Plagiatoren vor Gericht Schlampen, schummeln, spicken

Jetzt also doch: Verteidigungsminister Guttenberg will seinen Doktortitel nicht mehr haben. Zu schwer wogen offenbar die Plagiatsvorwürfe. Häufig werden Mogler an den Unis erwischt, einige lassen es auf einen Rechtsstreit ankommen - und scheitern kläglich, wie vier Urteile zeigen.
Uni-Absolvent: Richter gehen hart gegen Schummler vor

Uni-Absolvent: Richter gehen hart gegen Schummler vor

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Betrug? Auf keinen Fall! Nie! Um Gottes Willen! Alles ein großes Missverständnis. Ein Versehen. Lässt sich aus der Welt schaffen. Dumme Sache, peinlich, aber nicht dramatisch. So oder ähnlich klingen die Ausreden, wenn akademische Betrüger erwischt werden.

Doch die Ausflüchte haben wenig Wirkung. Die Gerichte reagieren knallhart.

Das weiß auch der Kölner Anwalt Christian Birnbaum, spezialisiert auf Hochschul- und Prüfungsrecht. Er hat etliche Gerichtsentscheidungen zusammengetragen, die sich mit Plagiatoren und Pfuschern beschäftigen.

Bei der Lektüre wird schnell klar: Wenn sich erst einmal die Justiz mit solchen Fällen beschäftigt, gelten strenge Maßstäbe. "Die Vorschriften sind eindeutig", sagt Christian Birnbaum, "in der Regel unterschreiben die Prüflinge, dass sie alle Hilfsmittel angegeben und fremdes Gedankengut gekennzeichnet haben." Wenn da ein schwerwiegender Verstoß auffliege, müsse eine Universität mit scharfen Sanktionen reagieren - egal, ob es sich um eine Examensarbeit oder eine Promotion handelt.

Eine Einschätzung, die der Münchner Jura-Professor Peter Landau auch im Fall Karl-Theodor Guttenberg teilt. "Ich kann mir keine andere Reaktion der Universität Bayreuth vorstellen als die Entziehung des Doktorgrads", sagte der ehemalige Dekan der juristischen Fakultät an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist nicht der einzige Rechtswissenschaftler, der sich kritisch zu Wort meldet. Rainer Elkar, früherer Jura-Professor an der Bundeswehr-Uni München und dort Prüfungsausschuss-Vorsitzender der juristischen Fakultät, äußerte im "Handelsblatt" Zweifel an Guttenbergs Führungsfähigkeit: "Wer selbst etwas dienstrechtlich von seinen Untergebenen fordert, was er nicht zu leisten vermag, ist meiner Meinung nach zur Führung ungeeignet."

der Fall Guttenberg

Eine solche Aberkennung wäre auch die Voraussetzung dafür, dass überhaupt vor Gericht verhandelt werden kann. Denn nur, wenn die Uni Bayreuth den Titel wieder kassiert und Guttenberg danach juristisch gegen die Entscheidung vorgeht, wird daraus ein Fall für ein Verwaltungsgericht.

Doch durch seine Ankündigung vom Montagabend, den Titel nicht mehr führen zu wollen, hat Guttenberg klargemacht, dass er wohl kaum um seinen offenbar fragwürdig erworbenen Titel kämpfen wird. Er wird wissen, warum: Der Minister hätte vor Gericht sehr schlechte Karten, wie der Blick in einschlägige Urteile zeigt.

SPIEGEL ONLINE dokumentiert besonders dreiste Ausflüchte von Plagiatoren - und zeigt, warum sie damit nicht weit kommen.

Die Guttenberg-Finte - aus Versehen ganze Absätze umkopiert

Klingt fast wie Guttenberg, ist aber ein ganz anderer Fall: Ein promovierender Jurist hatte an der Uni Tübingen "komplette Passagen aus dem Werk anderer Autoren in seine Dissertation übernommen, ohne dies zu kennzeichnen oder offenzulegen", stellte der Verwaltungsgerichtshof Mannheim 2008 fest, nachdem die Arbeit des Mannes geprüft worden war.

