Privatuni Witten/Herdecke Ende der Krise zum Greifen nah

Die Studenten und Professoren in Witten/Herdecke atmen auf. Geldgeber haben ein Rettungspaket für die Privatuni geschnürt, die Software AG Stiftung übernimmt 40 Prozent der Gesellschafteranteile. Studentenzahl und Studiengebühren sollen in den nächsten Jahren steigen.


Die Zukunft von Deutschlands ältester Privat-Universität Witten/Herdecke (UWH) scheint für die kommenden Jahre gesichert. Am Montag unterzeichnete mit der Darmstädter Software AG Stiftung der neue Hauptförderer der Uni einen Gesellschaftervertrag, zusammen mit weiteren Geldgebern einschließlich der Studierendengesellschaft und eines Ehemaligen-Vereins.

Witten/Herdecke: Deutschlands älteste Privatuni

Witten/Herdecke: Deutschlands älteste Privatuni

Die Hochschule erhält von der Software AG Stiftung eine Bürgschaft über zehn Millionen Euro sowie über vier Jahre verteilt vier Millionen Euro als Investition. Für den gleichen Zeitraum sollen alle Gesellschafter gemeinsam 15 Millionen Euro aufbringen, davon "3,5 Millionen Euro von Geldgebern, die noch nicht genannt werden möchten und mit denen wir in den kommenden Wochen einig werden", sagte Uni-Geschäftsführer Michael Anders SPIEGEL ONLINE. Auch in der Pressemitteilung heißt es, das neue Geschäftsmodell sei offen für die Beteiligung weiterer strategischer Partner. Ein neuer Präsident für die UWH solle in den kommenden drei bis vier Monaten gefunden werden, ergänzte Anders.

Die Software AG Stiftung erhält für ihr Engagement und das Risiko, das sie mit der Bürgschaft eingeht, 40 Prozent der Gesellschafteranteile der UWH. Weitere Gesellschafter der Privatuni sind die UWH-Stiftung, der Verein zur Entwicklung von Gemeinschaftskrankenhäusern Herdecke, die Studierenden-Gesellschaft sowie ein Konsortium hochschulnaher Investoren, das maßgeblich von der Wittener Alumni-Initiative getragen wird. "Die Alumnis steuern drei Millionen Euro bei, eine Million Euro kommt aus Spende der ehemaligen Direktoren", erläuterte Geschäftsführer Anders.

Damit haben sich die Bewahrer der Wittener Uni-Kultur durchgesetzt. Während die Hochschule in den vergangenen Monaten um Investoren und um ihr Überleben kämpfte, hatten Studenten und Ehemalige befürchtet, es könnte zu einem Ausverkauf der Ideale der Privatuni kommen. Diese Ängste dürften nun vorerst zerstreut sein. Schwerpunkte des Studiums in Witten seien "auch weiterhin Persönlichkeitsbildung, Interdisziplinarität und Internationalisierung", betonte Martin Butzlaff, wissenschaftlicher Direktor und Präsidiumsmitglied.

Endgültig aus dem Spiel sind offenkundig die Unternehmensberatung Droege International sowie der Gesundheits- und Bildungskonzern SRH Holding. Auch vom zunächst angekündigten Engagement von Diözesen der katholischen Kirche ist nicht länger die Rede.

Noch fließt das Staatsgeld nicht

Kurz vor Weihnachten 2008 hatte die Privatuni nur knapp die Insolvenz vermeiden können. In einer Nachtsitzung Ende Januar im Düsseldorfer Wissenschaftsministerium vereinbarten Universität und das Land Nordrhein-Westfalen dann ein 16 Millionen Euro umfassendes Zukunftskonzept mit neuen Gesellschaftern und einer Bürgschaft von 10 Millionen Euro.

Die Landeszuschüsse von insgesamt 13,5 Millionen Euro für dieses und das kommende Jahr, die Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) zugesagt hatte, sind trotz der jetzt vertraglich vereinbarten Gesellschafterstruktur noch nicht frei. Ein Sprecher des Ministeriums erklärte aber, der Privatuni sei ein Riesenschritt nach vorn geglückt. Wenn Witten/Herdecke nun noch testierte Wirtschaftspläne für 2009 und die folgende Jahre vorlege, stehe auch der Zahlung der im Dezember gestoppten Landeszuschüsse nichts mehr im Wege.

Geschäftsführer Anders sagte, mit dem jetzt beschlossenen neuen Struktur und dem Finanzierungskonzept sei die Universität "für die nächsten Jahre gut aufgestellt". In vier Jahren rechne die Universität mit einem ausgeglichenen Haushalt, der mit Konsolidierung und steigenden Erträgen ereicht werden soll.

