Privatuni-Dekan Schrappe "Witten ist ein Zukunftsmodell"

Die Existenz der privaten Universität Witten/Herdecke ist bedroht. Am Freitag entscheidet der Wissenschaftsrat, ob sie weiter Mediziner ausbilden darf. Medizin-Dekan Matthias Schrappe erklärt im Interview, warum seine Fakultät eine schnittige Barkasse ist, kein träger Tanker.


SPIEGEL ONLINE: Am Freitag wird der Wissenschaftsrat über den Fortbestand der Wittener Medizinfakultät entscheiden. Wie stehen Ihre Chancen?

Matthias Schrappe: Wir sind der Meinung, dass wir den Wissenschaftsrat überzeugen können. Ende Januar haben wir ein 326 Seiten starkes Zukunftskonzept für die Medizinische Fakultät eingereicht. Dieses Papier ist auf dem neuesten internationalen Stand der Forschung und folgt einem innovativen Ansatz. Wir wollen künftig auf die Versorgungsforschung setzen, die untersucht, wie medizinisches Wissen zum Arzt und zum Patienten kommt. Auf diesem Zweig hat Deutschland Nachholbedarf, und wir wollen künftig zu den größten Einrichtungen für Versorgungsforschung zählen.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn sich der Wissenschaftsrat nicht überzeugen lässt? Steht die private Universität Witten/Herdecke dann vor dem Aus?

Matthias Schrappe, 51, ist seit September 2005 hauptamtlicher Dekan der Medizinischen Fakultät der privaten Universität Witten/Herdecke. Zuvor leitete er als Ärztlicher Direktor das Klinikum der Philipps-Universität Marburg
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Matthias Schrappe, 51, ist seit September 2005 hauptamtlicher Dekan der Medizinischen Fakultät der privaten Universität Witten/Herdecke. Zuvor leitete er als Ärztlicher Direktor das Klinikum der Philipps-Universität Marburg

Schrappe: Das ist jetzt noch Spekulation. Wir haben ein seriöses Konzept vorgelegt und rechnen nicht mit einer negativen Entscheidung. Sie wäre aber, das kann man jetzt schon sagen, ein herber Schlag für uns und die gesamte Universität. Schließlich ist die Medizinische Fakultät das Herzstück von Witten/Herdecke. Dann würde Deutschland eventuell seine erste, größte und wichtigste private Hochschule verlieren - und das in einer Zeit, in der wir alle über Differenzierung und Selbständigkeit der Hochschulen sprechen. Die politische Signalwirkung für den Bildungsstandort wäre verheerend.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr bescheinigten die Experten des Wissenschaftsrates Ihrer Fakultät in einem sehr kritischen Gutachten inhaltliche und strukturelle Mängel in der Medizinerausbildung. Ist das einstige Reformprojekt Witten ein Auslaufmodell?

Schrappe: Witten ist ein Zukunftsmodell, und zwar wegen seiner dezentral organisierten und praxisorientierten Lehre und der Voraussetzung für eine erfolgreiche Versorgungsforschung. Auch andere Universitätskliniken werden solche Strukturen aufbauen müssen, wie sie Witten schon seit 23 Jahren hat, weil sie sich auf seltene Erkrankungen spezialisieren müssen. Ich will den Medizinischen Fakultäten an den staatlichen Unis nicht Unrecht tun, aber sie verhalten sich wie Großtanker, die auf der Alster wenden möchten. Wir sind dagegen eine schnittige Barkasse, die das besser hinkriegt. Dieser Vorteil wiegt die Nachteile auf, die wir durch unsere mangelnde Größe haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie kooperieren mit zwei Dutzend Krankenhäusern und haben keine eigene Universitätsklinik. Wurde das Modell allein aus der Not geboren?

Schrappe: Es hat sich historisch so entwickelt. Der Gründungsgedanke im Jahr 1983 war, weg von einer theorielastigen Lehre hin zu einer praxisorientierten Lehre zu gehen. Das Arbeiten in kleinen Gruppen im Krankenhaus ist ja viel besser und effektiver als etwa die traditionelle große Vorlesung. Unsere Studenten lernen ab dem ersten Tag anhand konkreter Patientengeschichten. Große Uni-Kliniken haben heute nicht mehr die normalen Krankheitsfälle, die Studenten zur Anschauung brauchen. Wer sich den Fuß gebrochen hat, lässt sich nicht an der Uni-Klinik behandeln, sondern in einem normalen Krankenhaus. Wie das Röntgenbild des Fußes aussieht, erfahren Studenten am besten dort.

SPIEGEL ONLINE: Das beurteilen manche Experten im Wissenschaftsrat etwas anders.

Schrappe: Ich weiß, dass der Wissenschaftsrat zusammengesetzt ist aus Professoren, die aus den klassischen staatlichen Universitätskliniken kommen und manchen Veränderungen zurückhaltend gegenüber stehen. Es wäre ihnen lieb, wenn diese Veränderungen eher morgen als heute stattfinden würden. Wir glauben aber, dass die Veränderungen ganz nahe sind und dass Witten hier Impulse für die öffentlichen Universitätskliniken geben kann.

