Proteste in Chile Küssen, tanzen, randalieren

Solche Demonstrationen gab es in Chile seit Jahrzehnten nicht: Zehntausende Schüler und Studenten wehren sich gegen hohe Bildungsgebühren und kaum bezahlbare Studiengänge. Arbeiter, Lehrer, Professoren stehen an ihrer Seite. Die Regierung gerät zunehmend unter Druck.

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Die Jugendlichen, die durch Santiagos Regierungsviertel rennen, sind keine normalen Jogger: Einer von ihnen trägt eine schwarze Fahne, "Kostenlose Bildung jetzt" steht darauf. Wie Zehntausende andere Schüler und Studenten protestieren sie in Chile für ein gerechteres Bildungssystem. 75 Tage lang wollen sie abwechselnd ununterbrochen um den Präsidentenpalast La Moneda kreisen.

Seit Mitte Mai gehen sie in Chile auf die Straße. Sie besetzen ihre Schulen und Fakultäten und versuchen, mit kreativen Aktionen Aufmerksamkeit zu erzeugen. Mal führten 2000 Studenten vor dem Präsidentenpalast "Thriller" von Michael Jackson auf, mal veranstalteten sie eine Wasserschlacht oder einen Massen-Küss-Marathon. Als der Bildungsminister ankündigte, die Winterferien vorzuverlegen, in der Hoffnung, so die Proteste zu zerstreuen, zeigten mehrere hundert Schüler und Studenten auf ihre Art, was sie davon hielten: Sie breiteten ihre Handtücher auf der zentralen Plaza de Armas aus und machten ihn kurzerhand zum Strand.

Es sind die größten Proteste, die das Land seit seiner Rückkehr zur Demokratie 1989 gesehen hat. Auch am Donnerstag gingen allein in der Hauptstadt an die 100.000 Menschen trotz Regens auf die Straße. Sie fordern eine grundlegende Reformierung des weitgehend privatisierten Bildungssystems. Profitorientierte Privatunis und der Rückzug des Staates haben das Studieren in den letzten 20 Jahren enorm teuer gemacht und das öffentliche Schulsystem ausgetrocknet.

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Proteste in Chile: Gute Bildung - und zwar umsonst!
Bislang waren die Proteste weitgehend friedlich. Doch am Rande der letzten Großdemonstrationen gingen gewaltbereite Demonstranten und Sicherheitskräfte aufeinander los. Demonstranten bauten Barrikaden, zündeten Autos an, warfen mit Steinen - die Polizei setzte massiv Tränengas und Wasserwerfer ein. Auch am Donnerstag lieferten sich Polizei und einige Randalierer ein Katz-und-Maus-Spiel in der Innenstadt, während die Masse der Demonstranten die Straßen friedlich zu einem Meer aus Regenschirmen machte.

6000 Euro Studiengebühren

Inzwischen steht ein großer Teil der Bevölkerung hinter den Studenten. Lehrer, Professoren, Eltern, Gewerkschaften und Arbeiter protestieren mit. Die Unterstützung zeigt sich auch in den abendlichen sogenannten Cacerolazos, bei denen Bürger in der ganzen Stadt auf Töpfe und Pfannen schlagen. Ein deutliches Symbol der Solidarität - die Protestform schweißte die Chilenen schon unter dem Pinochet-Regime zusammen.

Das beeindruckte auch Raphael Bauer, 23, der seit Ende Juli in Santiago ist, um ein Auslandssemester zu machen. "Die Menschen machten am Abend die Fenster auf und veranstalteten stundenlang einen Höllenlärm", sagt er.

Die Kurse hätten für den BWL-Studenten eigentlich schon Anfang August losgehen sollen, aber auch seine Fakultät ist besetzt. Zwar mache er sich Sorgen, dass er sein Semester in Deutschland nachholen muss, aber er kann die Proteste gut verstehen. "Ich konnte es kaum glauben, als mir ein Chilene hier im Wohnheim erzählte, dass er 6000 Euro im Jahr für sein Studium zahlt", sagte Bauer.

Profitorientiertes Bildungssystem

Chile befindet sich seit 30 Jahren auf einem rigiden Privatisierungskurs - auch im Bildungsbereich. Noch unter Pinochet wurde 1981 die kostenlose Hochschulbildung abgeschafft und die Kosten für das Schulwesen auf Städte und Gemeinden abgewälzt. Zu Beginn der Neunziger wurde das Bildungssystem dann für den freien Markt geöffnet. Auch die nachfolgenden eher linken Regierungen änderten daran wenig.

Die Folge: Private Bildungseinrichtungen boomten. 60 Prozent der Studenten gehen heute zu privaten Hochschulen. Die dürfen zwar offiziell keinen Profit machen, doch es ist kein Geheimnis, dass viele sich armrechnen und sogar noch Subventionen vom Staat kassieren.

Gerade noch 25 Prozent des Bildungssystems sind öffentlich finanziert. 838 Dollar geben die öffentlichen Kassen laut einer OECD-Studie im Jahr pro Student aus. Der OECD-Schnitt liegt zehn Mal so hoch. In keinem anderen Land finanzieren die privaten Haushalte einen höheren Anteil des Bildungssystems als in Chile.

