Pro und Kontra Streit über Karliczeks "Bachelor Professional"

Soll aus dem "Meister" in Deutschland der "Bachelor Professional" werden? Wirtschaft und Hochschulen beurteilen den Plan der Bundesbildungsministerin absolut gegensätzlich. Hier sind die Positionen.

Bildungsministerin Anja Karliczek will neue Berufsabschlüsse - und sorgt damit für heftige Debatten
Ina Fassbender/ AFP

Bildungsministerin Anja Karliczek will neue Berufsabschlüsse - und sorgt damit für heftige Debatten


Bundesbildungsministerin Anja Karliczek hatte die Idee, jetzt geht es um die Umsetzung: In Zukunft soll es neue Bezeichnungen für abgeschlossene Berufsausbildungen geben, den "Bachelor Professional" und den "Master Professional". Die Titel sollen den "Meister" und auf der nächsten Fortbildungsstufe den "Betriebswirt" oder die "Berufspädagogin" weitgehend ersetzen, wobei die alten Begriffe trotzdem weiter benutzt werden können.

Der Bundestag hat dem Vorhaben bereits zugestimmt, Anfang 2020 soll das Gesetz in Kraft treten. Bei Wirtschaftsvertretern sorgt das für Jubel: Sie fühlen dadurch die berufliche Bildung aufgewertet und begrüßen die Pläne. Für Hochschulvertreter dagegen sind die Bestrebungen der Bildungsministerin ein Dammbruch, der die bewährten Abschlüsse verwässert und verwechselbar macht.

Bevor die neuen Bezeichnungen kommen, muss noch der Bundesrat zustimmen - und der hat sich erst einmal quergestellt: Am Montag empfahl der Fachausschuss der Länderkammer, den Gesetzentwurf zunächst zurückzuweisen und den Vermittlungsausschuss anzurufen. Baden-Württemberg hatte diese Entscheidung beantragt, endgültig abgestimmt wird darüber in der Bundesratssitzung am 29. November.

Wir dokumentieren im Folgenden die Positionen von Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), und Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

Pro

Eric Schweitzer

DPA

Jahrgang 1965, ist seit 2013 Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Zusammen mit seinem Bruder Axel leitet er das Entsorgungs- und Recyclingunternehmen Alba Group.

"Abschlüsse der beruflichen Bildung sind genauso viel wert"

Die aktuelle DIHK-Konjunkturumfrage zeigt einmal mehr: Fachkräftemangel ist das größte Geschäftsrisiko der Unternehmen. Gerade Absolventen der Höheren Berufsbildung - etwa Industriemeister, Fachwirte oder Betriebswirte - werden von den Betrieben besonders häufig vergeblich gesucht. Die Einkommens- und Beschäftigungsperspektiven dieser beruflich top qualifizierten Fachkräfte stehen denen von Akademikern in nichts nach und sind teilweise sogar noch besser. In der Praxis ist dies aber leider noch zu wenig bekannt. Eine Folge davon sind teilweise gravierende Fachkräfteengpässe in den Unternehmen.

Die geplanten neuen Abschlussbezeichnungen "Bachelor Professional" und "Master Professional" sind der richtige Weg, um die Praxisnähe und besonderen Fähigkeiten von Absolventen der Höheren Berufsbildung auch sprachlich zum Ausdruck zu bringen. Dabei machen die neuen Begriffe deutlich: Die Abschlüsse der Beruflichen Bildung sind gleichwertig zu denen der Hochschulen und damit genauso viel wert. Diese Gleichwertigkeit ist zwar im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) bereits dokumentiert, hat sich aber in der Öffentlichkeit noch nicht in der Breite durchgesetzt. Die Bezeichnungen "Bachelor Professional" und "Master Professional" schaffen Abhilfe. Sie stehen als Markenbegriffe für den hohen Wert einer ganzen Angebotspalette beruflicher Fortbildungsabschlüsse. Zugleich heben sie sich durch den Zusatz "Professional" klar und deutlich von den Hochschulgraden ab, sodass eine Verwechslungsgefahr nicht gegeben ist.

