Politik-Jungstar in Österreich Der Ungeile

Sebastian Kurz, 24, studierte Jura, bis ihn die Politik holte. Nun ist er jüngstes Regierungsmitglied in Österreich und soll neue Wähler locken. Dabei stellt er sich nicht immer geschickt an: So brauste er im "Geil-o-Mobil" mit "Geilmacherinnen" durch Wien - was der Beliebtheit eher schadete.

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Von Julia Herrnböck


"Everybody wants you", Achtziger-Jahre-Pop perlt aus den Lautsprechern des Prunksaals in Wien und mischt sich mit dem Gesumme der vielen Stimmen. Das Publikum wartet, gleich wird es so weit sein, gleich tritt er auf, der Jungstar: Sebastian Kurz, 24, Jurastudent und seit April Staatssekretär für Integration im österreichischen Kanzleramt. Und damit das jüngste Regierungsmitglied im jüngsten überhaupt verfügbaren Amt - es wurde soeben erst geschaffen. Eigens für ihn, behaupten böse Zungen.

Noch steht Sebastian Kurz bloß so herum im Saal, umkränzt von seinen Beratern, Herren mit Grau im Haar und Einstecktuch im Jackett. Kurz hat die Arme vor der Brust verschränkt, fast unmerklich wechselt er von einem Bein aufs andere.

"Everybody wants you, I'd just like to make you mine, all mine." Sein Chef, Österreichs Vizekanzler und ÖVP-Parteichef Michael Spindelegger, könnte die Strophe aus dem Song von KC & The Sunshine Band persönlich ausgewählt haben. Er hat viel vor mit dem jungen Nachwuchspolitiker.

Die Österreichische Volkspartei kommt seit Monaten nicht aus dem Umfragetief heraus. Sebastian Kurz soll's richten, soll neue Wähler für die Konservativen begeistern. Wenn möglich, die jungen, die politikverdrossenen. Denn rechtsaußen lauern die Rechtspopulisten von der FPÖ, die das heikle Ausländerthema besetzen wollen. Denen soll der Jurastudent die Show stehlen.

Politik darf doch wohl Spaß machen, oder?

Dabei stellt er sich nicht immer ganz glücklich an. Vergangenen Herbst, bei der Wiener Landtagswahl, brauste Kurz in einem schwarzen Luxusgeländewagen, Typ Hummer, durch die Hauptstadt. Als reiche es nicht, das Gefährt "Geil-o-Mobil" zu nennen, hatte er es mit jungen Frauen in Hot Pants, den "Geilmacherinnen", dekoriert. Den Wahlkampfauftakt zelebrierte er im Wiener Nachtclub "Moulin Rouge". Politik dürfe doch wohl Spaß machen, oder? Und Schwarz mache nun mal geil, so der Slogan.

Kurz war dann nicht mehr sonderlich beliebt. Journalisten und Opposition fielen über ihn her. "Präpotent" wurde er genannt. Trotzdem, zu der Kampagne, sagt Kurz, stehe er noch heute. Ausführlich darüber sprechen will - oder soll - er allerdings nicht mehr.

Endlich darf Kurz aufs Podium. Über den Prunksaal verfügt eine Wiener Lobbying-Agentur, im Publikum: PR-Leute. Denen soll er nun Rede und Antwort stehen. Darüber, was ihn für dieses Amt eigentlich befähigt. Und, wichtig für die Medienfachleute, darüber, wie er mit der schlechten Presse umgeht. Fesch schaut er aus, der Sebastian Kurz, mit seinem gewinnenden Lächeln, seinen weichen, fast kindlichen Gesichtszügen. Seine beiden Markenzeichen begleiten ihn zu allen Terminen: die stets zart geröteten Wangen und das krawattenlose Hemd. Er könnte auch erst 20 sein.

Ein eifriger Berater fummelt zum dritten Mal an Kurz' Mikro, bevor der Jungpolitiker auf einem der beiden Stühle Platz nehmen darf. Bevor es losgeht, rutscht er mit seinen Füßen ein paar Zentimeter vor, dann wieder zurück. Zieht seine Socken hoch, zupft seine Manschetten zweifingerbreit aus dem braunen Nadelstreifenanzug. Lampenfieber.

