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20. April 2011, 15:59 Uhr

Professur für Ai Weiwei

Dissident wird Dozent in Berlin

Lehrauftrag für einen Inhaftierten: Ai Weiwei, der berühmte chinesische Künstler und Dissident, soll Professor an der Universität der Künste in Berlin werden. Finanziert von der Einstein-Stiftung soll es "in Kürze" losgehen - doch auch die Uni weiß, dass es noch dauern kann.

Der inhaftierte regimekritische Künstler Ai Weiwei soll Gastprofessor an der Universität der Künste (UdK) in Berlin werden. Lehren soll Ai Weiwei, 53, an der neugegründeten Graduiertenschule für die Künste und die Wissenschaften. Außerdem soll er mit den Studenten des Instituts für Raumexperimente des dänischen Künstlers Olafur Eliasson arbeiten.

Die Förderung des Gastaufenthalts Ais durch die Berliner Einstein-Stiftung sei fest zugesagt, sagte Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Der Senator ist auch Vorsitzender der öffentlichen Stiftung.

Zöllner sagte, er freue sich, "eine der bekanntesten zeitgenössischen Künstlerpersönlichkeiten in die Ausbildung junger Berliner Studierender einzubinden". UdK-Präsident Martin Rennert sagte dazu, er hoffe, dass "Ai Weiwei in Kürze seine Arbeit hier aufnehmen kann", einen konkreten Zeitpunkt nannte er aber nicht.

UdK-Präsident: "Die offene Sprache der Künste verteidigen"

Die Vergabe des Lehrauftrags an den Dissidenten Ai Weiwei wurde in Abwesenheit des Künstler bekannt gemacht - denn wo genau Ai Weiwei derzeit steckt, wissen nur die chinesischen Sicherheitsbehörden. Der regimekritische Künstler war am 3. April auf dem Internationalen Flughafen von Peking festgenommen worden, als er ein Flugzeug nach Hongkong besteigen wollte.

Zudem hatten die Behörden sein Haus und sein Atelier in der chinesischen Hauptstadt durchsucht und teilweise zerstört. Die Behörden werfen ihm "Wirtschaftsverbrechen" vor, hieß es in einer Meldung der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. Die Festnahme sei "in Übereinstimmung mit dem Gesetz" erfolgt. Seit seiner Festnahme fehlt von Ai Weiwei jede Spur. Es wird vermutet, dass die kommunistische Regierung Chinas den Künstler mit der Verhaftung einschüchtern und mundtot machen will. Am Montag hatte der Menschenrechtsausschuss des Bundestags die sofortige Freilassung Ais verlangt.

Vor allem wegen der Verhaftung des Künstlers hatten die Hochschule und die Einstein-Stiftung die seit Dezember angestrebte Berufung beschleunigt und die Verhandlungen intensiviert. "Die UdK steht für die Freiheit der Kunst und mithin für die Freiheit der Künstler", sagte dazu Universitätspräsident Martin Rennert. Es sei ein "zentrales Anliegen" der Hochschule, "die offene Sprache der Künste zu verteidigen", so Rennert.

Am Dienstag hatten in Kassel 400 Menschen für die Freilassung Ais und seiner Mitarbeiter demonstriert und als Zitat der bekannten documenta-Austellung "Fairytale" (Märchen) des Künstlers, einen Stuhl mit zu den Protesten gebracht. 2007 hatte Ai insgesamt 1001 Chinesen in die nordhessische Stadt eingeladen und 1001 alte Stühle an die Besucher der Ausstellung verteilt.

cht/dpa

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