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Allgemeinmedizin: Studenten kämpfen für Wahlfreiheit im PJ

Foto: Carsten Koall/ Getty Images

Hausarzt-Pflicht für Medizinstudenten Aufstand der Arztanwärter

Ginge es nach den Gesundheitsministern der Länder, müssten alle Medizinstudenten vier Monate in Hausarztpraxen verbringen. Dann wäre es vorbei mit der Wahlfreiheit im Praktischen Jahr. Die Politik will so mehr Landärzte rekrutieren - doch selbst Allgemeinmediziner halten davon nichts.
Von Heike Sonnberger

Medizinstudenten und Ärzteverbände wehren sich gegen Pläne der Gesundheitsminister, die Wahlfreiheit im letzten Jahr des Medizinstudiums abzuschaffen. Angehende Ärzte wären dann verpflichtet, ein Drittel des Praktischen Jahres (PJ) in einer Hausarztpraxis zu verbringen. Bisher dürfen sie ihr drittes Fachgebiet frei wählen, Innere Medizin und Chirurgie sind vorgeschrieben.

Der Passus könnte schon bald in die Approbationsordnung für Ärzte aufgenommen werden, die die Medizinerausbildung regelt und derzeit im Bundesrat neu verhandelt wird. In dem Entwurf, den das Bundesgesundheitsministerium dem Bundesrat vorgelegt hatte, ist zwar von einem viermonatigen Pflichtabschnitt in der Allgemeinmedizin keine Rede.

Doch das nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium von Barbara Steffens (Grüne) hatte einen entsprechenden Antrag gestellt, dem ihre Länderkollegen im Februar zustimmten. Am 11. Mai soll sich das Plenum des Bundesrats mit dem Thema befassen.

Im Vordergrund steht dabei der Ärztemangel auf dem Land. Das verpflichtende Tertial in der Allgemeinmedizin solle der "Gewinnung hausärztlichen Nachwuchses" dienen, sagte ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums.

Ob sich per Druck auf die Studenten allerdings mehr Landärzte rekrutieren lassen, ist fraglich. "Zwang schreckt ab", sagte Hormos Salimi Dafsari, Sprecher der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd).

Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

Die Studentenvertreter fordern zusammen mit fast 20 medizinischen Fachgesellschaften und Verbänden, dass das Wahltertial erhalten bleibt. Nur so könnten Studenten ein Fachgebiet richtig kennenlernen, in dem sie später vielleicht arbeiten wollen. Falle diese Möglichkeit weg, würde das den Nachwuchsmangel in vielen wichtigen medizinischen Fachbereichen verstärken.

Selbst bei der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin glaubt man nicht, dass Studenten zu vier Monaten in einer Hausarztpraxis verdonnert werden sollten. "Wir sind dafür, dass es nach wie vor ein Wahlfach gibt", sagte Vizepräsidentin Erika Baum. Die Gesellschaft schlägt vor, als Kompromiss einen nur dreimonatigen Pflichtabschnitt einzuführen. Das PJ solle dafür im Herbst 2018 erstmals in vier Abschnitte aufgeteilt werden statt derzeit in drei.

Die Bedenken der Studentenvertreter und Fachgesellschaften, dass Hausarztpraxen die aufwendige Ausbildung der Studenten nicht stemmen könnten, wies Baum zurück. Es sei durchaus realistisch, dass die Praxen die jährlich rund 10.000 angehenden Ärzte für drei Monate betreuen. Allerdings müssten sie dafür auch angemessen honoriert werden.

"Unvertretbare Arbeitszeiten"

Was ein sogar viermonatiger Pflichtabschnitt in der Allgemeinmedizin die Länder kosten würde, ist noch offen. Bis Ende April berät der Finanzausschuss des Bundesrates über die Änderung der Approbationsordnung. Der Kulturausschuss, in dem die Bildungs- und Wissenschaftsminister der Länder sitzen, hatte sich zuvor gegen das ungeliebte Zwangstertial ausgesprochen.

Sollte das Plenum im Mai tatsächlich dafür stimmen, könnte das Bundesgesundheitsministerium noch verhindern, dass die Verordnung in Kraft tritt. Offiziell wollte sich ein Sprecher nicht dazu äußern, ob Minister Daniel Bahr (FDP) gegebenenfalls einschreiten würde.

Denn in dem Entwurf, den sein Ministerium zur Beratung in den Bundesrat gegeben hatte, hatte er andere Pläne als jetzt die Gesundheitsminister der Länder: In dem Papier werden die Universitäten angehalten, zunächst nur jedem zehnten Studenten einen PJ-Platz in der Allgemeinmedizin anzubieten. "Bereits eine Quote von zehn Prozent bedeutet eine Verdreifachung der gegenwärtig angebotenen PJ-Plätze", heißt es. Interesse bestehe bei 12 bis 15 Prozent der Studenten. Viele, die vier Monate in einer Hausarztpraxis arbeiten möchten, gehen also derzeit leer aus.

Das Interesse wäre noch größer, wenn sich etwas an der Arbeitswelt von Hausärzten ändern würde, sagte Christian Kraef, 22, Koordinator für Gesundheitspolitik bei der bvmd. Auf dem Land seien sie als Einzelkämpfer unterwegs, stünden Tag und Nacht auf Abruf, und eine eigene Familie lasse sich nur schwer mit dem Job vereinbaren.

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