Promotion als Karriererisiko Vergesst den Doktortitel

Was kommt nach der Abschlussarbeit? Immer mehr Absolventen setzen sich an eine Dissertation, sie wollen Zeit schinden oder mit dem Doktortitel ihren Lebenslauf aufhübschen. Was viele erst zu spät merken: Der "Dr." kann den Jobeinstieg sogar erschweren.
Doktortitel: Was sind die zwei Buchstaben vor dem Namen noch wert?

Doktortitel: Was sind die zwei Buchstaben vor dem Namen noch wert?

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Es sollte ein Sommer des Aufbruchs werden. Alles, was sie glaubte, dafür zu brauchen, hatte Kristin in der Tasche: einen frischen Doktortitel mit der Note Magna cum laude, mehrere Jahre Berufserfahrung und vor allem Lust auf einen anspruchsvollen Job. Corporate Social Responsibility, Soziale Unternehmensführung, war ihr Promotionsthema, ein Bereich, der Zukunft hat und in dem sie sich jetzt auskannte. Das war im Jahr 2007, Kristin war Anfang dreißig.

Heute sitzt sie an der ungefähr achthundertsten Bewerbung und sagt: "Ich habe wirklich alles probiert, mich auf jegliche Funktion und in jeglicher Branche beworben, auch an der Uni, von der Assistenz bis zur Professur. Es ist eine traurige Geschichte." Deshalb möchte sie auch nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen.

Irgendwann begann Kristin Headhunter zu fragen, warum in aller Welt sie keinen Job bekommt. Die Antwort: Ihre geisteswissenschaftliche Promotion würde sie für viele Stellen überqualifizieren. Man gelte als nicht mehr so "formbar", häufig hätten Personaler auch Angst vor einer jungen Mitarbeiterin mit Doktortitel. Also begann Kristin, ihre akademischen Weihen herunterzuspielen. Nur noch ganz hinten im Lebenslauf, bei der Schulbildung, taucht die Promotion auf. Klein und unbedeutend soll sie wirken.

Kristin ist kein Einzelfall. "Viele Leute verschweigen ihre Promotion, wenn sie sich bewerben", sagt Matthias Neis von der Gewerkschaft Ver.di in Berlin. "Sie merken, dass insbesondere für Einstiegspositionen ein Doktor oft hinderlich ist."

Außerhalb der Uni kann man mit dem Doktortitel Schiffbruch erleiden

In Deutschland gibt es derzeit so viele Doktoranden wie nie. Mehr als 200.000 sind es laut Statistischem Bundesamt. Während 1993 noch rund 21.000 Promotionen im Jahr abgeschlossen wurden, waren es 2010 schon fast 26.000. Ein noch stärkerer Anstieg in den kommenden Jahren zeichnet sich ab.

Offenbar ist vielen hoffnungsfrohen Promovenden nicht klar, dass sie außerhalb der Uni Schiffbruch erleiden könnten mit ihrem Doktortitel. Auch Kristin nicht: "Ich habe die Promotion als Zusatzqualifikation betrachtet", sagt sie. "Ich glaubte, damit einen Karriereschritt zu machen."

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Die meisten Absolventen halten die Promotion offenbar für ein Vehikel, der Uni erfolgreich zu entfliehen. Eine Karriere auf dem Campus wünscht sich jedenfalls nur einer von zehn, heißt es in einer Verdi-Studie.

Für hochspezialisierte oder forschungsintensive Fächer wie Medizin, Jura, Biologie, Chemie und Ingenieurwissenschaften stimmt die alte Vorstellung auch noch; hier erhöht der Doktortitel tatsächlich die Chance auf einen besseren Job sowie höheres Gehalt. Aber in den Sozial- und Geisteswissenschaften erweist er sich oft als Stolperstein. "Die Leute in diesen Bereichen haben sehr oft schwierige Übergänge", sagt Neis, "an eine Promotion schließen sich dann noch einmal drei, vier Jahre in prekären Beschäftigungen an."

Promotion - eine Etappe auf dem Weg zur Professur

Prekär, das heißt für die promovierten Berufseinsteiger nicht nur: befristet und schlecht bezahlt. Es heißt auch: unter ihrem akademischen Niveau, wo kein Mensch einen Doktor der Philosophie oder Kunstgeschichte braucht.

Das hat auch Benjamin erlebt. Die vergangenen zehn Jahre hat der heute 29-Jährige an der Uni verbracht, erst als Biologiestudent, dann als Philosophiedoktorand. 2008, zu Beginn seiner Promotion, herrschte Krise, der Arbeitsmarkt war schlecht, Hochschulen galten als sicheres Nest. Derzeit bewirbt er sich auf Jobs, deswegen mag auch er seinen richtigen Namen hier lieber nicht lesen. Öffentlichkeitsarbeit in einem Unternehmen würde ihm gefallen. Doch in einer PR-Agentur wurde Benjamin gesagt, dass Fertigkeiten zählten, Titel nicht. Und eine Stelle, auf die er sich beworben hatte, ging an eine Mitbewerberin - ohne Doktorgrad. "Wenn ich von Anfang an gewusst hätte, dass ich dahin will, wäre eine Promotion sicherlich entbehrlich gewesen und praktische Erfahrungen hilfreicher", sagt er jetzt.

An der Uni mag Benjamin aber auch nicht bleiben. Schließlich ist es auch dort für Sozial- und Geisteswissenschaftler am härtesten. "Die Promotion ist für wissenschaftlich Interessierte in diesen Fächern eine Etappe auf dem Weg zur Professur", sagt der Darmstädter Soziologe und Eliteforscher Michael Hartmann. "Aber es gibt zu diesen Themen nicht genug Stellen in Forschung und Lehre."

Während Studenten- und Doktorandenzahlen gestiegen sind, ist die Anzahl der Professuren, die die Promovierenden betreuen dürfen, in Deutschland zwischen 1995 und 2011 kaum größer geworden.

Warum viele ihre akademische Laufbahn abbrechen

Das zwingt viele, die akademische Laufbahn abzubrechen, obwohl ihnen der Job auf dem Campus eigentlich Spaß bringt. "Wir benötigen 7000 zusätzliche Professorenstellen, um dem wissenschaftlichen Nachwuchs Perspektiven zu geben", sagt Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes.

Um die Risiken zu minimieren, hätte Kristin im Nachhinein lieber einen festen Job gehabt und versucht, nebenbei zu promovieren. Den Gewinn, den die Promotion, diese intensive Vertiefung, ihr gebracht hat, möchte sie nämlich nicht missen: "Ich habe gelernt, kritisch zu denken und Dinge durchzuziehen", sagt sie.

Kürzlich traf Kristin sich mal wieder mit ihren Mitstreitern von damals. "Wir waren alle frustriert", erzählt sie. Dreißig der vierzig Doctores geht es heute beruflich schlechter, als sie es sich damals erhofft hatten. Einige haben ihre Stellen an der Uni aufgegeben, weil man mit dem Gehalt keine Familie ernähren kann.

Diejenigen, die es sich leisten können und unabhängig sind, wandern aus, nach Österreich, England, in die USA. Auch Kristin hat Deutschland aufgegeben. Sie fängt jetzt im Ausland neu an, sich zu bewerben: in der Schweiz. Und dieses Mal will sie endlich Erfolg haben.

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