Für die Richter war klar, dass es sich dabei keinesfalls um ein lässliches Versehen handeln konnte: "Eine systematische und planmäßige Übernahme fremden Gedankenguts ergibt sich bereits daraus, dass sich die Plagiate an mehreren Stellen der Dissertation auffinden lassen und verschiedene Fremdautoren betreffen."

Alles nur Zufall, argumentierte der Jurist. Er habe sich halt intensiv mit dem Material beschäftigt und dann wohl versehentlich wortgleich aufgeschrieben, was ihm noch im Kopf herumging. Für die Richter eine Schutzbehauptung: "Die wörtliche Wiederholung der Vorlagetexte einschließlich der sprachlichen Eigentümlichkeiten und Formulierungen lässt (...) keinen anderen Schluss zu, als dass der Kläger die Passagen unmittelbar abgeschrieben hat."

Was ist, wenn die kopierten Stellen einfach wieder gestrichen werden?

Im Übrigen, so das Urteil im Tübinger Fall, könne man schon alleine deshalb nicht von einer Bagatelle reden, weil "die vermeintlich eigenständige Leistung im Erstgutachten ausdrücklich angesprochen und gewürdigt worden ist". Mit anderen Worten: Wenn die Gutachter die Arbeit toll finden, dann beruht das auf jeden Fall auch auf den Stellen, bei denen abgekupfert wurde, so die Richter.

Und sie gaben dem Plagiator noch einen wichtigen Grundsatz mit auf den Weg. Der hatte nämlich darauf verwiesen, dass seine Arbeit auch dann noch einen Doktortitel rechtfertige, wenn man die beanstandeten Stellen nicht berücksichtigt. Stimmt nicht, so das Urteil: "Auf den Umfang der abgeschriebenen Stellen sowie auf die Frage, ob die Arbeit auch ohne das Plagiat noch als selbständige wissenschaftliche Arbeit hätte angesehen werden können, kommt es grundsätzlich nicht an."

(Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg, 13.10.2008, AZ 9 S 494/08)

Die Bagatellisierungsstrategie - war doch nur ein bisschen geschlampt

Dass es beim Plagiieren nicht unbedingt auf den Umfang der abgeschriebenen Passagen ankommt, bekam auch ein BWL-Student aus Münster vom dortigen Oberverwaltungsgericht im Jahr 2009 bescheinigt.

Der angehende Betriebswirtschaftler hatte für seine knapp 47-seitige Diplomarbeit eine Passage von eineindrittel Seiten nahezu wörtlich von einem anderen Autor abgeschrieben und nur ein kleines "vgl." davor gesetzt - zu wenig, befanden die Richter.

Denn damit, heißt es im Urteil, könne man "gerade nicht erkennen, ob eine (und gegebenenfalls welche) Passage wörtlich übernommen worden ist". Auch reiche es für wissenschaftliche Standards nicht aus, benutzte Abhandlungen einfach nur im Literaturverzeichnis aufzuführen - die Benotung mit "nicht ausreichend" gehe also völlig in Ordnung.

"Marginale Manipulationen"

Als belastend werteten die Richter aber auch, dass der Student bei seiner Abschreiberei noch zu "marginalen Manipulationen am Originaltext" gegriffen habe: So wurde etwa aus einem originalen "schwer fällt" in der Diplomarbeit ein "nicht leicht fällt" - so etwas sei, heißt es im Urteil, der verräterische Versuch, "eine teilweise eigene gedankliche Urheberschaft vorzuspielen".

Keine Chance also für den verhinderten BWLer, seinen Pfusch kleinzureden. Deshalb griff er zu guter Letzt zum Grundgesetz-Hammer. Das Argument: Wenn er das Examen nicht bestehe, sei er in seiner grundgesetzlich geschützten Berufsfreiheit verletzt. Das sahen die Richter aber anders.

(Oberverwaltungsgericht NRW, 12.8.2010, AZ 14 A 847/09)

Das digitale Dilemma - der böse Computer war es

Was für ein glücklicher Zufall! Für sein zweites Staatsexamen als Chemie- und Physiklehrer beschäftigte sich ein Geologe aus Bremerhaven mit einer Unterrichtsreihe zur Bodenuntersuchung - und stieß auf eine Broschüre des Bayerischen Umweltministeriums, die sich passenderweise ausgerechnet mit dem "Lernort Boden" beschäftigte.

