Prominente Absolventen Was von den 68ern übrig blieb

Rudi Dutschke krakelte seine Bewerbung in Kinderschrift, Hans Eichel salbte die Berliner Kultur, Gudrun Ensslin reichte eine staubtrockene Analyse ihres Lebens ein. Die Freie Universität Berlin wühlte tief im Archiv - und fand neben Jugendbildern ihrer bekanntesten Absolventen auch amüsante Anekdoten aus der Generation der 68er.
Von Daniel Freudenreich

Rudi Dutschke hatte große Sorgfalt walten lassen. In schönster Kinderschrift ließ er, gerade volljährig, sein bisheriges Leben auf einem weißen Blatt Papier Revue passieren. Sportjournalistik wollte der 21-Jährige zunächst in Leipzig studieren. Es sollte nicht sein, weil sein "gesellschaftliches Verhalten" nicht den DDR-Vorgaben entsprach. Auch über den Ausbildungsumweg zum Industriekaufmann führte kein Weg zu akademischen Weihen.

Schließlich zog Dutschke, der wenige Jahre später die westdeutschen Professoren und Honoratioren als Kopf der Studentenrevolte das Fürchten lehren sollte, die Konsequenzen und ging nach West-Berlin. "Ich (...) hoffe, an der Freien Universität das Rüstzeug zu bekommen, ein guter Journalist zu werden", schrieb er in seiner Bewerbung.

Über 40 Jahre hat der Lebenslauf von Rudi Dutschke im Kellerarchiv der Freien Universität Berlin (FU) Staub angesetzt. Im Rahmen der Wissenschafts- und Geschichtsausstellung "Zukunft von Anfang an" kam die prominente Vita nun wieder ans Tageslicht: Monatelang hat sich der Historiker Jochen Staadt im Auftrag der Hochschule durch das FU-Archiv gewühlt und Immatrikulationsakten ehemaliger Studenten gesichtet.

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Prominente Absolventen: Was von den 68ern übrig blieb

Die Riege der FU-Studenten, die es zu großer Bekanntheit gebracht haben, ist lang - wahrscheinlich länger als an jeder anderen deutschen Hochschule. Staadt hat als Kurator des historischen Ausstellungsteils amüsante Geschichten junger Leute entdeckt, die als Weltveränderer begannen und heute kurz vor dem Eintritt in das Rentenalter stehen. Denn anders als heute mussten die angehenden Studenten bis 1969 ihre Studienwahl ausführlich schriftlich begründen. Ein Teil von Staadts Entdeckungen ist in die Ausstellung eingeflossen, die über die bewegte Geschichte der FU seit ihrer Gründung im Jahre 1948 berichtet.

Selbst Hans Eichel war mal jung

"Hans Eichel hat in Berlin wohl schon angenehmere Tage erlebt", meint Staadt mit einem Augenzwinkern. Zumindest schien der heutige Bundesfinanzminister Anfang der sechziger Jahre vom Kulturleben der Stadt mehr als angetan: "Während einer Dichterlesung Ende Juni konnte man gleich acht namhafte deutsche Autoren persönlich kennenlernen, ich verbinde nun mit ihrem Namen eine bestimmte Vorstellung und finde so ein besseres Verhältnis zu ihren Werken", so das Loblied des jungen Hans in seiner Bewerbung. Weil er die Hintergründe "der politischen Auseinandersetzungen zwischen Ost und West" kennenlernen wollte, studierte Eichel im Zuge eines Studienaustausches 1963/64 an der FU Germanistik. Am Institut für Soziologie befasste er sich außerdem mit dem "Gesellschafts- und Staatsbegriff von Karl Marx".

Offenbar gab der 22-Jährige eine gute Figur ab, da Professor Otto Stammer für eine Verlängerung des Eichelschen Gastspiels vor dem Immatrikulationsausschuss plädierte: "Ich habe den Eindruck gewonnen, daß Herr Eichel sein Studium in Berlin mit großem Interesse und Gewinn betreibt und es für seinen Studiengang von Nutzen sein würde, noch ein weiteres Semester an der Freien Universität zu studieren." Eichel blieb.

Kabinettskollege Otto Schily hat ebenfalls an der FU studiert, doch aus dessen Immatrikulationsakte hat Jochen Staadt lediglich eine Urkunde über die Bürgerrechte an der FU gefischt. Die Bewerbungsunterlagen selbst sollen 1976 von der Bundesanwaltschaft eingezogen worden sein, als Schily Gudrun Ensslin im Stuttgarter RAF-Prozess verteidigte. Die Bundesanwaltschaft selbst "kann und will" keine Stellungnahme zum Verbleib der Schily-Bewerbung abgeben. Eine Auskunft verletze die Persönlichkeitsrechte des Innenministers, beteuert eine Sprecherin.

