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27. November 2007, 13:56 Uhr

Protest gegen Holocaust-Leugner

Oxford tanzt gegen Irving

Von Philip Oltermann, Oxford

Eine Uni-Stadt begehrt auf: Hunderte Demonstranten haben in Oxford gegen den Auftritt des Holocaust-Leugners David Irving und eines rechtsextremen Politikers protestiert. Die Streit- und Debattenkultur Oxfords lebt - auf den Strassen.

Als Nick Griffin, der Vorsitzende der rechtsextremen Partei BNP, gegen zehn Uhr mit seinen Leibwächtern die Bühne des Debattierclubs der Oxford Union betritt, hört man draußen die Rufe der Demonstranten. "Oxford Union – shame on you", rufen sie in der New In Hall Street.

Griffin zeigt Richtung Fenster und sagt: "Das ist ein Mob, der über Leichen gehen würde. Wären sie in Nazideutschland aufgewachsen, wären aus ihnen prächtige Nazis geworden." Wie er zu der Aussage kommt, fragt ihn keiner in diesem Augenblick. Leider.

Die 500 Aktivisten vor dem Fenster sehen friedlich aus. Junge Männer mit bunten Collegeschal, ältere Damen mit Plakaten, auf denen "Stop the Fascist BNP" steht. Musiker mit Dreadlocks und Gitarre, sie singen "Give Peace a Chance ". Gegen 20 Uhr erscheinen zwar vermummte Jugendliche auf der Cornmarket-Straße im Stadtzentrum auf und marschieren zur Union. Aber es sind kaum mehr als 20 Leute, die bald von Polizisten auf Pferden verscheucht werden.

"Ich lehne alles ab, was Sie sagen"

Plötzlich taucht eine Nationalflagge, der Union Jack, inmitten der protestierenden Masse auf. Haben BNP-Mitglieder den Hauptzug infiltriert? Tatsächlich sind es drei jüdische Studenten. Sie finden, dass "wir uns nicht von Leuten wie Nick Griffin erzählen lassen sollten, wer Patriot ist". Ein Zug von Studentinnen, die zwar gegen Irving, aber für die Debatte eintreten, trägt ein Banner in den Händen: "Ich lehne alles ab, was Sie sagen, aber ich werde Ihr Recht, es zu sagen, mit meinem Leben verteidigen!", steht darauf - der Klassiker von Voltaire. Die Streit- und Diskussionstradition der Stadt Oxford lebt - auf den Strassen.

Irgendwann, noch bevor Griffin und Irving auf der Bühne stehen, schafft es eine lärmende Menge am Haupteingang, die Sicherheitskräfte abzulenken. Dreißig Demonstranten entern den Diskussionssaal. Die Eindringlinge verbarrikadieren sich hinter einem Klavier, spielten "Jingle Bells" und tanzen auf dem Diskussionspodium. Sicherheitskräfte vertreiben die Demonstranten aus dem Haus. Aus Sicherheitsgründen findet die "Debatte" mit Griffin und Irving dennoch in zwei Nebenräumen statt – mit zweieinhalb Stunden Verspätung und weitaus weniger Zuschauern als geplant.

Der Eingang zum Comedy-Club?

Eine echte Debatte ist es nicht. Nick Griffin vergleicht sich mit Kopernikus. David Irvings Auftreten ist noch bizarrer: Mit einer Kugel und Eisenkette spaziert er in den Debattiersaal. In getrennten Räumen sprechen die beiden etwa zehn Minuten über Meinungsfreiheit, dann ist ihr Auftritt auch schon zu Ende. Luke Tryl, der Präsident der Oxford Union, spricht vor laufenden Kameras von einem Erfolg. Der Debattierclub gehört nicht zur Uni und hat auch nichts mit der Oxford Student Union, der Studentengewerkschaft der Universität, zu tun.

"Die beste Art, sich mit Faschismus zu befassen, sind Debatten", sagt Tryl. "Durch das Debattieren haben wir sie geschlagen. David Irving sah schwach aus. Die Fehler in seinen Argumenten sind aufgedeckt worden." Wer genau diese Fehler aufgedeckt hat, das bleibt Tryls Geheimnis.

Dann verabschiedet sich der Präsident des Debattierclubs und verschwindet hinter einer Gruppe von Sicherheitsbeamten. Ein Student versucht ihm zu folgen, wird aber von Polizisten gestoppt. "Ich wollte nur wissen, ob dies der Eingang zum Comedy-Club ist?", sagt der Student. Keine unberechtigte Frage.

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