Die Studentenzahl soll von derzeit 1200 auf 1700 steigen, auch eine erneute Erhöhung der Studiengebühren steht an. Derzeit zahlen die Studenten für ein zehnsemestriges Studium in Zahnmedizin 48.000 Euro. Witten/Herdecke bildet die Studenten derzeit in Medizin, Zahnmedizin, Wirtschaft und Pflegewissenschaften aus. Mit den zusätzlichen Studienplätzen werde die Hochschule in ihren Kernthemen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur gestärkt, sagte Präsidiumsmitglied Butzlaff.

cht, dpa/ddp/AP

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Seite 1
Als_Tom, 17.12.2008
1.
Zitat von sysopÜberraschend entzieht Nordrhein-Westfalen der Universität Witten/Herdecke den Landeszuschuss. Sie muss sogar bereits erhaltenes Geld zurückzahlen. Insgesamt geht es um 7,5 Millionen Euro - es könnte der Uni den Todesstoß versetzen. Ein Verlust für die Bildung in Deutschland?
Nein! Der deutsche Staat sollte darauf verzichten private Schulen, Internate und Universitäten zu unterstützen bzw. Besuche selbiger auch noch steurlich absetzbar zu machen. Wenn sich eine Gruppe von Leuten sich der Gesellschaft entziehen möchte, dann soll diese es aus der eigenen Tasche bezahlen. Vielmehr ist zu prüfen ob erworbene (gekaufte) Abschlüsse auf Privatschulen ec. überhaupt anerkannt werden sollten. Es stellt sich doch die Frage, ob dem Prüfling, der ein nicht geringes Barvermögen pro Semester zahlt, Sonderkonditionen zu Teil werden, die er auf einer staatlichen Einrichtung nicht bekommen hätte. Einfach gefragt: Hätte er dort bestanden? Abschlußquoten in der Nähe von 100 % lassen mich da doch zweifeln. Die liegt einfach daran das es einfach Menschen gibt die nicht für ein Studium geboren sind. VG, Als_Tom
Kojo T, 17.12.2008
2.
Kein Verlust - ein Gewinn. Elite ist nicht per Definition herstellbar, auch nicht unbedingt durch teure Experimente, sondern durch Leistung. Experimente wie auf Massenfächer konzentrierte Uni-Neugründungen fördern höchstens die Profilierung Einzelner. Zur Behebung von Engpässen in NC-Fächern wäre auch ein Ausbau bestehender Ressourcen zweckmäßiger. Eine gewisse Kontinuität, eine Leistungstradition, wäre förderlich. Eliteförderung könnte wesentlich stringenter und kostengünstiger an kleinen, klassischen Universitäten eingeführt und betrieben werden.
Baikal 17.12.2008
3.
Zitat von sysopÜberraschend entzieht Nordrhein-Westfalen der Universität Witten/Herdecke den Landeszuschuss. Sie muss sogar bereits erhaltenes Geld zurückzahlen. Insgesamt geht es um 7,5 Millionen Euro - es könnte der Uni den Todesstoß versetzen. Ein Verlust für die Bildung in Deutschland?
Ja, und das nicht nur der hervorragenden Medizinerausbildung wegen die mehr auf den Patienten konzentriert ist und nicht auf die zweifelhaften Forschungen der angeblichen Naturwissenschaft Medizin. Aber auch sonst im flachen Mainstream der Pinkwartschen Hochschulfreiheit, die in Wirklichkeit nichts ist als die Auslieferung der Bildung an die Verwertungsindustrie und an den Schwachsinn von credit points der Dünnbrettbohrer. Aber kein Wunder, Pinkwart ist schließlich BWLer, wenn auch nur an einer Fachhochschule: da kommt eben Neid auf und FDP ist ohnehin nichts für dicke Bretter.
trendy_randy 17.12.2008
4.
Zitat von BaikalJa, und das nicht nur der hervorragenden Medizinerausbildung wegen die mehr auf den Patienten konzentriert ist und nicht auf die zweifelhaften Forschungen der angeblichen Naturwissenschaft Medizin. Aber auch sonst im flachen Mainstream der Pinkwartschen Hochschulfreiheit, die in Wirklichkeit nichts ist als die Auslieferung der Bildung an die Verwertungsindustrie und an den Schwachsinn von credit points der Dünnbrettbohrer. Aber kein Wunder, Pinkwart ist schließlich BWLer, wenn auch nur an einer Fachhochschule: da kommt eben Neid auf und FDP ist ohnehin nichts für dicke Bretter.
Pinkwart hat schon so einige Dinger gucken lassen. Und jetzt solche Äußerungen als FDP-Mitglied. Gleichmacherei ist doch eher anderen vorbehalten - diese Partei stellt sich als liberal dar? Als Förderer des Individuums und der Individualität? Schade wär´s wenn die Hochschule dicht machen müsste - eine Schande wär´s, wenn die FDP der Sargnagel wäre!
Arthi, 17.12.2008
5.
Zitat von Als_TomNein! Der deutsche Staat sollte darauf verzichten private Schulen, Internate und Universitäten zu unterstützen bzw. Besuche selbiger auch noch steurlich absetzbar zu machen. Wenn sich eine Gruppe von Leuten sich der Gesellschaft entziehen möchte, dann soll diese es aus der eigenen Tasche bezahlen. Vielmehr ist zu prüfen ob erworbene (gekaufte) Abschlüsse auf Privatschulen ec. überhaupt anerkannt werden sollten. Es stellt sich doch die Frage, ob dem Prüfling, der ein nicht geringes Barvermögen pro Semester zahlt, Sonderkonditionen zu Teil werden, die er auf einer staatlichen Einrichtung nicht bekommen hätte. Einfach gefragt: Hätte er dort bestanden? Abschlußquoten in der Nähe von 100 % lassen mich da doch zweifeln. Die liegt einfach daran das es einfach Menschen gibt die nicht für ein Studium geboren sind. VG, Als_Tom
Die Private Schule muss auf die Einnahmen schauen. Würden viele dort scheitern oder schlechte Noten bekommen,würde der Ruf schlecht leiden. Dann bliebe der Nachschub und somit die Gelder aus. Die Abschlüsse müssten also irgendwie von staatlicher Seite überprüft werden.
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