Private Hochschulen Gedrängel am Futtertrog

Die Tiefschläge für Deutschlands Privathochschulen häufen sich: Erst stellte ihnen der Stifterverband schlechte Noten aus, nun zieht sich Baden-Württemberg aus der Finanzierung zurück. Schluss mit den Subventionen und mit dem Primat der Privaten - die Gründungs-Euphorie der letzten Jahre ebbt spürbar ab.

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European Business School in Oestrich-Winkel: Sind die Privaten zwangsläufig besser?
GMS

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Es waren goldene Zeiten für Hochschulgründer: Jeder Landesfürst, der etwas auf sich hält, schoss in den letzten drei, vier Jahren Pläne für neue Privathochschulen in die Umlaufbahn, gern auch gleich für mehrere. So konnte es der Stadtstaat Bremen sich offenbar leisten, 230 Millionen Mark in die Gründung einer International University zu pumpen, während Hannover sich die "German International School of Management and Administration" angelte. Und in Baden-Württemberg gipfelte der Gründungsrausch in einem bizarren Wettrennen um Geld und Prestige. Gleich zwei Großprojekte mit recht ähnlichen Konzepten traten zum Showdown an, die "International University" in Bruchsal und das "Stuttgart Institute of Management and Technology" (SIMT).

Eines haben die Neugründungen gemeinsam: Sie buhlen allesamt um öffentliche Finanzspritzen, sind also durchaus nicht so privat, wie ihre lautstarke öffentliche Selbstdarstellung es verheißt. Baden-Württemberg steuert nun um - Privathochschulen sollen künftig keine Landesmittel mehr bekommen. "Wir stellen für die privaten Hochschulen unser Wissen zur Verfügung, aber nicht unser Geld", sagte Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) am Dienstag. Es werde weder eine Grund- noch eine Anschubfinanzierung geben.

Der Tritt auf die Euphoriebremse

Der Bruchsaler Hochschule hatte das Land als Starthilfe für fünf Jahre je zwei Millionen Mark versprochen, dem SIMT je drei Millionen. Beide Förderungen werden wie vereinbart bis 2004 fortgeführt, aber danach sollen keine weiteren Mittel fließen. Die Einrichtungen seien grundsätzlich eine wesentliche Ergänzung für das Hochschulsystem. Sie sollten jedoch in der Lage sein, sich selbst zu finanzieren, betonte Frankenberg.

Die Landtagsfraktion der SPD begrüßte die Entscheidung. Die wissenschaftspolitische Sprecherin nannte die Subventionen für Bruchsal und Stuttgart ein "teures Lehrgeld, das die Steuerzahler aufbringen müssen". Mit dem Ausstieg aus der Finanzierung habe das Land nun die seit langem überfällige Konsequenz aus dem gescheitertem Experiment gezogen.

Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) erklärte unterdessen, auch künftig seien Neugründungen willkommen. Derzeit sei Baden-Württemberg das Land mit den meisten Privathochschulen. Die meisten der 17 Hochschulen sind allerdings kleinere Einrichtungen mit einem engen, speziellen Fächerspektrum und werden zum Teil von den Kirchen getragen. Teufel kündigte zudem eine Qualitätsüberprüfung an. Vor der Anerkennung einer privaten Hochschule solle eine Evaluation durch den Wissenschaftsrat erfolgen.

Und die staatlichen Hochschulen bewegen sich doch

Bei der jüngsten Untersuchung durch den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft sammelten etliche private Hochschulen bescheidene Noten ein. Nach Auffassung der Juroren können viele der internationalen Konkurrenz kaum das Wasser reichen und werden den hehren Ansprüchen kaum gerecht. Sie seien weder besonders innovativ noch zwangsläufig besser als die staatlichen Hochschulen

International University in Bremen: Gerangel um Geld und Prestige
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Jahrelang galten private Gründungen als die überlegene Alternative und wurden von Bildungs- und Wirtschaftspolitikern nach Kräften gefördert - mitunter ein teurer Spaß. Als "Salz in der Suppe" sollten sie den behäbigen öffentlichen Hochschulen mit erstklassiger Betreuung, straffen Studienplänen und praxisnahen Inhalten zusetzen.

