Rücktritt an der Uni Brüssel Aufsichtsratschef hält geklaute Rede von Ex-Präsident Chirac

Ein Plagiatsskandal mal in mündlicher statt schriftlicher Form: Der Aufsichtsratschef einer Brüsseler Uni, Alain Delchambre, hat eine Rede von Frankreichs Ex-Präsident Jacques Chirac kopiert. Jetzt ist er zurückgetreten.

Frankreichs Ex-Präsident Jacques Chirac (Archiv): Ideengeber für den Aufsichtsratsvorsitzenden
AFP

Frankreichs Ex-Präsident Jacques Chirac (Archiv): Ideengeber für den Aufsichtsratsvorsitzenden


Brüssel - Eine geklaute Rede hat den Aufsichtsratsvorsitzenden der Freien Universität Brüssel (ULB) den Job gekostet: Alain Delchambre gab seinen Rücktritt bekannt, nachdem er bei einer Ansprache wortwörtlich und ohne Quellenangabe Teile einer Rede des ehemaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac (1995-2007) verwendet hatte. Dies berichten die Nachrichtenagentur AFP und mehrere belgische Medien.

Er trete im "Interesse der Institution" von seinem Amt zurück, da die Affäre dem Ansehen der Universität schade, schrieb Delchambre in einem Brief. Der Skandal hatte am 19. September seinen Lauf genommen: Bei einer Rede zu Beginn des neuen Wintersemesters soll Delchambre nicht nur einen bekannten Chirac-Satz übernommen haben ("Der Künstler gibt dem Leben wie der Welt Reiz, Sinn und Schönheit."). Auch weitere Teile seiner Ansprache stammten aus der Feder des Ex-Präsidenten aus dem Jahr 2003.

Zudem soll sich Delchambre auch bei anderen Politikern frei bedient haben, ohne die Urheber zu würdigen: Es tauchen etwa Auszüge von Erklärungen der derzeitigen französischen Ministerin für soziale Angelegenheiten Marisol Touraine und der früheren französischen Kulturministerin Aurélie Filippetti auf.

Belgische Medien hatten am Donnerstag erstmals von der Plagiatsaffäre berichtet. Erst hieß es von einem Universitätssprecher, Delchambre habe die Rede nicht selbst geschrieben, sondern von einem Mitarbeiter vorbereiten lassen und "keinerlei Kenntnisse davon gehabt, dass dieser Text von anderen Personen inspiriert war". Delchambre drückte damals laut der französischen Zeitung "Le Monde" seine "höchste Verblüffung aus" - und entließ seinen Mitarbeiter.

Doch die Kritik am Aufsichtsratsvorsitzenden hielt an. Unter anderem auch deswegen, weil die Uni Brüssel für ihren rigorosen Umgang mit studentischen Plagiatsündern bekannt ist.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels stand, Delchambre sei der Rektor der Universität Brüssel gewesen. Das war nicht korrekt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

daf/AFP

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
zieloptiker 06.10.2014
1. Ich will ja nicht kleinlich sein, ...
... aber eine "Uni Brüssel" gibt es nicht. In Brüssel gibt es die niederländischsprachige Vrije Universiteit Brussel (VUB), die französischsprachige Université Libre de Bruxelles (ULB) und eine Einrichtung mit universitären Fakultäten, genannt Facultés universitaires Saint-Louis à Bruxelles. Alain Delchambre war Rektor der französischsprachigen ULB.
wutzbaba 06.10.2014
2. Von einem früheren Brüsseler Studenten
Der Rektor der VUB wäre ja wohl nicht so blöd gewesen, sich noch die Mühe zu geben, französische Reden zu übersetzen, wenn er zu faul ist, eine eigene Rede zum Semesterbeginn zu schreiben. Und als Flame breit in Frankreich zu plagiieren... der wär' noch viel schneller seinen Job los gewesen!
anderermeinung 07.10.2014
3. interessant wäre noch eine Information ...
zu den finanziellen Auswirkungen des Rücktritts. Volle/gekürzte Pension fürs Nichtstun bzw. zur Nebentätigkeit?
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