Image: Schnösel aus reichem Elternhaus

Dabei kennt Kurz das Polit-Business, er kennt es besser als die juristische Fakultät der Uni Wien, wo er sich, das gibt er selbst zu, nicht gerade um die Rolle als akademischer Gipfelstürmer gerissen hat. Ein Drittel seines Lebens schon steht das Kungeln, Planen, Antichambrieren auf seinem Lehrplan: Mit 16 trat er in die ÖVP ein, mit 21 stellten die Konservativen ihn zur Nationalratswahl auf, seit zwei Jahren ist er Bundesobmann der jungen Schwarzen.

"Heute Morgen hatte ich mein erstes Vieraugengespräch mit dem Kanzler", erzählt er den PR-Leuten. Stolz klingt das. Aber nicht besonders eitel, eher so, als fände er's einfach schön. In die Politik sei er geraten, berichtet Kurz, weil er immer seine Meinung sagen wollte, irgendwie wäre er dann bei den jungen Schwarzen gelandet.

Sebastian Kurz stammt aus Meidling, einem Wiener Arbeiterbezirk. Sein Vater ist Techniker, die Mutter Lehrerin. Trotzdem haftet ihm das Image des Schnösels aus reichem Elternhaus mit exklusiver Bildung an. "So ist es aber nicht", sagt er. "Auch wenn ich gerne auf eine Privatschule gegangen wäre."

Bloß nicht festlegen

Kurz wird vor allem seine Jugend angelastet. Dass die von vielen Seiten geforderte Stabstelle für Integration mit einem 24-Jährigen besetzt wurde, riss die österreichischen Kommentatoren hin zu starken Meinungen über seine Konzept- und Ahnungslosigkeit. Eine Facebook-Gruppe "Kurz als Integrationsstaatssekretär - Nein danke" zählte binnen kurzer Zeit Tausende Unterstützer.

Das tut weh. "Die Latte wurde so hoch gelegt, dass ich selbstbewusst unten durchgehen könnte", sagt er. Einige Monate zuvor hatte Kurz gefordert, dass in den Moscheen auf Deutsch gepredigt wird: "Deutsch ist der Schlüssel zur Integration." Viel mehr als das war bis jetzt nicht von ihm zu hören. Dass der Vizekanzler ihm seine Amtstauglichkeit mit den Worten "Er ist jung, und er ist Wiener" bescheinigt hat, macht es seinem Zögling nicht unbedingt leichter.

So ist es wohl ein Schutz, wie Sebastian Kurz redet. Nie verlässt er den Pfad der sichereren Nichtaussagekraft. Er sagt Sätze wie "Wir wollen einen positiven Zugang zum Thema Integration" oder "Wir müssen viele kleine Schritte machen". Bloß nicht festlegen. Nur Fragen, die sein Alter betreffen, erträgt er nicht. Dann wird er hektisch, unterbricht - und entschuldigt sich sofort. Kurz' Studium liegt derzeit auf Wiedervorlage. In der Vergangenheit war zumindest eine Prüfung pro Semester drin, aber dafür ist jetzt keine Zeit mehr. Dabei fehlen ihm noch vier Examina: in Verfassungs-, Verwaltungs-, Finanz- und Völkerrecht. "Aber wann ich die machen kann, weiß ich nicht." Abschließen will er das Studium auf jeden Fall. Die Möglichkeit, eines Tages als Anwalt zu arbeiten, reize ihn, sagt er. Als Politiker in Pension zu gehen, könne er sich jedenfalls nicht vorstellen.

Um 5.30 Uhr steht er jetzt immer auf, die letzten Termine enden selten vor Mitternacht. Ein freies Wochenende ist kaum drin. Ob es ihm fehlt, ausgelassen zu feiern? Lange zu schlafen, Abende mit seiner Freundin Susi, mit der er seit Schülertagen liiert ist, zu verbringen? "Ich war vorher kein Bummelstudent, wie das die Zeitungen gerne verbreiten. Ich habe immer schon viel gearbeitet."

"Als Berufspolitiker muss man eben leidensfähig sein", sagt er zum Schluss. Charmantes Lächeln, rote Wangen, Applaus. Weiter geht's: Sebastian Kurz eilt mit seinem Berater-Tross zum nächsten Termin: dem Landestag des Wiener Arbeiterbundes.



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