen?

Schleicher: Man muss sicher genau schauen, wie weit man hier kommt. Wir testen ja auch transversale allgemeine Kompetenzen, zum Beispiel die Fähigkeit, Probleme zu lösen, analytisch zu denken oder effektiv zu kommunizieren. Da gibt es etablierte Instrumente und große Erfahrung in manchen Mitgliedstaaten. Aber es gilt: So wichtig diese allgemeinen Fähigkeiten sind - darauf darf man Hochschulen nicht reduzieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum werden nur Studenten, nicht auch Professoren getestet?

Schleicher: Die Qualität von Lehre muss sich bei den Studenten niederschlagen. Entscheidend ist ja, was bei den Studierenden ankommt. Insofern sind ihre Kompetenzen das beste Maß, deshalb heißt unsere Studie auch "Assessment of Higher Education Learning Outcomes" (AHELO).

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie denn unterscheiden, was Studenten schon vorher gewusst haben und was sie gerade im Studium lernen?

Schleicher: Methodologisch lässt sich das durchaus lösen. Ideal wäre eine Langzeitstudie, mit der man bewertet, was Studenten am Anfang und am Ende ihres Studiums wissen. Das ist ganz sicher ein wichtiger Punkt, um zu vermeiden, dass einfach die prestigeträchtigen Institutionen belohnt werden, die sich ihre Studenten auswählen können.

SPIEGEL ONLINE: Schon in einem Land unterscheiden sich die Studentenschaften einzelner Hochschulen stark, zwischen den Ländern gibt es erst recht große Unterschiede. Ist da wirklich ein Vergleich möglich?

Schleicher: Es ist ja schon ein Wert an sich, diese Heterogenität einmal abzubilden. Und unser Hauptziel ist kein Vergleich, die OECD will nicht am Ende sagen: Das ist die beste Hochschule der Welt. Wir wollen vielmehr jeder Hochschule ein Profil aufzeigen, ihre Stärken und Schwächen, damit sie sich ihre Position am Markt suchen kann.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn Sie dann ein differenziertes Bild zeichnen - am Ende wollen doch alle nur ein einfaches Ranking lesen. Die OECD selbst spricht von einer "kämpferischen Obsession", mit der alle Welt auf solche Hitlisten schaut.

Schleicher: Das sehe ich gelassen. Wenn man ein starkes multidimensionales Bild bastelt, dann kann jeder daraus seine Schlüsse ziehen und die Bereiche betrachten, die ihm am wichtigsten sind. Was man nicht zulassen darf, ist ein Ergebnis wie das Shanghai-Ranking: ein Sammelsurium von Kriterien, die einmal durchgemixt und dann zu einem Ranking gepresst werden, das nach wissenschaftlichen Maßstäben nicht sinnvoll ist. Das Problem sind nicht Rankings an sich, sondern die Kriterien, die zugrunde liegen.

SPIEGEL ONLINE: Während die deutschen Hochschulrektoren noch recht unentschieden wirken, haben die österreichischen Uni-Chefs schon erklärt, was sie von alldem halten: Sie betrachten Ihre Pläne "mit tiefer Skepsis und weitgehender Ablehnung".

Schleicher: Ach, Skepsis ist ja gesund.

SPIEGEL ONLINE: Und Ablehnung?

Schleicher: Ich bestreite doch gar nicht, dass es ein schwieriges Unterfangen ist. Wir standen am Anfang der Pisa-Studie vor einer ganz ähnlichen Entwicklung. Aber das hat sich gewandelt, als die Machbarkeit nachgewiesen war.

Das Interview führte Markus Verbeet



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