Private Hochschulen Schlechter als ihr Ruf

Das Studium an einer Privatuni gilt als Eliteausbildung mit Karriere-Automatik. Doch bei einem Vergleichstest schnitten die deutschen Hochschulen mäßig ab: Der internationalen Konkurrenz können sie kaum das Wasser reichen und sind auch nicht zwangsläufig besser als staatliche Hochschulen.


Glückliche Absolventen: War die Ausbildung das Geld wert?
AP

Glückliche Absolventen: War die Ausbildung das Geld wert?

Die Rechnung ist denkbar einfach: Private Universitäten müssen einfach gut sein, weil sie Geld kosten - mitunter viel Geld. Bis zu 20.000 Euro zahlen Studenten an deutschen Privathochschulen. Dafür erwarten sie erstklassige Bedingungen.

Das Klischee: Man studiert mit einer handverlesenen Elite aus aller Herren Länder, wird rundum perfekt betreut und erhält nach dem Examen einen Freifahrtschein in die Chefetagen der Wirtschaft. Die Wirklichkeit: Viele deutsche Privathochschulen werden den Ansprüchen kaum gerecht - weder den eigenen noch denen der Studenten, der Wirtschaft und der Bildungspolitiker. Zu diesem Ergebnis kam der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der kürzlich 16 Einrichtungen unter die Lupe nahm.

Das "manager magazin" analysiert in seiner aktuellen Ausgabe, warum private Hochschulen in Deutschland auch zwei Jahrzehnte nach Gründung ihrer bekanntesten Vertreter - die Privatuni Witten/Herdecke und die WHU bei Koblenz - noch immer weit von ihren internationalen Vorbildern entfernt sind.

"Unoriginelle Kopie"

An lediglich zwei der 16 untersuchten Hochschulen vergab das Expertengremium des Stifterverbandes die Höchstnote "überzeugend": Das Northern Institute of Technology in Hamburg-Harburg und die Jura-Hochschule Bucerius Law School (ebenfalls in Hamburg) begeisterten die Jury mit ihrem Konzept und Angebot - klarer Punktsieg für die Hanseaten.

Bei allen anderen Hochschulen ortete die Jury in den vier Bewertungskategorien (Profil, Qualitätssicherung, Kooperation, Finanzierung) zum Teil erhebliche Mängel. So attestierte sie der German International Graduate School of Management and Administration in Hannover nicht nur einen verwirrenden Namen (German International?), sondern auch die "unoriginelle Kopie eines amerikanischen Studienkonzeptes". Eine schallende Ohrfeige.

Schon bei der Präsentation im vergangenen Dezember war vielfach Sand im Getriebe. Als die Privathochschulen zum Schaulaufen in Bonn antraten, bauschten manche Vertreter Banalitäten ("Bei uns bekommt jeder Student eine eigene E-Mail-Adresse") zum "Unique Selling Point" auf. Die Experten entdeckten "mit wenigen Ausnahmen eine ganze Menge Mittelmäßigkeit", so das harsche Verdikt von Gert Assmus, einer der Juroren und einst Professor am ehrwürdigen US-College Dartmouth.

Neue Unis - alte Probleme

Dabei sollte Originalität eines der Hauptmerkmale privater Hochschulen sein. Schließlich sind sie nicht durch staatliche Vorgaben geknebelt: Sie dürfen nicht nur Studiengebühren erheben und ihre Studenten nach eigenem Ermessen auswählen, sie können auch zum Beispiel internationale Studienangebote schneller vorantreiben. Zudem müssen sie keine Rücksicht auf Kapazitätsverordnungen oder all die anderen gesetzlichen Folterinstrumente nehmen, über die staatliche Hochschulen oft stöhnen.

Schaulaufen beim Stifterverband: Präsentationen nicht immer unfallfrei
Eric A. Lichtenscheidt

Schaulaufen beim Stifterverband: Präsentationen nicht immer unfallfrei

Viel Platz für Kreativität und Experimentierfreude - doch offenbar wissen die Privathochschulen diese Freiheit kaum zu nutzen. Ihr "Mehrwert" gegenüber der staatlichen Konkurrenz ist oft nur minimal. Daran müssen sie sich aber messen lassen. Denn der Maßstab der Jury lautete: Die Privaten sind nur gut, wenn sie besser als die Staatlichen sind.

Zum Bedauern der Experten war das selten der Fall. Private Hochschulen, die vielfach schicke englische Namen tragen, weisen oft die gleichen Defizite auf wie staatliche - von schwacher Internationalisierung trotz vieler Auslandskontakte an der European Business School bis hin zu altbackenen Studienprogrammen wie am International Center for Graduate Studies an der Uni Hamburg (die detaillierten Ergebnisse hat manager-magazin.de veröffentlicht).

Der Wille ist da, doch das Geld ist rar

Aber gerade darin sollten sich die Privaten von den Staatlichen unterscheiden. Wie sonst wollen sie Studiengebühren von bis zu 20.500 Euro wie am International Department in Karlsruhe begründen? Und auch die erhoffte Signalwirkung neuer Konzepte auf staatliche Hochschulen bleibt damit aus.

Beim Abschluss fliegen die Hüte: Nicht jede Kopie ist so gut wie das US-Original

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International spielen etliche deutsche Privathochschulen also nur in der zweiten Liga. Oft mangelt es ihnen allerdings weniger am Willen als schlicht am Geld zur Innovation. Denn erstklassige Lehrkräfte sind teuer, das Geld ist am Anfang meist knapp. Doch ohne gutes Personal bleiben auch brillante Forschungsergebnisse aus - und damit auch der gute Ruf und Sponsorengelder.

Zu den Vorbildern in den USA, England oder Frankreich klafft laut Stifterverband noch eine riesige Qualitätslücke. In der Leistungsfähigkeit können die meisten deutschen Privathochschulen im internationalen Vergleich nicht mithalten, private Finanzquellen sprudeln nur spärlich. Aber es besteht Hoffnung: Harvard, Stanford & Co. haben einige Jahrzehnte Vorsprung. Die gilt es nun aufzuholen.

Von Tobias Reckling



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