Praktikantin für den Irak Krisenmanagement statt Kaffeekochen

Anke Brinkmann, 25, aus München arbeitet vier Monate als Praktikantin für die Unesco. Ihre Aufgabe ist es, irakischen Journalisten die Pressefreiheit beizubringen. Wegen des Irak-Krieges hat sie ihr Büro allerdings in Jordaniens Hauptstadt Amman.

Von Nora Münz


Den Muezzin hört Anke Brinkmann* schon lange nicht mehr. Wenn er um fünf Uhr morgens sein Gebet in der Moschee neben ihrer Wohnung schmettert, dreht sie sich noch einmal um und schläft weiter. Seit November wohnt Anke in Jordaniens Hauptstadt Amman. Jeden Morgen um acht Uhr fährt sie mit dem Taxi zur Arbeit nach Wadi Saqra - ins Unesco-Büro.

Derzeit hat sie viel zu tun, da bleibt kaum Zeit für den Morgen-Plausch mit ihrer palästinensischen Bürogenossin. Anke betreut ein Projekt für irakische Radiojournalisten. Sie sollen dazu angeregt werden, verstärkt Berichte über die Rolle der Frau in der irakischen Gesellschaft zu senden. Anke handelt Verträge aus und hat vor kurzem ein Konzept für die Neugründung einer irakischen Radiostation entwickelt. "Dort sollen sunnitische und schiitische Journalisten gemeinsam arbeiten und sich einander nähern", erklärt die 25-Jährige.

Die Kollegen in Amman sind international: Die meisten Mitarbeiter kommen aus dem Irak, aus Jordanien oder anderen arabischen Staaten, einige aus Europa. Im Büro wird neben Englisch überwiegend Arabisch gesprochen. Frauen sind in der Mehrheit.

Iraker Unesco-Büro ausquartiert nach Amman

Erste Kontakte zur Unesco hat Anke während ihres Auslandsstudiums in Paris geknüpft. Die Sonderorganisation der Vereinten Nationen setzt sich seit den vierziger Jahren für die weltweite Förderung von Bildung, Wissenschaft und Kultur ein. Sie umfasst derzeit 191 Mitgliedstaaten. In der Pariser Zentrale begann Anke vor zwei Jahren ein Praktikum. Aus den geplanten drei wurden acht Monate. Dann wurde sie als Consultant eingestellt und reiste ins afrikanische Burundi, um bei einem Schulprojekt für Straßenkinder und Aids-Waisen mitzuhelfen.

Die Einladung eines Pariser Kollegen ins Unesco-Büro nach Jordanien kam ihr nach Abschluss ihres Studiums der Kommunikationswissenschaft gerade recht: "Der Nahe Osten hat mich schon immer fasziniert. Und für ein Land wie den Irak zu arbeiten ist eine große Herausforderung."

Nach dem Bombenanschlag auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen in Bagdad im Jahr 2003 befindet sich das Iraker Unesco-Büro übergangsweise in der jordanischen Hauptstadt Amman. Ankes Abteilung "Communication and Information" kommt dabei eine wichtige Funktion innerhalb der Arbeit der Vereinten Nationen zu: Hier werden die neuen Medien- und Menschenrechte der irakischen Bevölkerung, insbesondere den Journalisten, nahe gebracht.

Ziel ist es, nach den langen Jahren der Diktatur das Recht auf freie Meinungsäußerung im kulturellen und politischen Verständnis der Iraker zu verankern. "Nur unabhängige und objektive Medien ermöglichen der Bevölkerung, sich eine eigene Meinung zu bilden", erklärt Anke. "Durch die Berichterstattung der Medien sollen sich die Iraker direkt mit den politischen Geschehnissen auseinander setzten."

Zwei Schritte vorwärts, anderthalb zurück

Die Arbeit für die Unesco fordert ein hohes Maß an Verantwortung. Doch manchmal ist der Job auch ernüchternd, menschliches Leid allgegenwärtig. Eine Ammaner Konferenz zu den Arbeitsbedingungen irakischer Journalisten hat Anke sehr bewegt. "Der Chefredakteur einer irakischen Zeitung hat unter Tränen berichtet, wie ein Mitarbeiter auf grausame Weise ermordet wurde", erzählt sie. "Dieser Journalist war Sportjournalist, nicht einmal politisch engagiert. Nach dieser Konferenz hatte ich die ganze Nacht Alpträume."

Glaubt sie selbst an das Wirken ihrer Arbeit? "Die Projekte werden wohl nur auf lange Sicht Erfolge erzielen", meint Anke. "Nach jahrzehntelanger Unterdrückung fällt es den irakischen Journalisten schwer, den Schalter im Kopf umzulegen und plötzlich ihre Meinung frei zu äußern. Solange der Konflikt im Land anhält, geht es immer nur zwei Schritte vorwärts und anderthalb zurück."

Von der bevorstehenden Hinrichtung Saddam Husseins kurz vor Jahresende hat Anke in Amman im Internetcafé erfahren. "Ich habe sofort BBC-World-News angeschaut", erzählt sie. "Die Lage in Amman war sehr ruhig. Nichts hat auf Saddams baldigen Tod hingedeutet. Am nächsten Tag gingen die Bilder des toten Diktators um die Welt." Den schonungslosen Umgang der irakischen Medien mit den Hinrichtungsbildern hat Anke erlebt: "Zwangsläufig musste ich mir das Video drei Mal im Fernsehen anschauen. Erschreckend war, dass sich viele jordanische Jugendliche das Video auf ihr Handy geladen haben."

Bier und "99 Luftballons"

Ihre freie Zeit nutzt Anke, um sich von der Arbeit zu erholen. Die arabische Gastfreundschaft hat sie besonders beeindruckt. Am Wochenende trifft sie sich mit jordanischen Freunden in ihrer Lieblingsbar, um Minztee zu trinken und Wasserpfeife, Nargile, zu rauchen. Streng muslimisch geht es dabei nicht zu - auch Bier fließt in Strömen. "Wenn ich ein Bier trinke, und der DJ legt '99 Luftballons' auf, dann fühle ich mich hier wie zuhause", sagt Anke lachend.

Sie wird als Europäerin akzeptiert, trägt kein Kopftuch, fühlt sich sicher und bewegt sich frei. Dennoch hält Anke sich bewusst an gewisse Regeln, die ihr das Leben in dem arabischen Land erleichtern: Frauen geben nie die Hand zuerst, meiden den direkten Blickkontakt mit Männern und sitzen im Taxi nur hinten. Wenn es die Zeit erlaubt, tourt Anke ausgiebig durch den Nahen Osten. In Jordanien hat sie mittlerweile das meiste gesehen. Weihnachten hat sie in Israel verbracht; am meisten angetan hat es ihr Syriens Hauptstadt Damaskus mit den "orientalischen Bauten und schmalen Gässchen - wie in einem Märchen aus 1001 Nacht. Kein Vergleich zur modernen jordanischen Hauptstadt Amman."

Nur den Irak, den hat Anke noch nicht bereist - weil es die Sicherheitslage nicht zulässt. Es sei schwierig, für ein Land zu arbeiten, das man nur aus dem Fernsehen und aus Erzählungen kennt, sagt sie. "Ich hoffe sehr, dass ich es mir eines Tages persönlich ansehen kann. Je mehr ich mich mit dem Irak beschäftige, desto mehr zieht es mich dort hin."

(*Name geändert)

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