Die Einführung ist zudem ein wichtiger Beitrag zur Internationalisierung der Beruflichen Bildung und unterstützt die Mobilität von Fachkräften. Gerade für Unternehmen im nicht deutschsprachigen Raum sind die neuen Bezeichnungen eine wichtige Hilfestellung, um berufliche Fortbildungsabschlüsse richtig einzuordnen. In vielen Bundesländern ist die Verwendung der Begriffe "Bachelor Professional" und "Master Professional" in den IHK-Zeugnisübersetzungen deshalb schon seit Jahren gängige Praxis. Zugleich werden die Bezeichnungen den Unternehmen perspektivisch ihre Suche nach Fachkräften erleichtern, da sich hoffentlich mehr Personen dafür entscheiden, diesen wichtigen Abschluss zu erlangen.

Die Einführung von "Bachelor Professional" und "Master Professional" ist ein mutiger Schritt der Politik und wird durchaus kontrovers diskutiert. Der Bundestag, der die neuen Begriffe bereits beschlossen hat, ist manchen Sorgen entgegengekommen: So sollen die bisherigen Abschlussbezeichnungen zusätzlich zu den neuen Gattungsbegriffen erhalten bleiben können. Dafür reicht es aus, wenn das gemeinsam unter den Partnern aus Wirtschaft, Gewerkschaften und Ministerien so festgelegt wird. Diesem Kompromiss wird hoffentlich auch der Bundesrat zustimmen. Dann ist der Weg frei, die in Sonntagsreden immer wieder beschworene Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung auch im Alltag endlich wahrnehmbar zu machen. Der Fachkräftesicherung der Wirtschaft wird das zugutekommen.

Kontra

Peter-André Alt

David Ausserhofer

Jahrgang 1960, ist seit 2018 Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Der Literaturwissenschaftler war zuvor seit 2010 Präsident der Freien Universität Berlin.

"Anschein der Wissenschaftlichkeit"

Das deutsche Berufsbildungssystem ist hervorragend und bietet Absolventinnen und Absolventen beste Karrieremöglichkeiten. Seine Qualität und Attraktivität hervorheben zu wollen, ist also völlig richtig. Aber die Verwendung der Abschlussbezeichnungen "Bachelor Professional" und "Master Professional", die die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung unterstreichen sollen, ist dafür nicht zielführend.

Abschlussbezeichnungen in der Bildung müssen transparent und eindeutig sein. Die Gesetzesnovelle will jedoch ganz unterschiedliche Bildungswege mit fast identischen Begriffen belegen. Das erzeugt Intransparenz, denn die eindeutige Zuordnung eines Titels zu Wissenschaft oder Berufsbildung ist essenziell für beide Bereiche. Die Veränderung der Bezeichnung der Fortbildungsstufen in "Bachelor Professional" oder "Master Professional" ist weder notwendig noch hilfreich und führt keinesfalls zu einer Aufwertung der beruflichen Fortbildung gegenüber Hochschulabschlüssen. Eher ist ein gegenteiliger Effekt zu erwarten: Die Anlehnung an den Hochschulbereich bei der Titelbezeichnung berücksichtigt nicht den Praxisbezug der Fortbildung, schwächt eingeführte Marken wie Meister oder Fachwirt und suggeriert wechselinteressierten Studierenden, die berufliche Bildung sei eine Art "Auffangbecken" oder "Ersatzmaßnahme".

Auch bei der Berufsorientierung Jugendlicher wäre Unklarheit vorprogrammiert, denn die neuen Abschlussbezeichnungen verstecken den Praxisbezug beruflicher Bildung sowie die Herausbildung beruflicher Handlungsfähigkeit hinter dem Anschein der Wissenschaftlichkeit. Auch im europäischen Kontext drohen ständige Missverständnisse: Die Abschlüsse Bachelor und Master werden europaweit ausschließlich von hochschulischen Einrichtungen vergeben und daher im Ausland eindeutig als Hochschulabschlüsse wahrgenommen. Mit der Einführung dieser Abschlussbezeichnungen wird außerdem die Kompetenzverteilung im föderalen System der Bundesrepublik verletzt, denn die Begriffe Bachelor und Master stellen hochschulische Titel dar, die in die Kompetenz der Länder fallen.

Vor allem aber gefährdet der vorgelegte Gesetzentwurf die bereits erreichten Ziele des Bologna-Prozesses und damit eines der wichtigsten europäischen, von Bund, Ländern und Hochschulen gemeinsam getragenen Reformprojekte der vergangenen Jahrzehnte.

