Wissenschaftler im Aschram In aller Ruhe zum guten Text

Professoren besuchen Sitzungen, betreuen Studenten, stellen Forschungsanträge - nur zum Schreiben kommen sie kaum noch. Ein Projekt in Mecklenburg-Vorpommern verspricht Hilfe.

Beim Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit (Symbolbild)
Getty Images/Westend61

Beim Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit (Symbolbild)

Von Britta Mersch


Ingrid Scherübl ist keine Wissenschaftlerin mehr. Aber sie hat selbst in der Wissenschaft gearbeitet, als Mitarbeiterin in einem Drittmittelprojekt an der Universität der Künste in Berlin.

Damals erlebte sie hautnah mit, wie fordernd eine Doktorarbeit sein kann. "Doktoranden promovieren nicht nur", sagt die Kulturwissenschaftlerin, "sie geben Seminare, organisieren Konferenzen oder helfen bei der Konzeption von Sammelbänden."

Aufgaben, bei denen eigene Schreibprojekte auf der Strecke bleiben können. Und das sei ein Problem: "Wer eine Karriere in der Wissenschaft anstrebt, braucht eine herausragende Promotion und eine überzeugende Publikationsliste." Doch für konzentrierte Schreibphasen bleibe im Alltag oft keine Zeit.

Deswegen entwickelte Scherübl vor fünf Jahren gemeinsam mit einer Kollegin den sogenannten Schreib-Aschram. Im Seminarhaus Neu Schönau in Mecklenburg-Vorpommern können sich Wissenschaftler eine Auszeit nehmen, um eine Woche lang konzentriert an ihren Forschungsarbeiten zu schreiben - wie in einem Aschram, einem indischen Meditationszentrum. Feste Uhrzeiten definieren den Tag und lassen viel Raum für kreative Phasen. Ursprünglich sollte sich das Angebot an Doktoranden richten. Doch die aktuellen Teilnehmerlisten zeigen: Inzwischen nehmen auch Professoren am Schreib-Aschram teil.

Fast wie im Kloster

Der Tag verläuft für alle gleich. Um sieben Uhr erklingt der Weckgong, es folgt ein halbstündiger Morgengang. Nach dem Frühstück kommt die erste zweistündige Schreibphase. Bewusst haben sich die Initiatorinnen des Schreib-Aschrams für ein Zeitfenster von zwei Stunden entschieden. "In dieser Zeit können die Teilnehmer ihre Produktivität voll entfalten", sagt Scherübl.

Insgesamt rund sechs Stunden des Tages sind fürs Schreiben vorgesehen. Dazwischen finden freiwillige Workshops oder Meditationen statt. Die Resonanz der Teilnehmer sei positiv: "Das klösterliche Umfeld passt sehr gut zum wissenschaftlichen Schreiben", erklärt Scherübl. Schließlich seien Universitäten aus der Klostertradition entstanden.

Seit 2014 haben rund 250 Personen am Kurs teilgenommen. Meistens sind es Frauen. Eine von ihnen ist Jeanette Hofmann, Professorin für Internetpolitik an der Freien Universität Berlin. Sie ist Direktorin des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft und leitet Forschungsgruppen am Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft sowie am Wissenschaftszentrum Berlin.

Hofmanns Terminkalender ist voll, ihre Expertise ist bei der Bundesregierung oder der Europäischen Kommission gefragt. Viel Zeit, um als Forscherin Publikationen zu verfassen, bleibt ihr also nicht. "Schreiben ist mir aber sehr wichtig", sagt die Sozialwissenschaftlerin, "man durchdringt komplexe Zusammenhänge erst, wenn man sie schriftlich festhält."

"Pausen helfen beim Denken"

Im Schreib-Aschram wollte sie lernen, wie sie das Schreiben besser in ihren Alltag integrieren kann. "Ich habe zum Beispiel gesehen, dass es nicht zielführend ist, einen ganzen Tag nur schreiben zu wollen." Die Erfahrung, in zweistündigen Etappen vorzugehen, habe sie als bereichernd empfunden: "Die Pausen, in denen andere Zentren des Gehirns aktiviert werden, helfen beim Denken."

Sie achte nun darauf, zwischen den Schreibphasen Sport zu treiben oder mit anderen Menschen Gespräche zu führen. "So gelingt es mir gut, die Konzentration den ganzen Tag auf einem hohen Level zu halten." Natürlich sei es kaum möglich, die Tagesstruktur des Aschrams in ihren Arbeitsalltag einzubauen - dafür hat sie zu viel zu tun. Aber sie habe sich vorgenommen, regelmäßig zu schreiben. Auf diese Weise bleibt sie immer im Training und vermeidet die Angst vor dem weißen Blatt.

Nicht alle gehen mit der Teilnahme am Schreib-Aschram so offen um. Einer der wenigen männlichen Teilnehmer ist ein Professor in den Geisteswissenschaften, der an einer Hochschule in Niedersachsen lehrt. Er möchte lieber anonym bleiben. "Die Zeit fürs Schreiben kommt bei vielen Professoren zu kurz", sagt auch er. Schon zweimal hat er am Schreib-Aschram teilgenommen, "und ich konnte die Woche so legen, dass ich in der vorlesungsfreien Zeit noch ein paar weitere Wochen hatte, um das Gelernte anzuwenden."

