Portiers in Cambridge Vorsicht, freundliche Bulldogge

Pförtner sind die heimlichen Herrscher der Colleges. Streng wachen sie an der Nobel-Uni Cambridge über Zucht und Ordnung. An den Aufpassern vorbei führt nur eine halsbrecherische Klettertour über Dächer, Türmchen und Fassaden - bizarre Trophäenjagd inklusive.

Von Benedikt Mandl, Cambridge


Wenn junge Frauen in England abends ausgehen, dann tragen sie höchstens vier Kleidungsstücke. Schuhe zählen schon als zwei. So witzelt man gern im Land der Angelsachsen über die modischen Entgleisungen, die man vielerorts am Wochenende beobachten kann. Die beiden, die da gerade aus der Bar des ehrwürdigen King's College in Cambridge stöckeln, demonstrieren nebst Garderobe auch, wie nach Meinung vieler Engländer ein gelungener Freitagabend aussieht: Sturzbetrunken und laut krakeelend wanken sie auf der Suche nach dem Ausgang in Richtung Cam.

Leider in die falsche Richtung - die "Porter's Lodge", das Pförtnerhaus, liegt auf der anderen Seite des College. Das neogotische Gebäude ist rund um die Uhr besetzt mit freundlichen Herren in mittleren Jahren: Portiers sind das Herzstück und Aushängeschild eines jeden Colleges. Tagsüber weisen sie Touristen den Weg, nachts wachen sie über den Frieden in den alten Gemäuern.

Und den sabotieren die beiden Kneipenbesucherinnen gerade nach Kräften. Flotten Schrittes biegt der Portier um die Ecke, so dass sie ihn nach dem Ausgang fragen können. Geduldig und höflich verweist er sie an das Pförtnerhaus, das hell erleuchtet und schwer zu übersehen auf der anderen Seite des Hofes steht.

Schon im Abgang dreht er sich noch einmal um und ruft den Mädchen nach: "Don't walk on the grass!" Zu spät: Angesichts der Stöckelschuhe, die einen bleibenden Eindruck auf dem geheiligten Rasen hinterlassen, seufzt der Portier hilflos und geht weiter.

Don Quichotte der Hochschule

Der Pförtner als tragische Figur, als Don Quichotte der Hochschulen: Einst waren die Portiers gefürchtete Hüter von Tradition und Disziplin, erkennbar an der Melone, die sie heute konsequent nur noch in Trinity und Selwyn College tragen. So legendär waren sie, dass Tom Sharpe den Chefportier im Cambridge-Kultroman "Schwanenschmaus in Porterhouse" zum heimlichen Rektor des Colleges macht. Devot, aber intrigant, schrullig, aber gefährlich allwissend - das ist das traditionelle Bild eines Collegeportiers.

"Die Melonen gibt es bei uns schon lange nicht mehr", erklärt einer der Portiers von King's College. Er vermisse sie aber gar nicht: Wo doch heute die weiblichen Studenten in der Mehrzahl sind, müssten die Pförtner ja ständig den Hut zum Gruß lüften. Nicht nur die Kopfbedeckung, auch die Laufbahn der Portiers ist leger geworden. Früher waren die meisten Portiers aus dem aktiven Dienst ausgeschiedene Offiziere. Heute legen nur noch wenige Colleges Wert auf einen militärischen Hintergrund. "Ich bin Friseur im Ruhestand. Aber wir haben auch einen pensionierten Polizisten und einen ehemaligen Berufsmusiker", erzählt der King's-Portier.

Touristen vom Rasen jagen, weil nur Seniormitglieder des Colleges das satte Grün betreten dürfen, Konferenzgästen den Weg weisen, die Collegekatze füttern, laute Partys beenden und Feuermelder bei Blindalarmen ausschalten: Solche Tätigkeiten bestimmen heute den Portier-Alltag. Wer Geschichten aus wilderen Zeiten hören will, sollte sich an die Stocherkahnführer wenden. Sie sind oft selbst Studenten in Cambridge und die ergiebigste Quelle für wundersame Anekdoten. Auf Bootstouren entlang der Cam kommen sie gern auf die "Night Climbers of Cambridge" zu sprechen - den ultimativen Alptraum der Portiers.

Wettstreit der Kletterer

"Night Climbers" sind Studenten, die nachts zumeist ohne technische Hilfsmittel auf die pittoresken Gebäude der Colleges klettern - Kamin, Kirchturm oder Bibliothek, nichts ist vor ihnen sicher. Die skurrile Kletterei begann mit einem Handbuch von 1899. Weil damals die Portiers noch streng über die Einhaltung der Sperrstunde wachten, war das Überwinden von Collegemauern oft eine Notwendigkeit für Nachtschwärmer. Das Handbuch beschrieb die besten Kletterrouten über das Dach des Trinity College. Weitere Prestigeobjekte folgten, legendär wurde etwa die Erstbesteigung des Kirchturms von St. John im Jahre 1926.

Die Kletterei gipfelte in einer bizarren Trophäenjagd: Um die Portiers zu ärgern, platzierten die Kletterer Objekte auf gut einsehbaren Stellen. Eine Gummiente im Balkenwerk von Trinity etwa oder ein Mistkübel auf einem Giebel von St. John's. Besonders gemein: Die Statue von König Heinrich VIII. hielt statt des Szepters ein Stuhlbein in der Hand. Irgendwann parkte schließlich gar ein Aston Martin auf dem Dach des Senate Houses, quasi die Aula der Universität.

Als schwierigste Wand galt indes die Kapelle von King's College. Gut sichtbar vom Pförtnerhaus und in schwer besteigbarer Spätgotik errichtet, so dass sich nur die kaltblütigsten Kletterer auf das Cambridge-Wahrzeichen wagten. "Unterhosen, Transparente, Luftmatratzen - dort oben war schon alles mögliche", erzählt ein Stocherkahnführer seinen andächtig lauschenden Kunden. Damals habe es in King's aber auch einen Portier gegeben, der während seiner Zeit in der Armee Scharfschütze gewesen sei.

"Jeden Morgen, wenn wieder eine Trophäe am Dach war, hat der dann ein Luftgewehr genommen und das Ding wieder heruntergeschossen." Bloß einmal habe er vor den Kirchenschändern kapituliert: Als ein Union Jack von einem Türmchen flatterte, weigerte sich der patriotische Portier, die Flagge des Empire unter Beschuss zu nehmen. Mehrere Monate habe es gedauert, bis schließlich der Wind das Zeugnis für die nächtlichen Umtriebe beseitigte.

Heute wird auf der King's Kapelle nicht mehr geklettert. Das verhindern lange Spieße an den Türmen. Sie versiegeln den Zugang zum Dach und damit zu den attraktivsten Giebeln und Türmchen. Eine Sorge weniger für die geplagten Pförtner von King's. Sie können sich nun mit umso mehr Hingabe ihren aktuellen Aufgaben widmen. Don't walk on the grass!



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