Außer den schicken englischen Etiketten und den internationalen Konzepten eint die vielen Projekte vor allem der entschieden Wille zur Erhebung von hohen Studiengebühren von bis zu 20.500 Euro. Dagegen meldeten auch sozialdemokratisch regierte Länder kaum Bedenken an - zu wichtig schien der Wettbewerbsgedanke.

Die Finanzquellen drohen zu versiegen

Mittlerweile allerdings lösen sich viele staatliche Hochschulen aus ihrer Duldungsstarre. In den letzten Jahren haben sie zum Beispiel begonnen, ihre Lehrpläne gründlich zugunsten lebensnäherer Inhalte zu renovieren oder auf breiter Front die international üblichen Bachelor- und Masterstudiengänge einzuführen. Das nimmt den Privaten ein wenig den Wind aus den Segeln

Zudem ist der Begriff "Universität" bei vielen Einrichtungen irreführend und grenzt an Etikettenschwindel. Allein die private Universität Witten/Herdecke, die seit 20 Jahren mit ihren Reformideen für Furore sorgt, und die neue International University in Bremen verdienen ihn mit ihrem breiten Fächerangebot. Die meisten anderen Neugründungen konzentrieren sich auf Wirtschaft, gelegentlich auch auf Informatik. Teure naturwissenschaftliche Disziplinen oder gar die wenig renditeträchtigen Gesellschaftswissenschaften kommen im Fächerkanon allenfalls am Rande vor.

Zudem zeigt sich inzwischen, dass die Spenden und Sponsorenmittel von Unternehmen viel spärlicher sprudeln als erhofft. Auf Dauer werde die Wirtschaft nur die "Bundesliga", nicht aber die "Kreisklasse" finanzieren, orakelte Ekkehard Winter vom Stifterverband bereits vor drei Jahren, als die Gründungswelle noch munter durch das Land schwappte.

Die Wirtschaft: Viel Gesabbel, wenig Getue

Damit scheint Winter Recht zu behalten. Als einzige größere Privathochschule kommt die WHU bei Koblenz ganz ohne staatliche Finanzspritzen über die Runden. Alle anderen Hochschulen suchten spätestens dann um Unterstützung beim Staat nach, wenn sie finanziell ins Trudeln gerieten. Meist balgten sie sich aber bereits vor der Gründung um einen guten Platz am Futtertrog. Und ihr Finanzbedarf scheint mitunter abenteuerlich.

Staatsratsgebäude: Ein Euro, Sonderangebot
DPA

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Privater Finanziers engagieren sich bislang, anders als etwa in den USA, höchst verhalten. Die geplante Elite-Hochschule der Wirtschaft in Berlin etwa, die ausschließlich handverlesene Mitarbeiter von Unternehmen heranziehen will, soll zwar von Großkonzernen finanziert werden. Aber das ehemalige Staatsratsgebäude als Wunsch-Sitz im Herzen der Stadt wollen ThyssenKrupp, Deutsche Bank & Co. zum symbolischen Preis von einem Euro. Also erwarten sie doch wieder Geschenke - der Wert der schönen Immobilie wird auf hundert Millionen Euro geschätzt.

Das ist ein uraltes Spiel in der Bildungspolitik: Arbeitgeberverbände und Unternehmensvertreter mäkeln an der Qualität der staatlichen Hochschulen, den langen Studienzeiten und den praxisfernen Inhalten herum, bis Studenten und Rektoren die Ohren bluten - Plappern gehört zum Handwerk. Geht es aber ans Portemonnaie, kneifen die Wirtschaftskapitäne. Und plädieren stattdessen beherzt für möglichst hohe Studiengebühren.



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