SPIEGEL ONLINE: Der Wissenschaftsrat bemängelt, dass in Witten zu wenig geforscht wird. Wie begegnen Sie dieser Kritik?

Schrappe: Die Forschung stand in Witten in den ersten Jahren nicht so sehr im Vordergrund. Da hat der Wissenschaftsrat einen wichtigen Punkt gemacht. Witten war in den achtziger Jahren Vorreiter mit der praxisorientierten Lehre. Nur dürfen wir uns darauf nicht ausruhen. Meiner Meinung nach hätte dieser Schritt, eine innovative Lehre durch eine innovative Forschung zu ergänzen, früher kommen können. Meine Aufgabe war es, gemeinsam mit den Kollegen ein sinnvolles Forschungskonzept auszuarbeiten, und das haben wir getan.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie als private Hochschule kostenintensive Grundlagenforschung leisten?

Schrappe: Die Universität Witten-Herdecke muss sich stärker zur Forschung bekennen, das gehört zu einer guten Universität. Aber Forschung, das muss der Wissenschaftsrat verstehen, ist nicht nur Laborforschung. Es ist genauso wertvoll wie Grundlagenforschung, wenn ein Student beispielsweise eine Hygieneleitlinie verfasst und prüft, ob sie die Zahl der resistenten Bakterien in einer Intensivstation oder in einem Pflegeheim mindert. Im Berufsalltag sind anwendungsorientierte Forschungsinhalte mindestens genauso wichtig wie die Grundlagenforschung. 90 Prozent der Studenten gehen schließlich in die praktische Medizin.

Uni Witten/Herdecke: "Medizin-Fakultät ist das Herzstück"
DPA

Uni Witten/Herdecke: "Medizin-Fakultät ist das Herzstück"

SPIEGEL ONLINE: Ist medizinische Forschung schlicht zu teuer für eine Privathochschule? Ein Fach wie Wirtschaft oder Jura lässt sich an einer privaten Business School kostengünstiger betreiben.

Schrappe: Das stimmt. Die Studienplätze im Fach Medizin sind immer die teuersten. Für die Ausbildung am Krankenbett oder für den Präparierkurs ist natürlich eine gewisse Infrastruktur nötig. Man braucht zum Beispiel einen Raum mit 30 Mikroskopen, wo die Studenten dann Mikroskopieren lernen. Das kostet viel mehr als ein Hörsaal mit Klappstühlen für die Juravorlesung.

SPIEGEL ONLINE: Das Medizinstudium in Witten kostet insgesamt 25.000 Euro an Studiengebühren. Wer so viel investiert, stellt doch bestimmt kritische Fragen zur wissenschaftlichen Qualität, oder?

Schrappe: Spurlos geht das nicht an einer Universität vorbei. Unsere Studieninteressenten haben massiv nachgefragt. Wir müssen jetzt in den grünen Bereich kommen, das rettende Ufer erreichen. Das ist auch für die Zusammenarbeit mit Sponsoren und Stiftungen wichtig. Im Übrigen haben unsere Studenten vor dem Hintergrund der damaligen Krise selbst den Entschluss gefasst, die Studienbeiträge zu erhöhen. Dazu hat sie niemand gezwungen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie wegen der öffentlichen Qualitätsdiskussion weniger Studieninteressenten?

Schrappe: Die Bewerberzahlen sind nicht zurückgegangen. Wir haben weiterhin über 1200 Bewerber auf die 42 Plätze, die wir jedes Jahr in der Medizin vergeben. Einen Rückgang hatten wir befürchtet, aber er ist nicht eingetreten.

SPIEGEL ONLINE: Die Medizinerausbildung in Deutschland ist derzeit stark in der Diskussion. Wie gut ist sie im internationalen Vergleich?

Schrappe: Wir sind auf der ganzen Welt für ein gutes Faktenwissen bekannt. Junge Ärzte aus Deutschland kann man immer das Kleingedruckte fragen, sie haben auch seltene Erkrankungen sofort parat. Dagegen mangelt es häufig an der Praxisorientierung: Es ist nun mal ein Unterschied, ob man alle patho-physiologischen Ursachen der Zuckerkrankheit genau herunterdeklinieren kann, oder ob man weiß, wie man die Nervenschädigung, die durch Diabetes verursacht wird, am besten diagnostiziert. Das Wittener Modell befördert die Diskussion um die richtigen Ausbildungskonzepte. Das ist sehr hilfreich.

SPIEGEL ONLINE: Und dabei kommen das Handwerk und das Fachwissen nicht zu kurz?

Schrappe: Auf keinen Fall. Hier sind Wittener Studenten, wenn man sich ihre Examensergebnisse und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt anschaut, sehr leistungsstark.

Das Interview führten Jan Friedmann und Jochen Leffers

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