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30. Juli 2013, 17:51 Uhr

Plagiatsvorwürfe gegen Lammert

Doktor im Dilemma

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Norbert Lammert wehrt sich gegen den Plagiatsvorwurf eines anonymen Bloggers. Der Bundestagspräsident hat die Uni Bochum um Prüfung gebeten und seine Doktorarbeit in voller Länge ins Netz gestellt. Welche Lehren aber sollte die Wissenschaft aus den vielen Verdachtsfällen ziehen?

Nicht ohne Stolz sagt Erwin Faul: "Ich halte mich selbst für einen großen Plagiatsjäger, auch wenn ich damals nicht die technischen Möglichkeiten hatte, die es heute gibt." Jetzt prüft die Uni Bochum, an der Faul einst als Professor wirkte, die Dissertation seines früheren Doktoranden Norbert Lammert, CDU-Politiker, Bundestagspräsident.

Der soll nämlich "einen erheblichen Teil" der in seiner Doktorarbeit als verwendet angegebenen Literatur "ganz offenbar nicht gelesen" haben, wie dem Politiker ein anonymer Plagiatsjäger attestiert, der sich "Robert Schmidt" nennt. Auf 42 Seiten der Arbeit sind demnach Unregelmäßigkeiten zu finden, dokumentiert auf der Seite LammertPlag.

Lammert wurde von den Vorwürfen überrascht, er erfuhr erst am Montag durch die Anfrage der Zeitung "Die Welt" davon, die als erste darüber berichtete. Daraufhin rief er den Rektor der Uni in Bochum an und bat darum, dass seine Arbeit überprüft wird. Die Hochschule reagierte: Der Ombudsmann und die zuständigen Gremien hätten mit der Arbeit begonnen. Zudem ließ Lammert seine Doktorarbeit in voller Länge als PDF auf seiner Website veröffentlichen. Politiker aller Parteien mahnten zur Zurückhaltung und warnten vor Vorverurteilungen, außer Koalitionsabgeordneten auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck.

"Erstaunliche Figur von Integrität und Selbständigkeit"

Für Lammerts ehemaligen Doktorvater Faul, mit 90 mittlerweile ein betagter Mann, ist es eine schwierige Situation. Im Detail will er sich nicht zu den Vorwürfen gegen seinen ehemaligen Doktoranden äußern - jedenfalls nicht, bis er die Arbeit und sein Gutachten von damals noch einmal gelesen hat. Er erinnere sich aber an Lammert als eine "erstaunliche Figur von Integrität und Selbständigkeit".

Faul selbst hat sich verdient gemacht um die Wissenschaft: Er hat in Heidelberg, Bochum und Trier gelehrt, unzählige Studenten und Doktoranden betreut. Als Redakteur, Chefredakteur und Herausgeber der "Politischen Vierteljahresschrift" hat er unzählige Texte auf ihre Originalität und ihre wissenschaftliche Substanz hin geprüft - und ist immer wieder auf Unsauberkeiten, Plagiate und Schummeleien gestoßen, ganz ohne Suchmaschinen und digitale Bibliotheken. Faul ist die Art Gelehrter, für die einerseits Gewissenhaftigkeit und Wahrheitssuche alles überstrahlende Werte sind, die es anderseits merkwürdig finden, wenn anonyme Aktivisten die Quellenangaben alter Doktorarbeiten auf der Suche nach formalen Fehlern durchkämmen.

Die Frage stellt sich der Wissenschaft spätestens seit dem Fall Guttenberg: Wie gehen wir mit anonymen Hinweisen um? Tun wir genug gegen wissenschaftliches Fehlverhalten, Promotionsbetrug und Plagiate? Was ist ein Doktortitel eigentlich noch wert?

Funktionäre und Praktiker aus der Forschung ringen um den richtigen Umgang und allgemeingültige Regeln. Denn bedrohlicher als die prominenten Fälle aus der Politik und Wirtschaft seien jene Plagiateure und Schummler, die weiterhin in der Wissenschaft arbeiten, sagt Debora Weber-Wulff, Plagiatsexpertin und Informatikprofessorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. "Die Politiker stehen in der Zeitung", systematisch unehrliche Wissenschaftler nicht unbedingt.

Sollte Promotionsbetrug verjähren?

Wie groß das Problem ist, darauf gibt es allenfalls Hinweise. In einer Studie des Bielefelder Wissenschaftlers Sebastian Sattler gaben vier von fünf befragten Studenten an, im Studium bereits getrickst oder betrogen zu haben. Es ist nicht anzunehmen, dass nur die Gewissenhaften in der Wissenschaft bleiben.

Auf einer Tagung des Wissenschaftsrats stritten Funktionäre und Forscher erst vor wenigen Tagen unter anderem darum, ob Fehler in einer Doktorarbeit irgendwann verjähren sollten. Schließlich kennt das Recht bei fast allen Straftaten die "salvierende Wirkung der Zeit", wie es Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer, Ombudsmann der Deutschen Forschungsgemeinschaft, einmal nannte.

Einige Experten plädierten für eine Frist von zehn Jahren, später sollte zumindest nicht mehr der Titel entzogen werden dürfen. Strikt gegen eine Verjährung wandte sich wiederum Weber-Wulff. Sie argumentierte unter anderem: Wer sich einen Führerschein unrechtmäßig erschleiche, müsse den auch wieder abgeben, egal wann der Betrug aufgedeckt werde. Warum solle es sich bei der Befähigung für eine Wissenschaftskarriere, dem Doktortitel, anders verhalten? Ganz allgemein hat der "Dr." ihrer Meinung nach außerhalb der Wissenschaft nichts verloren, sollte also auch nicht im Personalausweis stehen.

Kurz zuvor hatte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sich mit einem anderen kritischen Punkt auseinandergesetzt: der Anonymität der Hinweisgeber. Denn längst ist der Plagiatsverdacht zur Waffe geworden im politischen und wissenschaftlichen Wettbewerb. Gezielt streuen bisweilen Konkurrenten das Gerücht, mit einer Dissertation stimme etwas nicht - gerne just dann, wenn Berufungsverfahren oder Beförderung anstehen.

Die DFG empfiehlt jetzt, dass anonymen Anzeigen auf wissenschaftliches Fehlverhalten, also etwa auf Plagiate, grundsätzlich nicht nachgegangen werden soll, jedenfalls nicht im Rahmen eines formalen Ombudsverfahrens: "Grundsätzlich gebietet eine zweckmäßige Untersuchung die Namensnennung des Whistleblowers." Eine durchaus umstrittene Ansicht.

Lammert ist jetzt in der unglücklichen Lage, dass die Uni prüft und zum laufenden Verfahren vorerst aber nichts weiter sagen will - also auch nichts Entlastendes. Zweifel an der Schwere der Vorwürfe gegen Lammert gibt es allerdings auch in dem Netzwerk der anonymen Plagiatsjäger der Plattform VroniPlag, an dem auch "Robert Schmidt" mitgearbeitet haben soll. Dort sehen zwar einige die mutmaßlichen Verfehlungen in Lammerts Arbeit kritisch: Studenten würde man solche Schnitzer heute auch nicht durchgehen lassen. Andere hingegen verweisen auf den geringen Umfang der bisherigen Fundstellen. Einer nennt die aktuellen Vorwürfe gegen Lammert sogar einen "Witz".

Der Diskussion hat gerade erst begonnen.

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