Uni-Kurs zu Pornografie "Die Leute denken, es sei eben einfach nur Sex und die Kamera hält drauf"

Die Wissenschaftlerin Madita Oeming erforscht Pornos und unterrichtet dazu an der Uni Berlin. Das gefällt nicht jedem. Im Interview spricht sie über Kritik von Kollegen und weshalb sie Sexfilme wie Literatur behandelt.

Madita Oeming

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Ein Interview von


Wenn Madita Oeming erzählt, was sie beruflich macht, dann erhält sie dafür selten Anerkennung. Oeming ist Wissenschaftlerin, Forschungsgebiet: Pornografie. Bereits im vergangenen Semester hat die 33-Jährige Studenten an der Universität Paderborn in dem Fach unterrichtet, im kommenden Semester folgt ein Kurs an der Freien Universität Berlin. Vor Kurzem kündigte Oeming das Seminar auf Twitter an - und erhielt viele hasserfüllte Kommentare.

SPIEGEL ONLINE: Frau Oeming, auf Twitter wurden Sie angegriffen, nachdem Sie dort Ihren Kurs angekündigt hatten. Hat Sie das überrascht?

Oeming: Ich bin Kritik und Missachtung für mein Thema schon gewohnt, allerdings nicht in dieser Masse und Bösartigkeit. Es war eine Lawine primär rechtskonservativer Anfeindungen. Mein Twitter-Account stand 48 Stunden lang nicht still. Überrascht hat mich vor allem der unverblümte Antisemitismus. Das war mir bisher nicht als Reaktion auf mein Forschungsfeld begegnet.

Zur Person
    Madita Oeming, 33, promoviert an der Universität Paderborn am Institut für Anglistik und Amerikanistik zum Thema Pornosucht. Im kommenden Semester will sie an der FU Berlin den Kurs "porn studies" unterrichten.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollen sich Studentinnen und Studenten in Ihrem Seminar Pornofilme ansehen?

Oeming: Spätestens seitdem das Internet Pornos für jeden, jederzeit und größtenteils umsonst verfügbar gemacht hat, wird kaum ein Medium in derartiger Masse konsumiert. Gleichzeitig verfügen wir nur über ein sehr begrenztes Verständnis von Pornografie und der Industrie, die dahintersteht. Das halte ich für gefährlich. Pornos dürfen kein Tabuthema sein. Meiner Meinung nach gehört "Porno-Kompetenz" sogar als Unterrichtsinhalt an die Schulen.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft Ihr Kurs ab?

Oeming: Die Porn-Studies sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld, es kommen Ansätze aus der Filmwissenschaft, den Gender-Studies, der Kulturanthropologie und so weiter zusammen. Wir werden uns auf den US-amerikanischen Raum konzentrieren. Die Studierenden sollen die Ästhetik von Pornofilmen analysieren, verschiedene Genres kennenlernen. Es wird aber auch um Normen und Ängste gehen, die mit dem Thema verbunden sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gehen?

Oeming: Es ist nicht so, dass ich das Licht ausmache und 90 Minuten lang ein Pornofilm läuft. Wir sprechen auch nicht über meine Vorlieben oder die der Studierenden, da gibt es klare Grenzen. Stattdessen gucken wir ausgewählte Szenen und ich vergebe dazu Sehaufträge. Zum Beispiel, wie der feministische Porno mit der gängigen Bildsprache bricht. Wir behandeln Pornofilme eben wie die Literaturwissenschaften Romane.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ergiebiger, über eine Romanpassage zu diskutieren als über einen Pornoausschnitt?

Oeming: Natürlich gibt es ein paar besondere Herausforderungen. Wenn ich einen Roman bespreche, haben die Studierenden das in der Schule gelernt. Über einen Porno zu reden, ist erst einmal ungewohnt. Es fehlt oft schon an der Sprache. Und es ist zunächst viel Scham im Raum. Daran lässt sich aber arbeiten und erfahrungsgemäß gelingt es den Studierenden gut, einen analytischen Blick einzunehmen - besser sogar als auf Hollywoodfilme.

SPIEGEL ONLINE: Wie ernst werden Sie eigentlich in der wissenschaftlichen Community genommen?

Oeming: Ich habe häufig mit Vorurteilen zu tun, auch von Kolleginnen und Kollegen. Das gängigste ist, dass Pornografie unterkomplex sei. Die Leute denken an dieses trashige Medium, eben einfach nur Sex und die Kamera hält drauf. Das stimmt so nicht. Ein Porno ist kein Kafka-Roman, das ist mir natürlich auch klar. Aber in ihrer Entstehungsgeschichte, Vielfalt und vor allem in ihrem kulturellen Zusammenhang wird Pornografie zu einem hochkomplexen und sehr spannenden Thema. Menschen können sich auch nicht vorstellen, dass man es schafft, wissenschaftlich einen Porno zu gucken. Sie halten die Erregung für zu mächtig. Aber ich kann mich bestens von meinem Forschungsfeld distanzieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit den Anfeindungen und der Kritik um?

Oeming: An die allgemeine Skepsis habe ich mich schon gewöhnt. Ich erkläre die Relevanz des Themas gerne immer wieder. Der Hass, der mir in den letzten Tagen auf Twitter entgegenschlug, war für mich eine augenöffnende Erfahrung. Ich habe unterschätzt, was das mit einem macht. Aber ich werde mich davon nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil. Es beweist nur, wie bitter notwendig meine Arbeit ist.

Im Video: BBC Doku - Louis Theroux hinter den Kulissen der Pornoindustrie



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