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Vorwürfe gegen Steinmeier: "Eine Maschine kann rechnen, ein Mensch kann bewerten"

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Plagiatsvorwurf gegen Steinmeier Viele Zahlen, wenig Belastbares

Erst wenige Tage alt sind die Plagiatsvorwürfe gegen Frank-Walter Steinmeier, jetzt wird die Uni Gießen die Doktorarbeit ihres "hochangesehenen Alumnus" überprüfen. Der Urheber der Vorwürfe ist ein Marketing-Professor der FH Dortmund.

Mit dem dreisten Abschreiber Guttenberg, dem ehemaligen Verteidigungsminister und CSU-Abgeordneten, fing 2011 alles an. Er stürzte über seine zusammenkopierte Doktorarbeit. Die FDP-Frau Silvana Koch-Mehrin und Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) verloren ihre Doktorgrade und ihre Ämter wegen Plagiaten, und kämpfen nun vor Gericht um ihre akademische Ehre.

Und zuletzt war ein anonymer Vorwurf gegen den verdienten CDU-Abgeordneten und Bundestagspräsidenten Norbert Lammert aufgetaucht, die Uni prüft seine Arbeit. Immer nur Politiker aus dem liberal-konservativen Lager?, wunderte sich mancher Kommentator.

Jetzt trifft es also Frank-Walter Steinmeier. Der SPD-Fraktionschef, frühere Kanzleramtschef und Außenminister, soll in seiner Dissertation abgeschrieben haben. "Bürger ohne Obdach: zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum;" lautet der leicht gekürzte Titel der Arbeit, eingereicht 1991 an der Universität Gießen. Das Nachrichtenmagazin "Focus" hat am Wochenende erstmals den Vorwurf veröffentlicht.

Steinmeier sagte dem "Focus", es handle sich um einen "absurden Vorwurf". Am Montagmorgen teilte der SPD-Politiker mit, er habe den Präsidenten der Universität Gießen um die förmliche Überprüfung seiner Arbeit gebeten. Nun wird die Uni Gießen dem Vorwurf in einem standardisierten Verfahren nachgehen, sagte Uni-Präsident Joybrato Mukherjee SPIEGEL ONLINE. Das heißt: Der Ombudsmann zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis beginnt in den kommenden Tagen mit einer Vorprüfung. Danach befasst sich eine Kommission, bestehend aus drei Professoren unterschiedlicher Fächergruppen, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter sowie deren Stellvertreter, ebenfalls mit der Arbeit. Wenn nötig, wird der Promotionsausschuss einbezogen.

Uni-Präsident verspricht "schnell und zügig" zu prüfen

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Solche Verfahren können dauern. Im Fall von Norbert Lammert ist die Universität Bochum über die Vorprüfung auch nach zwei Monaten nicht hinausgekommen. In Gießen aber soll es schneller gehen. Mukherjee sagt, in wenigen Wochen werde das Verfahren abgeschlossen sein, alles solle nun "schnell und zügig" gehen. Das sei auch im Interesse des "hochangesehenen Alumnus" Steinmeier.

Am vergangenen Freitag war bei der Uni Gießen eine E-Mail mit einer Anlage eingegangen, abgeschickt von Prof. Dr. Uwe Kamenz. Er ist BWL-Professor an der Fachhochschule Dortmund, Spezialgebiet Marketing, zudem betreibt er in Münster das "ProfNet Institut für Internet-Marketing".

2011 startete er das Projekt "Plagiatsfreies Deutschland", und kündigte an, er wolle 200.000 Arbeiten überprüfen. Dann folgte das Projekt "PolDiss", für das er 1000 Politiker-Doktorarbeiten durchsehen wollte. Ein Teil dieser Überprüfung soll nun auch die Dissertation von Steinmeier gewesen sein. Damals hatte Kamenz an die Bundesbildungsministerin Annette Schavan appelliert, "alle Dissertationen von aktuellen und jemals aktiven Bundespolitikern auf Plagiatsindizien unabhängig zu überprüfen". In der gleichen Pressemitteilung  bot Kamenz an, die Überprüfung mit seiner Software zu übernehmen. Kostenpunkt: 50.000 Euro.

