Privatunis Bruchlandung in Bruchsal?

Überall in Deutschland geraten Privathochschulen ins Trudeln. In Baden-Württemberg buhlen zwei größere Neugründungen um die Gunst von Studenten, Unternehmen und Politikern. Jetzt droht der International University in Bruchsal das Aus - der Softwaregigant SAP will sich offenbar als Sponsor zurückziehen.

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Nach knapp fünf Jahren wird es für die International University (IU) zwischen Karlsruhe und Heidelberg richtig eng. Umstritten war die private Hochschule schon vor ihrer Gründung, seitdem müssen sich Präsidentin Heide Ziegler und ihre Mitstreiter vor allem gegen ständige Insolvenzgerüchte wehren. Noch am 24. Juli hatte Ziegler, zuvor Präsidentin der Universität Stuttgart, energisch dementiert: "Die Ausgangsposition der Universität ist gut, die unmittelbare Zukunft ist durch Verträge und verbindliche Zusagen gesichert."

IU Bruchsal: Campus auf einem früheren Kasernengelände
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IU Bruchsal: Campus auf einem früheren Kasernengelände

Die Finanzsorgen allerdings sind offenbar gravierend, der Privatuni droht der finanzielle Knockout. Zusätzlich unter Druck ist sie jetzt durch die Ankündigung von SAP geraten, die Mittel für einen 1998 eingerichteten Stiftungslehrstuhl möglicherweise zu streichen. Der Walldorfer Softwarekonzern hält sich zwar bedeckt: Noch sei keine Entscheidung über die Verlängerung des finanziellen Engagements gefallen, sagte ein Sprecher der SAP AG am Mittwoch. Die Tendenz gehe aber dahin, die Fördersumme von 250.000 Euro pro Jahr zu streichen. SAP werde dennoch weiter als Stifter und Sponsor der IU tätig sein und auch die Zusammenarbeit bei Forschungsprojekten fortsetzen.

Was das für die Zukunft der IU konkret bedeutet, ist noch offen. Inzwischen hat die SPD-Landtagsfraktion die Landesregierung aufgefordert, der Hochschule die staatliche Anerkennung zu entziehen. Klar sei, "dass der IU sowohl die wirtschaftlichen als auch die wissenschaftlichen Voraussetzungen für einen ordentlichen Uni-Betrieb fehlen", sagte die wissenschaftspolitische Sprecherin Carla Bregenzer.

Die Gründungseuphorie ist passé

Nach Auffassung der SPD sind die finanziellen Probleme größer als von der IU eingeräumt. "In Bruchsal herrschen keine Bedingungen mehr, die eine Gleichstellung der Privatuni in Forschung und Lehre mit staatlichen Universitäten rechtfertigen", so Bregenzer. Sie schlug eine Auffanglösung für die IU vor, zum Beispiel in Form einer Weiterbildungsakademie. Kürzlich hatte sich bereits die zweite Privatuni im Südwesten, das Stuttgart Institute of Management and Technology, wegen ihrer Finanzmisere in eine Weiterbildungseinrichtung ohne eigenen Hochschulstatus umgewandelt. Das SIMT wird somit an die staatlichen Universitäten Stuttgart, Hohenheim und Tübingen angebunden.

International University Bremen: Stark umstrittenes Projekt
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International University Bremen: Stark umstrittenes Projekt

Noch unter ganz anderen Vorzeichen waren die beiden baden-württembergischen Hochschulen Ende der neunziger Jahre an den Start gegangen: Überall in den Bundesländern priesen Bildungspolitiker private Hochschulen als bessere Alternative zur behäbigen staatlichen Konkurrenz, der sie mit Neugründungen Beine machen wollten: Unterricht in englischer Sprache, starke internationale Ausrichtung, Nähe zur Praxis und zur Wirtschaft, zügige Entscheidungen. Zugleich erhofften Wirtschaftspolitiker sich auch Impulse für die Unternehmen der Regionen. Und so pumpten manche Länder teils als Anschubfinanzierung, teils als indirekte Subventionen beträchtliche Summen in neue Privathochschulen.

Zum Stachel im Fleisch der staatlichen Universitäten sollten sie werden, denen jedoch war die Gründungseuphorie eher ein Dorn im Auge. Rektoren staatlicher Hochschulen klagten jedenfalls wortreich darüber, dass sie seit vielen Jahren immer neue Stellenstreichungen verkraften müssen, während die Konkurrenz großzügig alimentiert werde: "Wo privat drauf steht, muss auch privat drin sein", lautete ihre Devise angesichts irrwitziger Beträge etwa für eine neue Privatuniversität im hoch verschuldeten Bremen.

