Professor sucht Zuneigung Bitte, bestecht mich!

Grundschüler überhäufen ihre Lehrer mit Geschenken - aber was ist mit den Dozenten an der Uni? Im Hochschulmagazin "duz" plädiert Professor Klaus Arnold für immaterielle Bestechung im Uni-Alltag und rät seinen Studenten: Werdet kreativ! An der Massenuniversität bemerkt Euch sonst keiner.
Was Lehrer freut: Manchmal reicht schon ein originelles Dankeschön

Was Lehrer freut: Manchmal reicht schon ein originelles Dankeschön

Foto: ddp

"Papa, hilfst Du uns? Wir wollen eine Muschelkette für unsere Lehrerin basteln." Meine neunjährige Tochter stand zusammen mit zwei Freundinnen im Arbeitszimmer und schaute mich erwartungsvoll an. Nun ja, bald entscheiden die Lehrer über die Versetzung ins Gymnasium, ein kleines Geschenk kann da bestimmt nicht schaden. Also saß ich eine Minute später im Kinderzimmer, klopfte mit einem Hammer und einem Schaschlikspieß Löcher in kleine Muscheln und bewies den kichernden Mädchen, dass auch Professorenväter über professionelle handwerkliche Kompetenzen verfügen.

Lehrer, vor allem Grundschullehrerinnen, bekommen ständig Geschenke von ihren Schülern: selbst gemalte Bilder, getöpferte Döschen mit Herzen drauf oder liebevoll aus Kochlöffeln und Stoffresten gefertigte Handpuppen. Und die Eltern? Die basteln zwangsweise mit, verschenken gerne auch mal einen Blumenstrauß oder eine Pralinenschachtel - ja klar, zu den Lehrern ist man nett, vor allem wenn der Nachwuchs eher durch wildes Randalieren im Pausenhof als durch gute Noten auffällt.

Und wie ist das an der Universität? Na gut, ich glaube nicht, dass es viele Kollegen gibt, die von Studierenden mit Laubsägearbeiten, geklöppelten Deckchen oder einer selbst gestrickten Pudelmütze gnädig gestimmt werden wollen. Bei Blumensträußen und Schokolade schaut das vielleicht schon anders aus. Aber Geschenke annehmen? Darf man das überhaupt? Und wo sind die Grenzen?

Warum sollten Professoren besser sein als andere Menschen?

Schnell fallen einem da böse Worte wie Bestechung oder Korruption ein. Recherchiert man ein wenig im Internet, kann man ja auf den ersten Blick den Eindruck gewinnen, einem korrupten Berufsstand anzugehören. So geriet in den letzten Jahren eine ganze Hundertschaft von Professoren ins Visier der Staatsanwaltschaft. Die Hochschullehrer sollen mit einem dubiosen "Institut für Wissenschaftsberatung" zusammengearbeitet und Geld für Promotionen erhalten haben - um die 5000 Euro für einen Doktor. Und 2008 stand ein Professor in Hildesheim vor Gericht, der nicht nur Doktorhüte verkaufte, sondern auch gute Noten gegen Sex vergab.

Doch warum sollten Professoren schließlich besser sein als andere Menschen. Schwarze Schafe gibt es immer. Richtig zu lohnen scheint sich das Doktorengeschäft für Professoren ohnehin nicht. Das meiste Geld stecken die Vermittler ein, rund einen halben BMW kostet da der Titel, der Doktorvater, der seinen Ruf und seinen Job riskiert, bekommt nur einen kleinen Teil davon ab. Das reicht gerade für eine Urlaubsreise oder einen teuren Designerschreibtisch im Uni-Büro. Moment mal, da gibt es doch einen Kollegen, der hat dieses riesige Ding aus sandgestrahltem Glas und edlem Chrom … Nein, nein, das hat er bestimmt selbst bezahlt oder bei der Berufung besonders geschickt verhandelt.

Beim Titelhandel scheint es die Menge zu machen. Der Professor, der in Hildesheim vor Gericht stand, betrieb einen richtigen Doktoren-Supermarkt, fast 200.000 Euro hat er verdient. Das ist immerhin schon ein Ferienhäuschen an einem preisgünstigen Mittelmeerabschnitt, vielleicht in Kroatien oder im jetzt verarmten Griechenland.

Korrupt sein? Ja, aber nur in der Kneipe

Im Kollegenkreis sind Korruption und Bestechungsversuche von Studierenden eher selten ein Thema. Aber beim zweiten Glas Wein nach einem langen Tagungstag wird schon mal von jener Studentin berichtet, die zu den Besprechungen über ihre Magisterarbeit gern einen Sechserkarton Riesling aus familiärer Produktion mitbrachte. Und mit der nächsten Runde Wein kommt die Geschichte von dem Studenten zur Sprache, der den Assistenten des Professors fragte, ob er ihm nicht beim Schreiben der Abschlussarbeit helfen könnte, natürlich gegen eine angemessene Bezahlung für die "Nachhilfe".