Was das Bildungsministerium damals offenbar weniger interessierte, weckte die Neugier des "Focus". Wobei das Magazin "nur zwei Mal einen dreistelligen Euro-Betrag als Aufwandsentschädigung für das Digitalisieren von Büchern" zahlte, wie ein Verlagssprecher am Montag mitteilte. Konkreter will auch Kamenz nicht werden. "Das war so wenig, dass ich es nicht veröffentlichen möchte", sagte er. Wofür genau das Geld floss, wird nicht ganz klar. Der "Focus" sagt, das Magazin habe "losgelöst von der Untersuchung bestimmter Dissertationen" gezahlt. Kamenz sagt, der "Focus" habe ihn unterstützt, die Arbeiten von 20 Bundestagskandidaten zu überprüfen, darunter eben auch Steinmeier.

Anders als beispielsweise das VroniPlag Wiki nutzt Kamenz eine Software, die Dissertationen für ihn analysiert. Sie arbeitet mit einem Ampelsystem: Eine grüne Ampel bedeutet, die Plagiatsindizien liegen unterhalb der Bagatellschwelle, gelb spricht für deutliche Indizien, rot deutet auf eine Täuschungsabsicht hin. Auf der zweiten Seite von Steinmeiers Prüfberichts steht, die Gesamtplagiatswahrscheinlichkeit liege bei 63 Prozent. Daneben ein roter Punkt.

279 Seiten stark ist Kamenz Bericht, er ist deshalb so umfangreich, weil die Software jede Kleinigkeit auflistet. So wertete der Berliner Jura-Professor Gerhard Dannemann im "Focus" einen Großteil der von Kamenz angeführten Indizien als "lässliche Sünden" oder gar als unproblematisch. Nur drei Passagen sah er nach Lektüre des Zwischenberichts als kritisch an und sagte dazu: "Wenn der Prüfungsbericht hier die Quellen richtig wiedergibt, wären das Verstöße gegen die Zitierregeln, die den Bereich des Tolerierbaren klar überschreiten würden."

"Es gibt bedenkliche Stellen"

Auch Debora Weber-Wulff, Informatikprofessorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und bei VroniPlag aktiv, kennt sowohl den Bericht als auch die Software des Dortmunder FH-Professors Kamenz. Als Hochschul-Professorin testet sie regelmäßig Plagiatssoftware. Ihr Urteil zu ProfNet : "nicht berauschend". Wobei sich natürlich unter den vielen Fundstellen auch bei Steinmeier echte Plagiate verstecken können. "Es gibt bedenkliche Stellen", sagt Weber-Wulff. Und trotzdem betont sie: "Mit Software kann man keinen Plagiatsvorwurf begründen." Viele Indizien in dem Bericht seien für sie nicht nachvollziehbar und zum Teil auch unsauber. Gerade wenn jemand so einen gravierenden Vorwurf publik mache, müsse er korrekt arbeiten, sagt sie.

So finden sich in dem Plagiatsbericht zum Teil Fehler, die durch die automatische Texterfassung entstanden sind. Auf Seite 43 steht beispielweise "ki >d*iHn". Auch heißt es in dem Bericht, Steinmeiers Dissertation umfasse insgesamt 452 Seiten, wobei die Deutsche Nationalbibliothek 444 Seiten angibt.

Kamenz räumt ein, es gebe noch genug Potential die Software zu verbessern. Und trotzdem hält er an dem Plagiatsvorwurf fest: "Es liegen genug Indizien vor, dass die Universität Steinmeier den Doktortitel entziehen könnte", sagt er.

Der Uni-Präsident Mukherjee gibt sich zurückhaltender, wobei er der Arbeit von Ombudsmann und Kommission nicht vorgreifen möchte. Er spricht nur von einem "sogenannten Prüfbericht" bestehend aus Zahlen, Prozenten und Textstellen. "Eine Maschine kann rechnen", sagt er. "Ein Mensch kann bewerten."

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