Wie lange reicht die Puste

Die Goldgräber-Stimmung erfasste auch Baden-Württemberg und gipfelte in einem Showdown zwischen neuen Projekten mit recht ähnlichen Konzepten. Weil sich die Landesregierung nicht recht entscheiden konnte und keine Region benachteiligten mochte, schickte sie gleich zwei Neugründungen ins Rennen: Im Wintersemester 1998 kam die International University mit zunächst 18 Studenten aus den Startblöcken und entließ im Juli 200 ihre ersten Absolventen mit dem Titel "Master of Information and Communication Technology". 1999 zog das SIMT nach.

Beide Hochschulen wurden von Beginn an aus dem Landesetat unterstützt. So erhielt die IU bis dato drei Millionen Euro, in diesem und im nächsten Jahr kommen insgesamt weitere zwei Millionen Euro hinzu. Eine Förderung über das Jahr 2004 hat die Landesregierung allerdings abgelehnt. Die Förderung war zunächst an die endgültige staatliche Anerkennung geknüpft, doch dann erhielt die Universität mit der vorläufigen Anerkennung eine Schonfrist und muss sich erst 2008 dem Bewertungsverfahren des Wissenschaftsrates stellen.

Vorausgesetzt, die Puste reicht so lange. Bisher machen die Landeszuschüsse rund ein Fünftel des IU-Etats aus, knapp ein Drittel zahlen die 240 Studenten an Gebühren. Den Rest muss die Hochschulen durch andere Einnahmen erwirtschaften, vor allem durch Sponsoren und Spender. Das Stiftungskapital jedenfalls reicht nicht - statt den erhofften 50 Millionen Euro ist es etwas über eine Million; mit den Erträgen kommt die Uni nicht weit. Zieht sich nun der Großfinanzier SAP zurück, wird es düster.

Lage verkorkst: Die Hoffnung stirbt zuletzt

Mit ihren Finanzsorgen ist die Unternational University keineswegs allein. Überall in Deutschland kämpfen private Hochschulen ums Überleben. Die renommierte Universität Witten/Herdecke zum Beispiel ist gefährdet; die ESMT, eine Manager-Eliteschmiede der Wirtschaft in Berlin, erlebt ein einzigartiges Gezerre um die Finanzierung. Denn in der Konjunkturflaute dampfen Unternehmen alle Extra-Ausgaben ein, im staatlichen Futtertrog gibt es ohnedies nicht mehr viel zu beißen. Für weitere Neugründungen ist das Umfeld denkbar ungünstig - so wird wohl auch die für 2006 geplante private "Law School" in Heilbronn verschoben.

Privatuni Witten/ Herdecke: Ebenfalls düstere Wolken

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An der International University hofft Präsidentin Heide Ziegler allerdings, SAP an Bord halten und neue Sponsoren an Bord holen zu können. Unterdessen musste sie einräumen, dass es auch Schwierigkeiten bei der Rekrutierung neuer Studenten für die Fächer Informatik und Betriebswirtschaft gibt - ähnlich wie potenzielle Sponsoren reagieren auch potenzielle Gebührenzahler empfindlich auf Einstellungsgerüchte.

Kein Wunder, dass der Ton zwischen Uni-Vertretern und -Kritikern an Schärfe zugenommen hat. Bereits Anfang Mai gab es dazu eine turbulente Landtagsdebatte. So warf die SPD-Abgeordnete Carla Bregenzer der Landesregierung vor, die Ergebnisse einer "Untersuchung des Stifterverbandes, der der IU eher Mittelmäßigkeit bescheinigt" habe, "schönzureden", ebenso wie die "wirtschaftliche Schieflage der IU". Das Land habe die Maxime "Privat finanziert Privat" schmählich missachtet und sich von der angeblichen Aussicht auf hohe Sponsorengelder, erstklassige Professoren und einen starken Studentenzustrom blenden lassen.

Uni-Präsidentin Ziegler konterte prompt: Carla Bregenzer führe "seit der Gründung einen ganz persönlichen Feldzug gegen die Bruchsaler - und es grenze "an Rufmord, wenn darüber gemunkelt wird, wann der International University das Geld ausgeht".



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