Plagiatsverfahren gegen Schavan Erste Entzugserscheinungen

Finden sich in der Doktorarbeit von Annette Schavan Plagiate oder Flüchtigkeitsfehler? Die Prüfer der Uni Düsseldorf beraten jetzt erneut darüber, ob die Bildungsministerin ihren Doktortitel verliert. Der Druck auf die CDU-Politikerin steigt.
Bildungsministerin Schavan: Zum Abwarten verdammt

Bildungsministerin Schavan: Zum Abwarten verdammt

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Nein, so richtig hat sich bislang kaum jemand für das Buch mit dem grün-weißen Einband interessiert. "Ich bin noch nie danach gefragt worden", sagt Werner Lonsky von der Verbundbibliothek Geisteswissenschaften an der Universität Düsseldorf. Klar, ein Exemplar steht in der Präsenzbibliothek, ein weiteres lagert normalerweise in der Zentralbibliothek, ist aber gerade beim Buchbinder. Ein drittes sei aber schon "storniert" worden, sagt Bibliothekar Lonsky, Altpapier, eingestampft.

Das Werk, das lange ziemlich unbeachtet in den Bibliotheken verstaubte, heißt "Person und Gewissen" und verhalf einst der jungen Studentin Annette Schavan zu einem Doktortitel - und zwar ohne vorherige Magister- oder Diplomarbeit und damit zu ihrem einzigen Studienabschluss. Jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später, muss sich zeigen, ob Schavan, mittlerweile Bundesbildungsministerin, ihren Doktortitel behalten darf - oder ob viele deutsche Uni-Bibliotheken die Dissertationschrift guten Gewissens "stornieren" können.

Am Dienstag trifft sich erneut der Rat der Philosophischen Fakultät, an der Schavan einst promoviert wurde. Die 15 stimmberechtigten Mitglieder des Uni-Gremiums beraten darüber, ob Teile von Schavans Doktorarbeit als Plagiat anzusehen sind und ob die Ministerin ihren Titel deshalb verliert. Vor zwei Wochen hatten sie mit 14 Ja-Stimmen und einer Enthaltung das Verfahren zum Titelentzug offiziell eröffnet. Der Dekan kündigte eine "ergebnisoffene" Prüfung an, "ohne Ansehen der Person und ihrer Position".

Bis wann sich die Prüfer zu einem Ergebnis durchringen, ist offen. Eine Frist gibt es nicht, es könnte aber am Dienstagabend soweit sein. Doch selbst wenn das Gremium gegen Schavan entscheidet, könnte die CDU-Frau gegen den Titelverlust klagen. Solange bleibt ihr allerdings nicht viel anderes, als abzuwarten. Schavan selbst bestreitet, abgeschrieben oder gar betrogen zu haben. "Ich habe Flüchtigkeitsfehler gemacht, aber ich habe nicht plagiiert", so wird sie im "Zeit-Magazin" zitiert .

Debatte um Zitierregeln der achtziger Jahre

Die Wissenschaftsgemeinschaft ist gespalten in zwei Lager: Da ist zum einen das Damals-war-das-eben-so-Lager. Dazu gehören auch renommierte Wissenschaftler, sie nehmen die Ministerin unter anderem mit dem Argument in Schutz, unklar abgegrenzte Zitate seien 1980 in den Erziehungswissenschaften keine Seltenheit gewesen. "Das entspricht dem damaligen Zitationsstil", sagte der emeritierte Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers dem SPIEGEL. In den siebziger und achtziger Jahren sei es durchaus üblich gewesen, auch Paraphrasen außerhalb der ausgewiesenen Zitate zu verwenden.

Dem widerspricht das Zitierregeln-galten-auch-vor-30-Jahren-Lager - und das ist in den vergangenen Tagen argumentativ noch einmal gestärkt worden. Vor allem weil ein Büchlein aus der Studienzeit Schavans bekannt geworden ist, das angehenden Pädagogen bei der "Anfertigung von Seminararbeiten" helfen sollte. Zu den Herausgebern der "Düsseldorfer Materialien zum Studium der Erziehungswissenschaft 1", erschienen 1978, gehörte auch Schavans Doktorvater, und die aufgelisteten Zitierregeln sind durchaus streng: In wissenschaftlichen Beiträgen sei es selbstverständlich, "alle wörtlichen und sinngemäßen Entlehnungen aus fremden Texten kenntlich zu machen", und zwar "mit einer genauen Quellenangabe". Aber genau das hat Schavan nicht an allen Stellen geleistet.

Sicher, die Arbeitsbedingungen für Doktoranden waren damals schlechter als heute. Ihre Dissertation tippte Schavan mit der Schreibmaschine, für jede Fußnote musste sie die Papierwalze drehen. Die Buchversion wurde im Flattersatz gedruckt, die Zeilen laufen ungleichmäßig aus. Kleine Fehler korrigierte die Doktorandin handschriftlich. Mal ist es eine fehlende Seitenzahl, mal ein fehlendes "s" im Wort "konsensfähig". Sie musste ihren Zettelkasten in Ordnung halten.

Doch das Lager derjenigen, die ihr die angeblichen Zitierfehler nicht durchgehen lassen wollen, meldet sich immer lauter zu Wort. Einige ließen sich im "Tagesspiegel" zitieren und beklagten "Rufmord" an ihrem Fach . Hans Brügelmann, emeritierter Professor für Grundschulpädagogik der Universität Siegen, sagte zum Beispiel: "Die Zitierregeln in der Erziehungswissenschaft waren damals die gleichen wie heute auch und nicht anders als in anderen Fächern - und wir kannten sie schon von der Schule."

Selbst in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die bislang eher das Vorgehen der Uni kritisierte und weniger die Dissertation der Ministerin, erschien jetzt ein Schavan-kritischer Kommentar . Der Autor schreibt, die Politikerin habe bislang versucht, sich "herauszureden", und endet mit den Worten: "Nun dürfte es richtig eng werden für die Frau Minister Professor Doktor." Ein anderer Artikel der Zeitung orakelt bereits:   "Schavan wird wohl den Titel verlieren." Sind das erste Entzugserscheinungen?

Schavan selbst brach am Montag zu einer fünftägigen Tour nach Südafrika auf. In Johannesburg, Pretoria und Kapstadt will sie über berufliche Bildung und Wissenschaftskooperation sprechen. Ob sie als designierte Ex-Doktorin nach Deutschland zurückkehrt, darüber entscheiden einige tausend Kilometer weiter nördlich ein paar Professoren, Mitarbeiter und Studenten der Uni Düsseldorf.

Mit Material von dpa
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