Promi-Profs Wo Deutschlands bekannteste Dozenten lehren

An deutschen Hochschulen unterrichten zahlreiche Prominente aus Wirtschaft oder Kultur. Die VIPs wie Ulrich Wickert, Vivienne Westwood oder Heinrich von Pierer tragen Glamour auf den Campus - und ihre Erfahrungen können für Studenten durchaus nützlich sein.

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Universität Erlangen-Nürnberg, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Raum 0.423: Auf den Tischen stehen Mineralwasser, Coca-Cola und teurer Orangensaft der Marke "Minute Maid", auf einem Sideboard ein Korb mit Brezeln und eine Schale frischen Obstes. Die Teilnehmerinnen des Hauptseminars "Grundfragen des Managements internationaler Technologieunternehmen" tragen Hosenanzüge und spitze Schuhe, ihre männlichen Kommilitonen dunkle Anzüge und Seidenkrawatten. Namenskarten weisen den 18 angehenden Wirtschaftswissenschaftlern ihren Sitzplatz zu.

Universität der Künste, Berlin, Fakultät für Gestaltung, Projektraum: Der hohe Saal ist voll gestopft mit Kleidern, als Entwürfe aus ungebleichtem Nesselstoff oder als vollendete Werke der Schneiderkunst in Schutzhüllen aus Plastik. Hinter einem verspiegelten Raumtrenner wechseln halb nackte Models im Akkord ihre Outfits. 20 Studentinnen und Studenten umringen eine Frau mit orangefarbenen Haaren, die auf einem erhöhten Holzhocker sitzt. Sie trägt eine beigegestreifte Bluse, einen ausgebeulten Rock und Strumpfhosen mit aufgenähten Flicken an den Knien. Kaum jemand lacht oder hustet, zu hören sind nur die Kommandos der Frau an die Models: "Komm her! Dreh dich um! Zeig mir den Rücken!"

Großer Promi-Aufmarsch an den Unis

Zwei grundverschiedene Lehrveranstaltungen aus diesem Sommersemester, die doch eines gemeinsam haben: Sie werden von einem prominenten Dozenten geleitet. In gediegenem Ambiente begutachtet Heinrich von Pierer, Aufsichtsratsvorsitzender des Weltkonzerns Siemens, durch Powerpoint-Präsentationen gestützte Referate. In kreativem Chaos nimmt die englische Modemacherin Vivienne Westwood einen Monat vor der Abschlussmodenschau die Kollektionen ihrer Klasse ab.



Der Spitzenmanager und die Modezarin sind nur zwei der bekannten Gesichter, denen Studenten an deutschen Hochschulen begegnen können. Wer seinen Standort mit Bedacht auswählt, hat gute Chancen, einen prominenten Lehrmeister zu finden). "Natürlich hat der Name des Dozenten eine Rolle gespielt", erzählt Tomas Kunzmann, 23, der zusammen mit seinen Mitreferenten Carina Hau, 22, und Philipp Simon, 23, rund einen Monat Arbeit in die Seminarpräsentation über Corporate Governance investiert hat.

Pierer hat selbst in Erlangen-Nürnberg Jura und Volkswirtschaft studiert und dort auch promoviert. "Ich habe mich der Fakultät immer verbunden gefühlt und möchte nun etwas von dem zurückgeben, was ich in der Zwischenzeit gelernt habe", erklärt der 64-Jährige seinen Antrieb, als Lehrbeauftragter für zwei Blockveranstaltungen pro Semester den Firmensessel gegen den Dozentenstuhl einzutauschen. Vivienne Westwood ist schon eine Veteranin unter den Promi-Dozenten, sie hat in Berlin seit 1993 eine ordentliche Professur inne. Besonders stolz ist die 64-jährige Britin auf die Abschlussmodenschau ihrer Studenten vor großem Publikum, einer hochkarätig besetzten Jury und Talentjägern aus der ganzen Welt: "Mit der Show habe ich Aufmerksamkeit auf diesen Studiengang gezogen, unsere Abschlussarbeiten haben eine besondere Qualität."

Wirtschaftskapitäne, Politiker, Kulturpäpste

Immer mehr Hochschulen bitten prominente Absolventen und Förderer an das Katheder: So liest etwa Porsche-Chef Wendelin Wiedeking an der RWTH Aachen "Innovationsmanagement" für angehende Maschinenbauer. Der Vorstandsvorsitzende von Audi, Martin Winterkorn, lehrt als Honorarprofessor an der TU Dresden, Wolfgang Reitzle, ehemaliger Automanager und jetzt Vorstandsvorsitzender der Linde AG, ist Honorarprofessor an der TU München. Die Studenten der Universität Mannheim kommen jedes Semester in den Genuss, von Hans-Olaf Henkel, dem ehemaligen Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Industrie und jetzigen Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft, in das "Management in einer globalisierten Welt" eingeführt zu werden.

Neben Wirtschaftsführern findet sich auch Prominenz aus der Politik. Die gelernte Professorin Rita Süssmuth (CDU), ehemals Familienministerin und Bundestagspräsidentin, gibt am Pädagogischen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen regelmäßig ein Blockseminar, im Sommersemester 2005 beispielsweise über interkulturelle Kompetenz. Nicht ungewöhnlich sind bekannte Gesichter in kreativen Fächern, etwa an Filmhochschulen, wo namhafte Praktiker ihre Tipps und Kniffe weitergeben. So unterrichtet Rosa von Praunheim, Filmregisseur und Wegbereiter der Schwulenbewegung, an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg, die Filmemacherin Doris Dörrie in München.

Übersicht: Prominente an deutschen Universitäten
DER SPIEGEL

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Manche Hochschulen peppen zudem ihren Semesterbeginn oder ihre Abschlussfeiern auf durch bekannte Namen aus Politik, Wirtschaft, Kultur oder Sport. Den Eröffnungsvortrag des vergangenen Wintersemesters über Fairplay hielt an der Freien Universität Berlin (FU) Fifa-Schiedsrichter Markus Merk. Anschließend schickte Merk die Erstsemester stilecht mit einem Pfiff aus seiner Trillerpfeife in die erste Studien-Halbzeit.

Die Einstimmung durch Prominente hat an der FU Tradition: Für die Neulinge standen schon Hildegard Hamm-Brücher, Sir Peter Ustinov und Vicco von Bülow alias Loriot am Rednerpult. Die Universität Bonn renommierte auf ihrer zentralen Absolventenfeier in diesem Sommersemester mit "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert, der außerdem als Honorarprofessor an der FH Magdeburg-Stendal lehrt.

Die VIPs sind für die Hochschulen zunächst einmal gute Werbung: Obwohl die staatlichen Lehranstalten noch nicht um zahlende Kundschaft konkurrieren müssen, rüsten sie sich für den Wettbewerb. Und viele Prominente lassen sich gern bitten: Eine Lehrtätigkeit schmückt die Visitenkarte oder auch die Vita in der Firmenchronik. Gut geeignet im wechselseitigen Interesse ist die Honorarprofessur: Ein solcher akademischer Lehrer bekommt, anders als der Titel suggeriert, üblicherweise kein Honorar, dafür aber viel Ehre.

© UniSPIEGEL 4/2005
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