Die HRK als Vertretung von 268 Hochschulen aus allen Bundesländern hat sich wiederholt sehr nachdrücklich gegen diese Bezeichnungen ausgesprochen und wir wissen uns in dieser Ablehnung einig mit zahlreichen Berufsverbänden, wie etwa dem Deutschen Bauernverband, Gesamtmetall oder der Bundessteuerberaterkammer. Stattdessen fordern wir, für die beruflichen Abschlüsse eigene Begrifflichkeiten zu verwenden, die der Tradition und Eigenständigkeit dieses wichtigen Bildungsbereichs Rechnung tragen. Andernfalls drohen sowohl dem deutschen Hochschulsystem als auch der für Deutschland so wichtigen beruflichen Bildung langfristig schwerer Schaden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, aus dem "Gesellen" werde der "Bachelor Professional" und der "Meister" dürfte sich "Master Professional" nennen. Richtig ist jedoch, dass Meister den Titel Bachelor Professional tragen könnten und die Bezeichnung "Master Professional" der nächsten Fortbildungsstufe, etwa Betriebswirten und Informatikerinnen, vorbehalten wäre.

him

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docker 13.11.2019
1. Die Abwertung...
.....von Abschlüssen schreitet solange fort, bis man den jungen Menschen jeden Abschluss vergällt hat. Frau Karlicek ist und bleibt eine Fehlbesetzung selbst in einem Land, das Bildung nicht mehr zu fördern weiß.
fillthegap 13.11.2019
2.
finger weg von dingen von denen man keine ahnung hat. und sie hat von allem keine ahung. soll sie doch mit den anderen unfähigen kultusministern erst einmal genug kohl in die grundschulen pumpen, perpektiven für lehrer schaffen. ach das wäre ja arbeit. das bischen rumschnippelt und umbenennen von etwas vorhandenem ist natürlich einfacher und macht keine arbeit.
dasbertl 13.11.2019
3. Nur mal so zum Verständnis
Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz befürchtet eine Verwechslungsgefahr, weil die "Hochschultitel" Geselle (Bachelor) und Meister (Master) ähnlich auch in der Wirtschaft eingeführt werden, wo es bisher nur Geselle und Meister war, während die akademischen Titel früher (Diplom, Magister) deutlich andere waren... Ähhm... ja... Ich bin nun ganz und gar nicht mit Anja Karliczek als Bildungsministerin einverstanden, aber hier liegt sie meiner Meinung nach durchaus richtig.
laurent1307 13.11.2019
4. Leuchtturmprojekte
Diese Bildungsministerin: Ein Leuchtfeuer der Regierung, haut ein wichtiges Thema nach dem anderen raus! Das toppt höchstens noch der Scheuer, mit innovativen Projekten wie der Freigabe von E-Scootern. Da wird doch die Milchkanne im Funkloch verrückt!
ostseekuestenbewohner 13.11.2019
5. Der Bologna-Unsinn ...
... hat schon dazu geführt, daß im Vergleich zum Diplom entweder das vermittelte Wissen reduziert wurde oder der Diplomstoff in kürzerer Zeit abgehandelt wurde. Beides, um die kürzere Studienzeit zu erreichen. Ergebnis: im ersten Fall ein minderwertigerer Abschluß im Vergleich zum Diplom, im 2. Fall mehr Studienabbrecher und generell weniger vergleichbare Studienabschlüsse. Abgesehen davon, daß der Bachelor-Abschluß auch als "zertifizierter Studienabbruch" angesehen wird. Soweit zu Bologna. Das Problem der dualen Berufsausbildung ist nicht die Berufsbezeichnung, sondern die Tatsache, daß Politik und andere Gremien (OECD) den Leuten einreden, daß man nur durch Studium etwas werden kann. In der aktuellen Situation ist man wahrscheinlich genauso gut oder besser dran, wenn man einen Handwerksberufs lernt, einen Meister macht und sein eigener Chef ist. Man hat es dann wahrscheinlich wirtschaftlich und generell (eigener Chef) besser, als die meisten Uni-Absolventen. Dazu muß man nicht die Berufsbezeichnung in englischer Sprache kreieren und verwirrender machen, da muß man den Leute einfach klarmachen, daß man auch ein vollwertiger und gut verdienender Mensch ist bzw. sein kann, wenn man eine Berufsausbildung absolviert und sich danach weiterbildet.
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