Programme im Test Software zur Plagiatssuche taugt nichts

Wie verlässlich ist Software zur Erkennung von Plagiaten? Im Prinzip sind alle gängigen Programme wenig hilfreich, wie eine Testreihe von Experten ergeben hat. Wer Schummler finden will, muss sich weitaus mehr Arbeit machen.
Angeblicher Plagiator Steinmeier: Experten warnen davor, sich auf Software zu verlassen

Angeblicher Plagiator Steinmeier: Experten warnen davor, sich auf Software zu verlassen

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

Ein bisschen ist es mit Programmen zur Plagiatssuche wie mit Lügendetektoren: Wir würden gern glauben, dass sie zuverlässig arbeiten und exakte Ergebnisse liefern. Aber das tun sie nicht. Höchstens Abschreiber oder eben Lügner, die sich ganz dumm anstellen, lassen sich technisch halbwegs überführen.

Meist jedoch liefern viele Programme, die Plagiate in wissenschaftlichen Arbeiten aufspüren sollen, bloß Hinweise auf verdächtige Textstellen - sie sind allenfalls teilweise zu gebrauchen. So manche Software ist schlicht nutzlos.

Das sind die Ergebnisse einer Testreihe von Debora Weber-Wulff, Professorin für Medieninformatik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie 28 Programme getestet, nur 15 hielten überhaupt allen Anforderungen stand. Die Tester vergeben kein "sehr gut" und kein "gut". Nur drei Programme erwiesen sich als "teilweise nützlich", waren allerdings nicht ganz leicht zu bedienen. Die Ergebnisse bestätigen im wesentlichen ähnliche Untersuchungen aus den vergangenen Jahren. (Zusammenfassung des Berichts  in deutscher Sprache)

Mühevolle Kleinarbeit bei Vroniplag

Weber-Wulff zählt zu den führenden Plagiatsexperten des Landes und engagiert sich auch auf der Seite VroniPlag. Die Aktivisten dort haben unter anderem die Doktorarbeiten von Politikern wie Silvana Koch-Mehrin, Jorgo Chatzimarkakis und Margarita Mathiopoulos untersucht.

Anders als Weber-Wulff bleiben viele der Plagiatsjäger anonym, von ihnen erfährt man allenfalls ihr Pseudonym. Einige von ihnen leisten in mühevoller Kleinarbeit das, was viele kommerzielle Programme nur vorgeben: Plagiate nachweisen und nachvollziehbar dokumentieren. Bei den Aktivisten im Netz ist der Einsatz von Software nur einer von vielen Arbeitsschritten - zuvor wird Primärliteratur herangeschafft, gescannt, durchgesehen. Nach einem Textvergleich mit Hilfe selbstgeschriebener Software schauen sie sich jede Verdachtsstelle einzeln an, beurteilen sie - und lassen das Ergebnis von einem Mitstreiter gegenchecken.

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Plagiatssuche-Software im Test: So schneiden die Programme ab

Foto: TMN

Für ihren nun durchgeführten Test wurden Weber-Wulff und ihre Mitarbeiter zunächst selbst zu Plagiatoren: Sie produzierten 20 neue Testfälle; sie arbeiteten unter anderem mit Wikipedia-Einträgen, mit Übersetzungen, zum Teil änderten sie die Originalquelle sogar gar nicht.

Richtig gut umgehen konnte kein Programm mit den Testfällen, auch wenn sie zum Teil auch Plagiate entdeckten. Auf zwei Probleme weist Weber-Wulff in ihrer Studie nachdrücklich hin, weil sie "katastrophale Folgen" haben können:

  • Da sind zum einen die übersehenen tatsächlichen Plagiate, weil die Programme beispielsweise standardmäßig nur einen Teil einer Arbeit überprüfen oder - und das scheint das größere Problem - die benutzten Quellen, aus denen abgeschrieben wurde, online nicht frei verfügbar sind.
  • Und da sind zum anderen Plagiatsmeldungen, etwa wenn ein Programm alltägliche Formulierungen wie "Es wird vermutet, dass sich" als abgeschrieben ausweist. Letzteres, sagte Weber-Wulff, sei viel schlimmer, "weil wir so einen Studenten als Plagiator abstempeln".

Steinmeier ein Plagiator?

Genau das könnte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier passiert sein: Auch ihn will eine Software des Plagiats überführt haben. Ende September berichtete der "Focus" von den Vorwürfen, Urheber der Anschuldigungen ist der BWL-Professor Uwe Kamenz und sein Programm ProfNet. Diesmal wurde diese Software nicht erneut untersucht, 2010 urteilte Weber-Wulff allerdings damals: "nicht berauschend" . In diesem Jahr nahm die Professorin nur neue Programme auf oder jene, die sich schon in früheren Tests als einigermaßen brauchbar erwiesen.

Und brauchbar scheint ProfNet nach wie vor nicht zu sein: So sagte der Bremer Jura-Proffessor Andreas Fischer-Lescano, der als erster Plagiate in der Promotion von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) entdeckt hatte, zu "Süddeutsche.de": "Das ist kein Plagiat, das sind weitgehend übliche Paraphrasierungsformen mit einigen Unsauberkeiten im Detail." Sein Fazit zum ProfNet-Bericht: "unseriös". Auch Hajo Funke, Professor am renommierten Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, urteilte nach Analyse des Berichts: "Die Vorwürfe entbehren jeder Grundlage. Die angeblichen Plagiate sind gar keine. Die Software ist nutzlos."

Trotz aller Kritik träumen Universitäten von der perfekten Software: "Dozenten wünschen sich eine Art Lackmustest", sagt Weber-Wulff. Ein Programm, das abgeschriebene Arbeiten rot einfärbt und saubere grün. Schnell und zuverlässig wie ein chemischer Test. Aber das werde eine Plagiatssoftware wohl nie leisten können, sagt Weber-Wulff. Vielmehr werde ein Programm immer nur Indizien liefern.

Deswegen empfiehlt das Team um Weber-Wulff Universitäten auch, sich bei der Plagiatsabwehr nicht auf ein System zu verlassen. Zudem sollten Hochschulen eine Art Servicestelle zur Plagiatserkennung einrichten, beispielweise in Bibliotheken oder Rechenzentren. Das dortige Personal würde sich mit den Problemen und den Programmen auskennen und könnte Prüfern bei der Arbeit helfen.

Vor allem aber plädiert Debora Weber-Wulff dafür, Studenten und Wissenschaftler frühzeitig für gute wissenschaftliche Praxis zu sensibilisieren. Denn wenn ein Student von Anfang an lernt, wie er korrekt wissenschaftlich arbeitet, dann dürften sich die Plagiatsfälle an Hochschulen wohl von selbst reduzieren. Ganz ohne Lügendetektor.

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