Momper: "Für wissenschaftliche Laufbahn nicht geeignet"

Berlins ehemaliger regierender Bürgermeister Walter Momper (SPD) spielte zu Studienbeginn mit dem Gedanken, Journalist zu werden. "Für eine wissenschaftliche Laufbahn bin ich nicht geeignet", bekannte der Politiker in seiner FU-Bewerbung. Ferner interessiere ihn "der Mensch schlechthin" und die Aufgabe, dem Menschen "Sachbezüge klarzumachen". Hochtrabend fuhr Momper fort: "Die Sachbezüge gedenke ich im Studium mir anzueignen."

Mompers Nachfolger Eberhard Diepgen (CDU) ist ebenfalls durch die FU-Lehre gegangen. Mitte der sechziger Jahre pflegte Diepgen einen regen Briefwechsel mit dem Immatrikulationsbüro, um seine stetig ansteigende Semesterzahl zu rechtfertigen. Auch Herta Gmelin, heute Däubler-Gmelin, zog es 1963 in die Hauptstadt. Während des erstens Semesters an der Tübinger Eberhard-Karls-Universität kam die ehemalige Bundesjustizministerin "zu dem Schluß, daß mir das Studium der Rechtswissenschaften mehr liegt als das der Philosophie."

Beim Durchlesen der Bewerbungen ist Jochen Staadt immer wieder auf Floskeln gestoßen, "die damals sehr beliebt gewesen sein müssen". Wie Dutschke und viele andere Kommilitonen philosophierte der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt (FDP), der vor zwei Monaten an Herzversagen starb, 1961 über das "Rüstzeug" für die Zukunft: "Meine Bewerbung richte ich an die freie Universität Berlin, weil ich annehme, daß mir gerade diese Universität das richtige Rüstzeug für mein Leben geben kann."

Ensslin: Unmut über das Studium

Die stilistisch interessanteste Bewerbung stammt für Staadt aus der Feder von Gudrun Ensslin. So bewirbt sich die schwäbische Pfarrerstochter 1964 zum Germanistikstudium mit einer staubtrockenen Analyse ihrer Zeit als Austauschschülerin in den USA. "Mein Interesse galt vorwiegend der gesellschaftlichen Struktur und ihren Funktionen, wie sie sich in einer mittelgroßen nordamerikanischen Stadt zeigen, die - bei aller Vorsicht - für einigermaßen repräsentativ gehalten werden darf. Meine Beobachtungen und Erfahrungen führten zu einer erweiterten und sicher zutreffenden Beurteilung der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung und Lage Westdeutschlands."

In ihren fünfseitigen Bewerbungsschreiben geht die spätere RAF-Terroristin mit ihrem bisherigen Lehramtsstudium ins Gericht. "Mein Unmut über das Studium wuchs von Monat zu Monat und es sei offen gestanden, daß nur nüchternes Überdenken der familiären Finanzlage meiner Familie das Durchhalten ermöglichte."

Benno Ohnesorg kam 1965 ebenfalls an die FU, um sich der Romanistik und Germanistik zu widmen. Zuvor hatte er eine Lehre zum Schaufenstergestalter absolviert und festgestellt, "daß mich diese Tätigkeit nicht befriedigen konnte. Das Gefühl des Unausgefülltseins, dass mich trotz langer Arbeitszeit beschlich, vermochte ich durch die Beschäftigung mit Dingen auszugleichen, die mich persönlich interessierten". Dazu zählte er die Kunst der französischen Sprache und Literatur.

Ströbele: Vor die Tür gesetzt

Elke Riegert, später Heidenreich, sah sich an der FU am richtigen Platz zur Vorbereitung auf den Beruf der Theaterkritikerin: "Wegen der Vielzahl guter Theater (biete) die Stadt zugleich theoretisch als auch praktisch" die Voraussetzungen zur Berufsvorbereitung. Sie schrieb sich 1965 für Theaterwissenschaften ein.

Mit einem fünfseitigen philosophischen Pamphlet wartete Friedrich Christian Delius 1963 an der FU auf. Der spätere Schriftsteller geißelte den "Absolutätsanspruch der Schule: "Denn das was ich nicht für die Schule ('non scholae...') tat, das diente sehr oft als Vorbereitung für meinen in Aussicht genommenen Beruf des Germanisten ('...sed vitae discimus'). In den alten Sprachen profitierte ich viel von Sophokles, Platon, Thukydides, Cicero und Horaz", gab der Buchautor zu Protokoll und bekannte sich bedeutungsschwanger zur "sogenannten humanistischen Bildung, obwohl ich sie keineswegs für ideal halte".

War die Immatrikulationshürde einmal genommen, behielten manche der prominenten Absolventen den Studentenstatus bis zum offiziellen Ausschluss - wie etwa Hans-Christian Ströbele (Bündnis90/Grüne). Schon im Januar 1966 hatte der Jura- und Politikstudent nach bestandener juristischer Staatsprüfung Post aus dem Immatrikulationsbüro bekommen: "Sie werden hiermit aufgefordert, sich umgehend exmatrikulieren zu lassen, damit ihr Studienplatz für einen Bewerber frei wird, der die Ausbildung noch vor sich hat." Am 15. November 1966 wurde Ströbele von der Liste der Studenten gestrichen.