Afrikanische Lehrer in Deutschland Unfassbar! Küssende Schüler!

Schüler, die sich öffentlich küssen? Menschen, die immer an roten Ampeln warten? Für die kenianische Lehramtsstudentin Sellah Awino war deutsche Schule ein großer Kulturschock - und sie verliebte sich neu in ihren Beruf.
Kenianische Lehramtsstudenten in Münster: Eine tolle Erfahrung

Kenianische Lehramtsstudenten in Münster: Eine tolle Erfahrung

Foto: Armin Himmelrath

Doch, ein Kulturschock sei das schon gewesen, sagt Sellah Awino. Als die 24-jährige Lehramtsstudentin vor acht Wochen zum ersten Mal auf den Schulhof des Joseph-Haydn-Gymnasiums in Senden bei Münster kam, durch die Flure der Schule ging, die Schüler in den Klassen erlebte. "Ganz anders als in Kenia", sagt die Studentin, die zusammen mit sechs anderen afrikanischen Nachwuchslehrern für zwei Wochen zum Schulpraktikum ins Münsterland gekommen ist.

Ganz anders, das heißt für Sellah: "Die Schüler haben unglaublich viel Freiheit - aber sie sind auch erstaunlich diszipliniert." Da gebe es zum Beispiel die Erlaubnis zu rauchen, allerdings nur außerhalb des Schulgeländes. Dass sich die Schüler alle daran halten, dass sie tatsächlich exakt an der Grenze zum Schulhof stehen bleiben, das erstaunt die Lehramtspraktikantin am meisten. Unfassbar fand sie anfangs auch küssende Schüler: "Sechstklässler, die das in der Öffentlichkeit und vor ihren Lehrern machen - also, da bin ich fast umgefallen!"

Zur Praktikanten-Gruppe gehört auch Lydia Adisa, die wie Sellah an der Masinde Muliro University of Science and Technology im kenianischen Kakamega studiert. "In Kenia hängt im Unterricht viel von der Gnade des Lehrers ab, die Schüler fürchten ihre Lehrer", sagt Lydia.

Es geht um Respekt, nicht um Furcht

Am Schiller-Gymnasium in Münster, wo sie ihr Praktikum absolviert, sei das ganz anders: Deutscher Unterricht sei schülerzentriert, "Lehrer und Schüler nehmen sich als Partner und nicht als Feinde wahr." Es gehe um Respekt und nicht um Furcht - das sei für sie eine tolle Erfahrung.

Dass die afrikanischen Nachwuchslehrer - drei aus Kenia, je zwei aus Namibia und Burkina Faso - überhaupt nach Westfalen gekommen sind, geht auf eine Initiative des Schiller-Gymnasiums zurück. Den ersten Schüleraustausch mit einer Schule in Namibia habe es schon 2004 gegeben, sagt Lehrer Christoph Lammen, der die internationalen Aktivitäten der Schule mit koordiniert. "Dieser erste Austausch war für uns eine regelrechte Initialzündung - wir haben uns dann darum bemüht, Unesco-Schule zu werden."

Damit das Gymnasium in dieses weltweite Uno-Schulnetzwerk aufgenommen werden konnte , musste das Schulprogramm neu ausgerichtet werden, wie Lammen sagt: "Globales Lernen und interkulturelle Kompetenz spielen bei uns seither eine große Rolle."

"Auch Lehrer brauchen Auslandserfahrung"

Um diesen Gedanken der Internationalität auch unter Lehrern zu fördern, arbeitet die Schule außerdem mit der Initiative easygo-easycome  zusammen. Nach einer beruflichen Reise nach Burkina Faso im Jahr 2006 sei die Idee entstanden, Lehramtsstudenten zum Praktikum in andere Länder zu schicken, sagt Projektmanager Dominik Schmengler: "Denn auch Lehrer brauchen interkulturelle Erfahrung."

Was mit ein paar Einzelfällen begann, hat mittlerweile System: Rund 70 angehende deutsche Lehrer gehen in diesem Jahr Jahr dank der Initiative ins Ausland. "Um auch Studierende aus aller Welt hierhin zu holen, brauchen wir aber viel Hilfe und Unterstützung", so Schmengler. Die Reisen der afrikanischen Praktikanten konnten nur mithilfe des Bistums Münster und der Potsdamer Stiftung Partnerschaft in Afrika finanziert werden.

Dass die Lehrerausbildung internationaler wird, fordern Experten schon länger. Doch noch tun sich die Verantwortlichen an den Unis schwer - nur an wenigen deutschen Hochschulen können angehende Lehrer ihre Pflichtpraktika schon im Ausland absolvieren. Möglich ist das beispielsweise in Köln, wo im Frühjahr mehrere Praktikanten an Schulen in Uganda waren.

Sellah, Lydia und ihr Kommilitone Titus jedenfalls ziehen nach acht Wochen im Münsterland eine positive Bilanz. Und eine, aus der große Ehrfurcht für ihre deutschen Kollegen spricht: "Die Lehrer nehmen ihren Job ungeheuer ernst", sagt Sellah, "sie nehmen ihre Arbeit sogar zur Vorbereitung mit nach Hause." Das habe sie zunächst regelrecht schockiert, sagt sie - und dann überzeugt: "Hier habe ich gelernt, meinen Beruf zu lieben."

Lehrergeständnisse
Foto: Corbis

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