Politikmüde Studenten Nur Verlierer protestieren

Die Hörsäle sind übervoll, doch bei der Demo bleibt die Straße leer. Deutschlands Studenten denken mehr an sich als an die Uni, hat einer von ihnen festgestellt - und seine Magisterarbeit über protestabstinente Studenten geschrieben. UniSPIEGEL ONLINE sprach mit Roland Bloch über seinen Befund und mögliche Therapien.


UniSPIEGEL ONLINE:

Studieren an unseren Unis nur Egoisten?

Studentenprotest gegen Gebühren (in Köln): "Als Event inszenieren"
DPA

Studentenprotest gegen Gebühren (in Köln): "Als Event inszenieren"

Roland Bloch: Es herrscht der Typ des "flexiblen Studierenden" vor, wie ich ihn genannt habe. Diese Studierenden achten tatsächlich vor allem auf ihre Marktposition, das ist ihre Hauptorientierung. Das als Egoismus zu bezeichnen, ist aber nicht ganz richtig. Es sind halt Individuen, für die die Universität nicht mehr der Lebensmittelpunkt ist. Sie wollen sich selbst verwirklichen, das ist ihr Antrieb.

UniSPIEGEL ONLINE: Die "Generation Golf" in den Hörsälen?

Bloch: Ja, wobei dieser Begriff den allgemeinen Lebensstil der "flexiblen Studierenden" trifft. Der ist charakterisiert durch eine Lust an der Anpassung, durch die Strategie, sich unter den gesellschaftlichen Strömungen eine auszusuchen - und zwar die, die einen am ehesten befriedigt.

UniSPIEGEL ONLINE: Was erwarten denn diese Studenten von ihrer Universität?

Bloch: Eigentlich nur das, was sie außeruniversitär weiterbringt. Den Titel am Schluss beispielsweise.

UniSPIEGEL ONLINE: Aber es gibt ja noch Studierende, die protestieren. Die "flexiblen" sind wohl nicht darunter?

"Spars Wars": Logo zu den letzten großen Uni-Streiks

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Bloch: Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass flexible Studierende protestieren, zumindest für die Uni. Nun handelt es sich dabei um eine Tendenz, die Abstufungen kennt. Das ist zum Beispiel auch abhängig von der Protestform.

UniSPIEGEL ONLINE: Und welche Form muss es sein?

Bloch: Es wäre wichtig, den Protest als Event zu inszenieren. Das Engagement darf nicht in Diskussionsrunden in Gremien gefordert werden - die interessieren keinen.

UniSPIEGEL ONLINE: Also nackt in den Brunnen springen nach dem Motto "Bildung geht baden?" Oder die Bildung zu Grabe tragen?

Bloch: Das ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, die "flexiblen Studierenden" in den Protest einzubinden. Der symbolische Protest kommt immer an. Es ist ein Erlebnis, eine Gaudi. Kreativer als programmatische Entwürfe. Und es gibt Medienpräsenz. Darüber konserviert man die eine symbolische Aktion. Aber irgendwann ist das ausgereizt - und die flexiblen Studierenden ziehen sich wieder in die anderen Bereiche zurück, in denen sie Fun haben können.

UniSPIEGEL ONLINE: Wie könnte man sie zu langfristigem Engagement bewegen?

Bloch: Auf einer prinzipiellen Ebene kommt es darauf an, das Scheitern zu thematisieren. Jeder schreibt ja eigentlich immer an seiner Erfolgsstory - aber nicht alle können eine haben, einige müssen scheitern. Über die konkrete Erfahrung, dass sie mit jedem Weiterkommen immer auch Verlierer produzieren und dass sie selbst auch dazu gehören könnten, kann man die Studierenden vielleicht erreichen.

UniSPIEGEL ONLINE: Sind sie nicht schon Verlierer, wenn sie in überfüllten Seminaren sitzen?

Bloch: Das realisieren "flexible Studierende" nur, wenn sie außeruniversitäre Nachteile befürchten müssen. Beim "Lucky Streik" 1997 in Gießen war es so: 600 Lehramtsstudenten saßen vor vier Lehrbeauftragten, die mit ihnen ein Tutorium machen sollten. Da hieß es: Alle Erstsemester raus! An einer solchen Stelle wird es dann auch schwierig für den "flexiblen Studierenden" - denn es droht ihm ein wahnsinniger Zeitverzug. Und die Zertifizierung per Abschlusszeugnis soll schließlich nicht so lange auf sich warten lassen.

UniSPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die "flexiblen Studierenden" selbst erlebt?

Bloch: Als in Sachsen die Debatte um den Hochschulkonsens und die Stellenkürzungen begann, habe ich mich gefragt: Wir Studentenvertreter lassen uns hier so viel einfallen - wieso kommen die einfach nicht? In der Zeit habe ich auch das Buch "Der flexible Mensch" von Richard Sennett gelesen. Und habe festgestellt: Die Dinge, die soziales Handeln unterminieren, die finde ich hier bei diesen Studierenden. So bin ich dann auf das Thema für meine Magisterarbeit gekommen.

UniSPIEGEL ONLINE: Was haben Sie sich in Ihrer Zeit als "Aktiver" einfallen lassen, um etwas zu erreichen?

Klassiker: "Die Bildung geht baden"
AP

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Bloch: Wir haben mal die Amtseinführung des Rektors besucht. Da haben wir uns fein angezogen und sind in die Oper gegangen. Die Größen waren versammelt, die Amtinsignien lagen bereit. Es wurde gefeiert - zu einer Zeit, als Hunderte von Stellen gestrichen werden sollten. Zunächst haben wir das Spiel mitgespielt - und dann die Regeln gebrochen. Nach zehn Minuten sind wir auf die Bühne marschiert und haben den Rücktritt des Rektors gefordert, etwas, von dem wir wussten, dass es nicht passieren wird. Für uns war die Lage schon so problematisch, dass wir nicht mehr darüber diskutieren konnten - und weil wir nicht reden, diskutieren wollten, war die Situation auch für die Amtsträger und das Publikum problematisch.

UniSPIEGEL ONLINE: Und? Hat es was gebracht?

Bloch: Es hätte eine mobilisierende Wirkung haben können. Aber es war wohl nicht perfekt organisiert. Wir hätten vielleicht Studiengebühren fordern und uns damit auch selbst noch provozieren sollen. Alle müssen so was als äußerst problematisch empfinden - dann wird gemeinsam nach Auswegen gesucht. So weckt man doch wieder den Solidargedanken.

Das Interview führte Carsten Heckmann



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