Präsident unter Druck

Bildung sei immer noch weitgehend abhängig vom Geldbeutel, sagt Leslie Wehner, Forscher am Hamburger Giga Institut für Lateinamerika-Studien. Der Chilene kennt das Bildungssystem aus eigener Erfahrung. "Die Reichen schicken ihre Kinder natürlich auf die besten Schulen und Unis", sagt er. Aber auch an den staatlichen Unis müssten die Studenten Studiengebühren von mehreren tausend Euro im Jahr zahlen, weil diese kaum noch Geld vom Staat bekommen. Studentenjobs seien selbstverständlich, staatliche Darlehen oder Bankkredite ließen sich kaum umgehen. "Viele Studenten starten deshalb mit hohen Schulden in den Beruf", sagt Wehner. "Das System erhält die soziale Ungleichheit." Chile gehört trotz stetigem Wirtschaftswachstum zu den Ländern mit der höchsten Einkommensungleichheit weltweit.

"Wir fordern ein Grundrecht auf eine kostenlose und hochwertige Bildung für alle Chilenen und ein Ende der Profite der privaten Bildungseinrichtungen", sagt Camilla Vallejo. Die 23-jährige Geografiestudentin und Vorsitzende des chilenischen Studentendachverbandes (Confech) ist die charismatische Führungsfigur der Studentenproteste. Mit ihrem kämpferischen Auftreten fordert sie Präsident Sebastián Piñera heraus.

Dessen Mitte-rechts-Regierung - die erste seit der Diktatur - gerät durch die breiten Proteste zunehmend in Bedrängnis. Als ehemaliger Wirtschaftsmagnat und einer der reichsten Männer Lateinamerikas ist er naturgemäß ein rotes Tuch für die Studentenbewegung, die mit ihrem Protest auch ihren Unmut über den jahrzehntelangen neoliberalen Kurs ihres Landes ausdrückt.

"Nichts im Leben ist kostenlos"

Seine Zustimmung im Volk liegt laut einer Umfrage bei historisch niedrigen 27 Prozent. Seinen ersten Bildungsminister, der vor seinem Amtsantritt selbst eine private Universität besaß, musste Piñera schon in ein anderes Ressort versetzen. Seinen neuen Minister Felipe Bulnes ließ er einen 21-Punkte-Plan für die Bildung vorlegen. Der sieht unter anderem die Gründung einer Behörde zur Sicherung der Bildungsqualität vor. Doch die Studenten lehnten den Plan ab. Sie halten ihn streckenweise für reine Kosmetik.

Piñera brachte das Gesetzespaket trotzdem ins Parlament ein. Sein Kommentar zu den Forderungen der Studenten: "Nichts im Leben ist kostenlos, irgendjemand muss immer bezahlen."

Kein Wunder, dass die Studenten Gesprächsangebote ablehnten. Man werde weiter mobilisieren und notfalls auf einem Volksentscheid beharren, sagte Vallejo am Mittwoch in einer Fernsehsendung.

Minister Bulnes versuchte am Mittwoch vor der Demonstration, die Studenten noch einmal zu besänftigen. Mehr Studenten sollten Zugang zu Bildungsdarlehen erhalten, die Zinsen dafür sinken. Doch Studentenführerin Vallejo lehnte auch dieses Angebot ab: "Wir wollen das System nicht verbessern, es muss grundlegend geändert werden."

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tigrerayado 22.08.2011
1. Wohin?
Eine zentrale Frage muß sich die Regierung gefallen lassen: Wie soll Chile eigentlich den Anschluß an die Industrienationen (das ist das Ziel bisher aller Regierungen nach dem Ende der Diktatur) schaffen wenn weite Teile der Bevölkerung keinen Zugang zur entsprechender Bildung haben. Bei derartigen Staatszielen ist dann auch der Staat gefragt und das läßt sich nicht auf den Markt abwälzen. Das so üppig dotierte Militär wird ja auch nicht privatisiert.
donvito85 22.08.2011
2. .
Wird auch mal langsam Zeit, dass die Menschen in Chile sich wehren... Die Schere arm/reich ist in Chile immer noch ziemlich weit auseinandergerissen, trotz aller angeblichen wirtschaftlichen Erfolge dort... Nicht nur das, der Klassismus der in Chile immer noch vorherrscht ist absolut ekelhaft und verabscheubar... Das erste Ziel der Bildung in Chile ist es nicht dem Chilenen eine gute Bildung zu geben, sondern das erste Ziel der Bildungsinstitute ist es Gewinn zu machen... Insgesamt schien Chile immer auf den richtigen Weg zu sein, aber man muss beachten, die angeblich rechtskonservative Regierung in Chile ist im Vergleich zu Deutschland nicht rechtskonservativ, sondern eher rechtsextrem, ultra neoliberal und stark religiös angehaucht... eine der beiden rechten Parteien (UDI) würde in Deutschland höchstwahrscheinlich vom Verfassungsschutz beobachtet werden...
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