Der Tag an der Universität sei oft mit zahlreichen Aufgaben gefüllt: "Wir sitzen in Gremien, nehmen an Studienqualitätssitzungen teil, haben Institutssitzungen." Er wolle sich nicht beklagen, im Gegenteil: "Dass ich mir ein paar Wochen im Jahr freinehmen kann, um Publikationen zu verfassen, ist ein Privileg."

Im Alltagskorsett gefangen

Trotzdem würde er sich wünschen, nicht permanent aus den Gedankengängen gerissen zu werden und mehr Raum für die Forschung zu haben. "Doch ich sehe nicht, wie die Lehrstühle anders organisiert werden könnten." Es müsste wohl eine radikale Reform sein, mit neuen Haushaltsstellen und anderem Personal, das die Professoren von Verwaltungsaufgaben befreit.

Vielleicht können aber auch schon kleine Maßnahmen helfen, um eine bessere Schreibatmosphäre zu schaffen. Mit klar definierten Zeitfenstern, in denen Mails und Anrufe unbeantwortet bleiben. Mit ausreichenden Ruhephasen.

"Ich höre von Wissenschaftlern immer wieder, dass sie in ihren Büros nicht schreiben können", sagt Scherübl. "Da läuft doch etwas falsch." Sie denkt an neue Raumkonzepte und hofft, dass die Politik den Mut finden würde, den Kosmos Hochschule ganz neu zu denken: "Dazu bräuchte es ein großes Forschungsprojekt, das neue Strukturen anstößt." Vielleicht helfen die Erfahrungen der Wissenschaftler im Schreib-Aschram ja dabei, so ein Projekt umzusetzen.

insgesamt 8 Beiträge
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Newspeak 17.03.2019
1. ....
"So gelingt es mir gut, die Konzentration den ganzen Tag auf einem hohen Level zu halten." Das ist Selbsttäuschung. Man kann maximal drei bis vier Stunden pro Tag höchstkonzentriert arbeiten. Wer etwas Anderes behauptet, macht sich und Anderen etwas vor.
lathea 17.03.2019
2. @Newspeak Nr.1 "Das ist Selbsttäuschung. Man...
..... kann maximal drei bis vier Stunden pro Tag höchstkonzentriert arbeiten." Es kommt imho darauf an, ob man in einem Flow arbeitet oder nicht. Im Flow kann man sich ganz anders und extrem lange konzentrieren. Dabei sind sogar die Pausen und der Schlaf konstruktiv, weil man sich auch in dieser Zeit mit einem Thema extrem fokussiert beschäftigt. Da spreche ich auch aus langer und intensiver Erfahrung. Das wird auch mancher Künstler aus kreativen Schaffungsphasen bestätigen können.
Hamberliner 18.03.2019
3. Konzentration
Offenbar geht es gar nicht primär ums Schreiben, sondern um die Konzentration. Konzentrationsbedürftig sind in der Forschung aber noch weitere Arbeiten wie z.B. Programmieren, mathematische Herleitungen, Literaturstudium (fremde Veröffentlichungen und mathematische Herleitungen verstehen). Man muss seine Konzentration eben offensiv verteidigen: Ohropax in die Ohren, Telefonstecker 'raus, Zettel an die Tür "bitte nicht unterbrechen". Nicht "bitte nicht stören", denn schließlich schläft man ja nicht, im Gegenteil.
godfader 18.03.2019
4. Zu dem Thema gibts ein..
Buch vom Informatikprofessor Cal Newport. Es heißt "Deep Work". Sehr empfehlenswert in einer Welt, in der wir ständig abgelenkt werden.
hage108-nau 18.03.2019
5. Auch das Gebäude ist wichtig!
Schreib-Ashram klingt gut und ist ein neuer vielversprechender Ansatz. Neben der festen Tagesroutine sollte allerdings noch ein weiterer, sehr wichtiger Aspekt berücksichtigt werden: Die Lage und die Ausrichtung des Hauses und der Räume! Dies hat erwiesenermaßen einen enormen Einfluß auf das Wohlbefinden, die Kreativität und die Gesundheit der Bewohner eines Hauses. Die alte Vedische Kultur Indiens kann hierfür ebenfalls sehr hilfreich sein. Sthapatya-Veda ist die traditionelle Vedische Architektur, die noch das jahrtausendealte Wissen besitzt, wie Häuser und Städte im Einklang mit der Natur geplant und gebaut werden sollten, so daß die Bewohner einen maximalen Nutzen daraus ziehen können. Zum Beispiel sollten Häuser genau entsprechend der vier Himmelsrichtungen ausgerichtet sein. Der Eingang eines Hauses befindet sich, nach Sthapatyavedischen Regeln, im Osten, weil dort die Sonne aufgeht. Die morgentlichen Strahlen der Sonne können so das Haus und seine Bewohner mit positiver Energie aufladen. Dies ist nur ein Aspekt des Sthapatya-Veda. Ausführliche Informationen gibt auf folgender Webseite: http://www.rajabuilders.ch/sthapatya-veda.html Ich bin mir sicher, daß nicht nur eine Ashram-Routine, sondern auch ein Ashram, der nach Sthapatyavedischen Richtlinien gebaut wurde, einen immensen und nicht für möglich gehaltenen positiven Einfluß auf die Forschungsarbeiten der Wissenschaftler haben würde.
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