Warum also alles neu schreiben, was schon gedruckt vorliegt? Sechs Seiten seiner Examensarbeit füllte er mit dem Material aus Bayern, ein paar Arbeitsblätter kopierte er außerdem in den Anhang seiner Arbeit. Dumm nur, dass das Abkupfern aufflog - und das Oberverwaltungsgericht Bremen nicht glauben wollte, was der Beinahe-Lehrer an Begründungen auftischte, um nicht verurteilt zu werden.

Sein Hauptargument: Er habe, sagte der Plagiator, in seiner schriftlichen Hausarbeit "zum ersten Mal mit PDF-Dateien in einem Textverarbeitungsprogramm gearbeitet".

"Relikte aus Originaltexten"

Eigentlich sollten die mit Copy und Paste eingefügten Passagen nur als "Gerüst für die Sachanalyse" dienen. Aber seine technische Unerfahrenheit habe leider dazu geführt, dass "Relikte aus den Originaltexten von unterschiedlichem Umfang übrig blieben" und zusätzlich noch ein paar Fußnoten beim Hin- und Herschieben von Passagen verloren gegangen seien.

Kurz: Der Computer war schuld. Und weil er gerade so im Schreibschwung gewesen sei, sei ihm beim Überarbeiten "wegen seiner Fachvertrautheit kein Unterschied zu seinen eigenen Formulierungen aufgefallen".

Außerdem seien die Plagiate im Anhang gar keine Plagiate, weil der Anhang nicht mehr zum selbständig erarbeiteten Teil einer Arbeit gehöre. Als er die Richter damit nicht überzeugen konnte, zog der Mann den Verschwörungs-Joker: Die ihm vorgeworfene Täuschung gehe "auf fruchtlose Drohungen der Bremerhavener Schulaufsicht wegen seiner Bewerbung nach Niedersachsen" zurück. Blödsinn, urteilten die Juristen und kassierten das Staatsexamen.

(Oberverwaltungsgericht Bremen, Urteil vom 12.10.2010, AZ 2 A 170/10)

Die Schüler-Schummelei - ein Spickzettel bleibt ein Spickzettel

Peinlich, peinlich: Ein angehender Jurist war bei seinem zweiten Staatsexamen in Köln mit einem Spickzettel im Mäppchen erwischt worden. Erst versuchte er es mit der Ausrede, den kleinen gelben Zettel habe er "schon Monate vor der Prüfung als Lernmittel erstellt und in der Folgezeit im Mäppchen aufbewahrt". Beim Ausmisten am Abend vor der Prüfung habe er das Ding dann leider "übersehen", deshalb könne man ihm doch wohl keine Täuschungsabsicht unterstellen.

Doch die Prüfer blieben bei ihrem "nicht bestanden" und beriefen sich auf den "Beweis des ersten Anscheins": Der Zettel im Mäppchen habe "angesichts des Umfangs und der systematischen Darstellung" auf jeden Fall ein erhebliches Gewicht. Die Entscheidung, die Prüfung für ungültig zu erklären, sei deshalb korrekt.

Daraufhin versuchte es der verhinderte Jurist mit Winkelzügen seines Fachs: Bei seiner Bestrafung, argumentierte er listig, sei das Juristenausbildungsgesetz NRW falsch ausgelegt worden. Zuständig für die Bestrafung seiner Ordnungswidrigkeit sei nämlich gar nicht der Prüfungsausschuss, der ihn hatte durchfallen lassen, sondern allein der Präsident des zuständigen Prüfungsamts. Die skurrile Begründung: Er sei während der Vorbereitungszeit für eine mündliche Prüfung erwischt worden, und diese Vorbereitungszeit falle nicht in die Zuständigkeit der Prüfer, weil sie ja auch nicht bewertet werde. Doch von solchen juristischen Spitzfindigkeiten ließen sich die Richter nicht beeindrucken.

(Oberverwaltungsgericht NRW, 13.8.2010, AZ 14 A 1268/09)