Prüfungs-Panik Rettung vor dem Blackout

Der Kopf ist leer, die Hände sind feucht, im Bauch rumort es. Die mündliche Prüfung ist für viele Studenten der reinste Horror. Im Interview gibt die Kommunikationsberaterin Dorothee Meer Tipps, wie man die Panikwelle bremst und einen klaren Kopf behält.


SPIEGEL ONLINE: Wieso werden so viele Studenten vor mündlichen Prüfungen von Panikattacken heimgesucht?

Dorothee Meer: An der Uni ist die mündliche Prüfung kaum ein Thema. Professoren gehen in Seminaren oder Sprechstunden selten darauf ein, die Studenten müssen selbst herausfinden, wie die Prüfung abläuft. Das ist aber oft gar nicht so einfach. Man kann ja schlecht in die Sprechstunde gehen und fragen: "Was kommt denn dran?" Darauf bekommen Studenten keine Antwort.

SPIEGEL ONLINE: Wie bekommt man es dann heraus?

Meer: Studenten sollten ihre Prüfer durchaus fragen, was in der mündlichen Prüfung passiert und was erwartet wird. Nur kommt es auf die richtige Formulierung an: Man könnte beispielsweise sagen, dass es die erste mündliche Prüfung ist und man keine genaue Vorstellung hat, wie sie ablaufen wird. Oder dass man wissen möchte, wie der Professor die Prüfung in der Regel gestaltet. Man sollte auch versuchen, das Thema einzugrenzen. In vielen Fächern ist das nicht selbstverständlich.

SPIEGEL ONLINE: Ein Blackout ist für Examenskandidaten ein Alptraum. Was kann man tun, um das zu vermeiden?

Meer: Studenten üben während ihres Studiums in der Regel nicht, wie sie wissenschaftliche Inhalte strukturiert präsentieren. Deswegen haben viele solche Angst vor mündlichen Prüfungen. Das freie Sprechen kann man aber trainieren, etwa indem man sich zu Hause selbst Vorträge hält. Das wirkt am Anfang zwar komisch, hilft aber ungemein. Gut ist es auch, sich schon während der Vorbereitung in die Situation des Prüfers zu versetzen: Wie würde ich einsteigen, wenn ich Prüfer wäre? Was würde ich als nächstes fragen? Solche Fragen kann man im Vorfeld auch mit Freunden durchspielen.

SPIEGEL ONLINE: Prüfer machen oft den Eindruck, als wüssten sie zu Prüfungsbeginn selbst noch nicht, wohin die Reise geht. Ist es als Student möglich, die Prüfung selbst zu gestalten und zum Beispiel bestimmte Stichwörter fallen zu lassen, auf die der Prüfer dann einsteigt?

Meer: Als Kandidat hat man zwar indirekt Einfluss auf die Prüfung, aber es gelingt in der Regel nicht, den Prüfer gezielt auf bestimmte Stichworte zu bringen. Die Studierenden sollten vielmehr möglichst umfassend antworten. Je mehr Wissen sie zur Verfügung stellen, desto eher fragt der Prüfer in diese Richtung weiter. Umgekehrt gilt: Je weniger man sagt, desto geringer ist der Einfluss. Viele Studenten machen in mündlichen Prüfungen da weiter, wo sie in Seminaren aufgehört haben - sie geben nur kurze, knappe Antworten, haben eine Art Schweigementalität. Das ist aber Unsinn, denn so geben sie dem Prüfer Raum, alle möglichen Fragen zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Was tun, wenn man auf eine Frage partout keine Antwort weiß - ist es legitim, eine Weile zu überlegen?

Prüfungs-Panik: "Den Vortrag zu Hause üben - wirkt komisch, hilft aber"
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Prüfungs-Panik: "Den Vortrag zu Hause üben - wirkt komisch, hilft aber"

Meer: Hochschullehrer neigen zu Ungeduld und interpretieren langes Zögern oft als Inkompetenz. Prüflinge, die langsam antworten, haben es in der Prüfung häufig schwer. Kann man eine Frage nicht beantworten, sollte man das unumwunden zugeben – einfach irgendetwas zu antworten, macht Prüfer eher wütend. In manchen Fällen weiß man auch nicht genau, was der Prüfer meint. Dann würde ich vorsichtig antworten, in dem Stil: "Verstehe ich Sie richtig, dass...?"

SPIEGEL ONLINE: Welcher Zeitraum ist als Vorbereitung auf die mündliche Prüfung ideal?

Meer: Ich empfehle, den Stoff eine bis vier Wochen lang in kleinen Häppchen zu lernen. Die Strategie, in zwei Nächten alles Wissen ins Kurzzeitgedächtnis zu pauken, ist ebenso kontraproduktiv, wie zwei Jahre auf eine Prüfung hinzulernen. Das ist übertrieben. Allerdings gilt: Je systematischer man sich im Laufe eines Semesters oder eines noch längeren Zeitraumes den Stoff aneignet, desto besser funktioniert es, das neue ins vorhandene Wissen zu integrieren. Schließlich ist es in mündlichen Prüfungen sehr wichtig, den Stoff von verschiedenen Blickwinkeln aus zu betrachten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Strategien, mit denen man unerträgliche Nervosität vor Prüfungen überspielen kann?

Meer: Ich bin nicht sicher, ob das sinnvoll ist. Die Professoren rechnen damit, dass Studenten nervös in die Prüfung kommen. Solange die Prüflinge handlungsfähig bleiben, braucht man auch nicht gegen die Angst anzugehen. Oft ist sie nach den ersten beiden richtigen Antworten weg. Warum sonst fragen die Studenten nach der Prüfung erstaunt: "Wie? Die Zeit ist schon um?" Meist muss man nur die ersten Minuten hinter sich bringen. Betont cool und lässig zu sein, das geht oft nach hinten los.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Dresscode, den man unbedingt einhalten sollte?

Meer: Mützen und bauchfreie Tops sind in Prüfungen sicher nicht die beste Wahl. Ansonsten ist es sehr abhängig von Fach und Prüfer: Bei Juristen ist es selbstverständlich, mit Kostüm oder Anzug zur Prüfung zu kommen. In den Geisteswissenschaften kann das unangemessen sein. Am besten, man orientiert sich daran, wie der Prüfer selbst gekleidet ist und welche Erfahrungen Kommilitonen haben. Mit einem Blazer und einer Jeans können Sie eigentlich nicht falsch liegen.

Das Interview führte Britta Mersch



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