Das sei doch gar nichts, wusste eine Kollegin zu erzählen, bei ihr habe ein Student beiläufig fallenlassen, dass die Eltern doch diese schöne Wohnung in Paris hätten, die die meiste Zeit des Jahres nur leer stünde und sie könne doch, gerne auch mit ihrem Mann ... So - jetzt aber mal ehrlich. Was müssen Studierende bei mir tun, um mich wohlgesinnt zu stimmen? Alles was illegal, kriminell und moralisch verwerflich ist, geht natürlich nicht.

Davon abgesehen brauche ich als überzeugter Nicht-Autofahrer auch keine Zuschüsse von eitlen Möchtegerndoktoren, um mir eine Luxuskarosse kaufen zu können. Meine Bahncard kann ich problemlos selbst finanzieren, das gleiche gilt für meine Urlaube und all die anderen Dinge, die man so braucht. Als Professor nagt man ja nicht gerade am Hungertuch. Und eine Nummer kleiner? Nein - gleichfalls keine Opernkarten, Blumen oder fettige Nahrungsmittel mit vielen Kalorien.

Die eigenen Werke, prominent zitiert, liest der Professor gerne

Wirksamer ist da vielleicht, wenn die eigenen Werke in studentischen Haus oder Abschlussarbeiten prominent zitiert werden. Naja, das schmeichelt schon der Eitelkeit, das liest man ganz gerne. Aber natürlich nicht, weil es von einem selbst stammt, sondern weil es einfach hervorragende Zitate sind, klug, originell und selbstverständlich viel besser als das, was andere zu dem Thema von sich gegeben haben.

Andererseits, wenn die Zitate so gar nicht in den Text passen wollen, merkt man die Absicht schon sehr, und eine miese Arbeit liest sich dadurch auch nicht besser. Die Werke des Profs zu zitieren, egal ob er nun was zum Thema geschrieben hat oder nicht, ist also nicht in jedem Fall die ideale intellektuelle Schleimspur zu dessen Gemüt.

Na, aber irgendwie muss man den Prof doch einseifen können. Ein bisschen helfen kann vielleicht, wenn der Studierende nett auf dem Flur grüßt. Auf alle Fälle besser als IPod hörend mit leerem Gesichtsausdruck irgendwas dahinzubrummeln. Aha, sagen Sie jetzt, das Ganze läuft auf Sekundärtugenden, Höflichkeit, Pünktlichkeit, gute Manieren und so etwas hinaus - wie spießig. Aber darum geht es mir gar nicht, obwohl Höflichkeit natürlich prinzipiell eine feine Sache ist. Der Punkt ist, ein Studierender, der grüßt, wird erinnert!

Und das ist an der Massenuniversität entscheidend: Studierende müssen sich bemerkbar machen, möglichst positiv auffallen, in den Seminaren schlau sein und in den schriftlichen Arbeiten kluge Sachen schreiben, Konturen zeigen.

Und wenn sie ihren Prof abends auf einem Unifest oder vielleicht in einer Kneipe treffen, ein interessantes Gespräch mit ihm anfangen und ihm zeigen, dass sie auch witzig sein können und sich eben nicht nur beim Fußball gut auskennen, dann, ja - ich gebe es zu - dann bin ich vielleicht korrupt. Na und? Wenn jemand als Student und Mensch beeindruckt und Spuren hinterlässt, dann ist es, so denke ich, vollkommen normal, eine positive Einstellung ihm gegenüber zu haben.

Neidisch auf das Mobile der Kommunikationsmodelle

Das ist natürlich ein eher anstrengender und langwieriger Weg. Gibt es eine Abkürzung, geht nicht doch was mit Geschenken? Ein Kollege, der in Medien regelmäßig das Innenleben der Professoren erklärt, hat dazu geschrieben, dass eine Dankeskarte an den Prof dann richtig wäre, wenn sich Studierende tatsächlich gut betreut fühlen. Das ist sicherlich eine prima Idee und eine bessere, als nur eine E-Mail zu schreiben oder auf Facebook die Freundschaft anzubieten. Und wenn die Dankeskarte dann noch selbst gestaltet ist … nein, nein, nicht nötig, ein Scherz.

Einen schönen Brauch gibt es auch an einem Studiengang an einer kleinen süddeutschen Universität, an der ich früher als Assistent unterrichtet habe. Dort bedankte sich jeder Absolventenjahrgang auf der Abschlussfeier für all das im Studium Vermittelte mit einem Geschenk an die Dozenten. So kam der Studiengang zu einer mit vielen Unterschriften versehenen Kaffeemaschine und ich sowie meine damaligen Kollegen zu einigen - zumeist wirklich - originellen T-Shirts. Die trage ich heute noch auf und an die Absolventen kann ich mich nach wie vor bestens erinnern.

Zum Schluss aber der ultimative Tipp an meine Studierenden. Ein Kollege hat in seinem Büro ein wirklich tolles Mobile mit lauter Kommunikationsmodellen. Filigranste Handarbeit, sauber ausgeschnitten und mit Filzstiften bemalt. Haben Studenten gebastelt. Das ist schon was anderes als eine Muschelkette an einer Paketschnur. In meinem Büro gibt es in der einen Ecke eine so leere, traurige Stelle. Muss ich noch mehr sagen?

Dieser Text erschien im Hochschulmagazin " duz"  .

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