SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. Oktober 2011, 17:35 Uhr

Plagiatsaffäre um Koch-Mehrin

Titelkampf geht in die nächste Runde

Silvana Koch-Mehrin kämpft weiter um ihren Doktorgrad: Schriftlich begründete sie gegenüber der Uni Heidelberg, warum sie gegen den Titelentzug Widerspruch eingelegt hatte. Junge Liberale in ihrem Wahlkreis fordern bereits ihren Rücktritt - sie werfen ihr vor, im EU-Parlament zu schwänzen.

Es läuft nicht gut für Silvana Koch-Mehrin, die liberale Europa-Abgeordnete, die seit Monaten um ihren Doktorgrad kämpft. Selbst aus der eigenen Partei gibt es jetzt Rücktrittsforderungen, wenn auch nicht von prominentester Stelle: Die Jungen Liberalen in ihrem Wahlkreis Karlsruhe sind an diesem Freitag auf die Straße gegangen, oder genauer: auf den Marktplatz. Sie hielten Schilder hoch, auf denen stand "Nicht-Leistung darf sich nicht mehr lohnen" und fordern, dass Koch-Mehrin auf ihr Mandat verzichtet. Es ist nur eine Handvoll, aber es sagt etwas über die derzeitige Stimmung.

Die Wut der liberalen Jugend richtet sich allerdings weniger gegen Koch-Mehrins akademisches Gebaren, als vielmehr gegen ihre Arbeitsmoral im Europa-Parlament. Die Julis bemängeln, obwohl Koch-Mehrin nur noch Mitglied im Petitionsausschuss sei, fehle sie selbst bei dessen Sitzungen. Daher müsse sie ihr Mandat im Europäischen Parlament niederlegen.

Am Donnerstagabend hatte das ARD-Magazin "Panorama" erneut berichtet, Koch-Mehrin habe "alle Sitzungen ihres Hauptausschusses - des Petitionsausschusses - in den Jahren 2010 und 2011 geschwänzt". In dem Beitrag droht auch FDP-Generalsekretär Christian Lindner: Abgeordnete, "die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, werden nicht wieder aufgestellt". Nur wer Führungsaufgaben habe, müsse nicht unbedingt an allen Ausschüssen teilnehmen. Koch-Mehrin selbst sagt in dem Beitrag nichts zu den Vorwürfen, sie geht an dem Reporter vorbei. Für eine Stellungnahme war sie am Freitag nicht zu erreichen.

Führungsaufgaben hat Koch-Mehrin nicht mehr. Wegen der Plagiatsvorwürfe im Zusammenhang mit ihrer Doktorarbeit hat sie alle Parteiämter niedergelegt und war als Vizepräsidentin des EU-Parlaments zurückgetreten. Zudem zog sie sich aus dem Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie zurück.

Die Doktorarbeit bestehe "in substantiellen Teilen aus Plagiaten"

Um ihre akademische Ehre kämpft Koch-Mehrin allerdings noch immer. Im Juni hatte die Universität Heidelberg beschlossen, ihr ihren Doktorgrad zu entziehen, weil ihre Dissertation in "substanziellen Teilen aus Plagiaten bestehe". Dagegen legte Koch-Mehrin Widerspruch ein - und reichte jetzt die Begründung nach, wie die Universität mitteilte. Was genau in dem Schreiben steht, teilte die Uni nicht mit.

Es ist anzunehmen, dass Koch-Mehrin ihre bisherige Argumentation in juristische Worte gekleidet hat: Die Uni habe die Mängel der Arbeit schon bei Erteilung des Doktorgrades gekannt und könne sich jetzt nicht einfach neu entscheiden. Gegen dieses Argument hatte sich der Dekan der philosophischen Fakultät in Heidelberg schon damals im SPIEGEL-ONLINE-Interview gewehrt: Formale und inhaltliche Defizite habe man früh entdeckt, die Plagiate aber erst in diesem Jahr.

Die Uni teilte mit, der Promotionsausschuss werde sich in Kürze mit der Begründung befassen und "nach sorgfältiger und ergebnisoffener Prüfung entscheiden". Die endgültige Entscheidung über den Widerspruch werde dann im Rektorat der Universität Heidelberg getroffen. Falls es beim Entzug des Doktorgrads bleibe, stehe Koch-Mehrin der Rechtsweg offen.

otr

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung