Projekt "Augenpost" Bei Rot gibt's was auf die Augen

Es sticht den Leipzigern ins Auge, jeden Monat neu: ein Gedicht auf einem kleinen Plakat, geklebt auf Ampelmasten, Laternenpfähle, Bauzäune. Zwei Studentinnen und eine Musikerin verfassen Lyrik, die sich aufdrängt. Mit ihrer "Augenpost" ernten sie Staunen und Schimpfen - und manchmal auch Grammatik-Korrekturen.
Von Carsten Heckmann

Man wird zum Lesen gezwungen. Man kann nicht anders. Denn "an der ampel / liegen blätter / die trinken dich / bei rot". Dieses Zitat könnte eine Eigen-Beschreibung des Projekts sein, das einem in Leipzigs Stadtbild ins Auge springt. Man weiß es nicht. Man liest es eben so.

Rätselhafte Zeilen sind es zumeist, auf die der Leser blickt, wenn er zufällig an einer der Ampeln auf Grün wartet, die mit einer "Augenpost" beklebt sind. Oder an einem frisch damit verzierten Bauzaun vorbeikommt. Oder neben einem plakatierten Laternenpfahl auf den Bus wartet. Formal ist die "Augenpost" ein kleines, weißes Blatt Papier mit einigen wenigen schwarzen Zeilen. Dahinter stecken mächtig viele Gedanken, schließlich handelt es sich um Lyrik.

Die stammt aus der Feder der beiden Leipziger Studentinnen Ulrike Almut Sandig und Dorit Horn sowie der freischaffenden Musikerin Marlen Pelny. Jeden Monat vervielfältigen sie ein Gedicht und plakatieren damit 90 Stellen der Stadt. 14 Ausgaben der "Augenpost" gab es inzwischen.

Böseste Kritik: "Hippie-Scheiße"

Legal ist das Plakatieren natürlich nicht, rechtlich stehen die Lyrikerinnen auf einer Stufe mit Graffiti-Sprayern. Aber bislang wollte noch niemand ein Ordnungsgeld kassieren. Ein Kunstprojekt wie dieses genießt eben noch Narrenfreiheit.

An Reaktionen mangelt es allerdings nicht. Dazu zählen sichtbares Staunen und gebanntes Lesen genauso wie auf die Blätter gekritzelte Kommentare. Der schärfste bislang: "Hippie-Scheiße." Die Verfasserinnen nehmen so was locker. "Was zählt ist, dass die Leute es lesen und dass die Zeilen eine Reaktion auslösen", sagt die 24-jährige Sandig.

Die Studentin der Indologie und Religionswissenschaften bringt die Absicht des Trios auf den Punkt: "Wir wollen Menschen erreichen, die wohl nie zu einer Lesung gehen würden." Ihre Mitstreiterin Pelny, 22, ergänzt: "Wir verschieben eine Grenze, schaffen Platz für Kunst, mitten im Alltag." Wobei mindestens Ulrike Sandig auch persönliche Ambitionen verfolgt, sich im Literaturbereich einen Namen zu machen, und die "Augenpost" als Referenz nutzen möchte.

Antwortgedichte an der Ampel gegenüber

Auf den öffentlichen Raum richten die Leipzigerinnen ihre Werke konsequent aus. "Das typische 'Augenpost'-Gedicht muss optisch wirksam sein, das heißt einen auffälligen Zeilenumbruch oder eine interessante Strophen-Struktur haben. Wir spielen auch gern mit Schrifttypen und mit Groß- und Kleinschreibung", erläutert Ulrike Sandig. "Und inhaltlich spielt es auch meistens draußen."

Da kann es dann also heißen "wir sitzen am straßenrand und trinken oktober", und ein Werk über "Blätter" weist dazu passend eine Blattform auf. Zur Abwechslung wird aber auch mal die Liebe thematisiert. Die Zeilen "dein atmender Hals / den ich im schlaf / berühren" ergänzte mal jemand mit "darf". Ulrike Sandig war positiv überrascht. Genauso gefreut hat sie sich über regelmäßige Antwortgedichte an einer Ampel direkt gegenüber ihrem Haus, auch wenn sie die Verse selbst nicht so toll fand.

Jüngst dachte sich ein schlauer Leser sogar, er müsse mal die Grammatik im Gedicht namens "Territorium" korrigieren. So machte er aus "wider den Worten" mit Kugelschreiber "wider die Worte" - und zwar fachmännisch, mit richtigen Korrekturzeichen.

Seifenblasen im Internet

Manche Leser verewigen sich auf der Internetseite des Dichter-Trios , auf der man auch zu den einzelnen Gedichten gelangt - wenn man herausgefunden hat, dass man die kleinen Punkte im "Augenpost"-Logo anklicken, somit Seifenblasen entstehen und diese platzen lassen kann.

Die Blasen sollen übrigens unter anderem die "optische Stille" durch die "Augenpost" repräsentieren, sagen die Macherinnern. Ganz im Gegensatz dazu steht die akustische Variante ihres kreativen Wirkens: Unter dem Titel "Ohrenpost" veranstalten sie alle paar Monate szenische Lesungen mit Musik. Und schreiben dafür auch Kurzgeschichten mit musikalischen Elementen und Lieder.

Auch mit der "Ohrenpost" wollen sie Grenzen überschreiten und etablierten Kommunikationsformen eigene entgegensetzen. Aber die Zuhörer sind andere als die Leser. Sie müssen bewusst kommen und hören - und nicht zufällig gehen, sehen und stehen.

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