Pisa-Test für Erwachsene Jetzt rechnen die Alten

Nach den Schülern sollen nun auch Erwachsene ran und ihr Wissen international vergleichen - beim Pisa-Nachfolger Piaac. In SPIEGEL ONLINE erklärt Pisa-Koordinator Andreas Schleicher, welche Aufgaben die Prüflinge erwarten und warum er auf einen Schreckschuss hofft.


Bei dem ersten internationalen Schulvergleich Pisa blamierten sich die 15-jährigen deutschen Schüler, auch bei der zweiten Studie schnitten sie kaum besser ab, und die Auswertung der dritten Pisa-Welle läuft bereits. Die Ergebnisse lösten in Deutschland und vielen anderen Ländern heftige Debatten über den künftigen Kurs der Bildungspolitik aus. Die OECD, die Organisation der Industrieländer, hat die Tests geplant, organisiert und ausgewertet. Ab 2009 will sie auch das Wissen von Erwachsenen international vergleichen - mit dem "Piaac"-Test (Programme for the International Assessment of Adult Competencies). Nach den Neuntklässlern sollen also Erwachsene zeigen, was sie können und welche Kompetenzen sie in der Wissensgesellschaft mitbringen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Wissensbereiche sollen in der Erwachsenen-Studie abgefragt werden?

Pisa-Koordinator Schleicher: "Wir leiden unter Kästchendenken"
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Pisa-Koordinator Schleicher: "Wir leiden unter Kästchendenken"

Andreas Schleicher: Piaac soll beantworten, welche Kompetenzen Menschen in der modernen Gesellschaft erfolgreich machen und wie wir diese Eigenschaften stärken können. Wir wissen derzeit wenig über die Kompetenzen, Einstellungen und Motivationen von Erwachsenen und wie diese sich in der Gesellschaft und der Arbeitswelt entfalten. Leistungsvergleiche sind ein geeignetes Mittel – nicht Selbstzweck – für die erfolgreiche Gestaltung von Bildungsreformen, im Sinne des lebensbegleitenden Lernens.

SPIEGEL ONLINE: Gerade der Wissenstest, der ja ein Teil der Studie ist und dem der Schüler ähnelt, dürfte volljährigen Prüflingen Angst machen - bei Matheaufgaben aus der Oberstufe zum Beispiel wird es meist haarig, wie etliche Pisa-Quizshows vorgeführt haben. Was man im Alltag nicht nutzt, gerät eben schnell in Vergessenheit ...

Schleicher: Es geht bei Piaac nicht um reines Abfragewissen wie in Pisa-Quizshows. Viele Aufgaben und Fragestellungen ähneln denen in einem Assessment-Center. Wir wollen wissen, inwieweit Menschen sich in einer sich beständig verändernden Welt immer wieder neu positionieren können, ob sie in der Lage sind, zu kooperieren und in Teams zu arbeiten, Konflikte zu lösen und sich in multikulturellen Gesellschaften konstruktiv einzubringen. Dabei geht es darum zu zeigen, was die Spitzengruppe kann, aber auch Basiskompetenzen und Defizite in Risikogruppen zu beleuchten.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie etwa die Unterschichtendebatte in Deutschland wieder anfeuern?

Schleicher: Wir definieren diese Risikogruppe nicht finanziell, sondern anhand der Fähigkeit der Menschen, sich an der modernen Wissensgesellschaft zu beteiligen. Wir gehen nicht von vornherein von bestimmten Problemschichten aus, sondern wollen mit der Studie erst herausfinden, wer in unserem System durch die Maschen fällt.

SPIEGEL ONLINE: Aber müssen ein Facharbeiter und ein Hochschulprofessor wirklich dasselbe wissen?

Schleicher: Wir leiden in Deutschland unter einer Art Kästchendenken, praktische Berufsausbildung versus langwierige Unikarriere. Das ist den aktuellen Entwicklungen am Arbeitsmarkt aber nicht mehr angemessen. Wenn ein Kfz-Mechaniker Ingenieur werden will, muss er wieder bei Null anfangen. Diese starre Unterteilung nach Institutionen und Abschlüssen verschwendet Kompetenzen. Lebenslanges Lernen, Menschen da fördern, wo sie gerade stehen – das sind die Aufgaben und Herausforderungen der modernen Wissensgesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie die Erwachsenen zur Prüfung bewegen?

Schleicher: Wir werden eine repräsentative Stichprobe der 18- bis 65-Jährigen nehmen auf Grundlage der Informationen der Statistischen Ämter. Die Teilnahme ist freiwillig, wie bei Pisa.

SPIEGEL ONLINE: Bei der OECD wird auch über eine Pisa-Studie an Universitäten gesprochen. Die Hochschulrektoren haben sich bereits skeptisch geäußert. Soll es beim Studenten-Test um Allgemein- oder um Fachwissen gehen?

Schleicher: Da stehen wir noch am Anfang. Es wird wohl eher Fachwissen getestet, aber die Bildungsminister der internationalen Mitgliedsländer müssen sich erst einmal auf Standards und Interessensgebiete einigen.

Das Interview führte Antonia Götsch

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