Prüfungspfusch Medizinstudent kassiert 100.000 Euro Schadenersatz

Falsche Examensnoten können für die Verantwortlichen teuer werden. Ein Medizinstudent, der wegen einer Bewertungspanne der Prüfer durchfiel und erst mit fünf Jahren Verspätung Arzt werden konnte, erhält jetzt den Verdienstausfall erstattet - kein Einzelfall.

Gut zehn Jahre lang zog sich der Rechtsstreit hin und landete vor mehreren Gerichten, nun hat ein ehemaliger Medizinstudent endlich Gewissheit: Wegen falscher Prüfungsnoten regnet es Schadenersatz, und das nicht zu knapp. Weil er den Berufsstart um Jahre verschieben musste, bekommt der heutige Arzt seinen Verdienstausfall mit genau 102.258,38 Euro plus Zinsen erstattet, wie das Oberlandesgericht Koblenz am Mittwoch mitteilte.

Die Summe scheint rekordverdächtig, aber die juristische Argumentation ist einleuchtend. Denkbar knapp war der Nürnberger Student 1990 beim Examen gescheitert. Doch als er die Bewertung überprüfte, stieß er auf Ungereimtheiten. Wegen falscher Benotung seines Examens zog er vor Gericht und klagte auf Schadenersatz. Und tatsächlich urteilte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof bereits 1995, zwei der Antworten auf insgesamt 580 Fragen seien fehlerhaft bewertet worden, und der Mann habe die Abschlussprüfung bestanden.

Bis Richter jetzt über die Schadenersatz-Höhe entschieden, musste sich der Student lange gedulden und eine Reihe weiterer Verhandlungen abwarten. Schließlich bestätigte der Bundesgerichtshof das Urteil aus Bayern und erkannte den Anspruch auf Erstattung des Verdienstausfalls an, ebenso wie das Oberlandesgericht Koblenz (Az. 1U 843/99). Denn statt bereits 1992 konnte der Prüfungskandidat erst 1996 als Arzt im Praktikum antreten und ist inzwischen Arzt.

Am Mittwoch mussten die Koblenzer Richter nur noch die Summe des Verdienstausfalls festsetzen. "Dabei gingen sie von der Überlegung aus, wie viel der Kläger verdient hätte, wenn ihm mit sofort bestandenem Examen ein normaler Berufsstart gelungen wäre", erläutert ein OLG-Sprecher. Die Einnahmen des Studenten prüften sie allerdings sehr detailliert nach, hielten mehrere Angaben für unglaubwürdig und kontrollierten sie.

Reichlich kuriose Fälle

Die Examensaufgaben formuliert hatte das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen. Das IMPP ist bundesweit für Medizin-Prüfungen zuständig. Pannen können dabei vorkommen, wie auch andere Gerichtsentscheidungen zeigen. So war ein weiterer Medizinstudent 1991 knapp an der ärztlichen Vorprüfung im Multiple-Choice-System gescheitert, weil ihm eine einzige richtige Antwort fehlte. Gerichte stellten allerdings fest, dass eine Frage mehrdeutig formuliert war und - entgegen der Regel - mehrere korrekte Antworten zuließ.

Grundsätzlich müsse das IMPP, wenn es seine Amtspflicht mit einer fehlerhaften Prüfung verletze, auch für Verdienstausfall aufkommen, entschied der Bundesgerichtshof 1998 (Az. III ZR 87/97). Dem Kläger selbst nützte das jedoch nichts: Er war später sowohl an den Wiederholungsprüfungen als auch am Medizin-Examen gescheitert und hatte auf Zahnmedizin umgesattelt. Deshalb sei er offenkundig für den Arztberuf ungeeignet und die Fehlentscheidung bei der Vorprüfung nicht kausal für seinen Verdienstausfall, so die Richter. Und so kam das IMPP mit einem blauen Auge davon.

Über die Ansprüche von Studenten bei Prüfungsmängeln gibt es inzwischen zahlreiche Urteile. So beschäftigten sich Richter in den letzten Jahren zum Beispiel mit einer schlechten Note im Jura-Examen wegen schwer lesbarer Handschrift, mit zu langen Prüfungen und höhnischen Bemerkungen eines Professors.

Ebenfalls vor Gericht: Ein gelangweilter Hochschullehrer, der in der Prüfung fachfremde Bücher las. Mehrmaliges lautes Türschlagen oder Baulärm während des Termins. Klausur-Korrektur durch einen Assistenten statt durch den Professor. Oder unzulässige Fragen - in einer Jura-Prüfung darf zum Beispiel nicht gefragt, wo der Staat Mali liegt und wie seine Hauptstadt heißt.

Manche Prozesse sind schier endlos

Seit einigen Jahren haben Prüflinge, die gegen eine Benotung klagen, bessere Chancen als noch in den siebziger oder achtziger Jahren. Mittlerweile ziehen die Gerichte häufiger Sachverständige heran und legen strengere Maßstäbe an die Aufgabenstellung und Bewertung an - spätestens seit zwei Beschlüssen des Bundesverfassungsgerichts von 1991. Dabei entschieden die Karlsruher Richter zugunsten eines Mainzer Medizinstudenten (Az. 1 BvR 1529/84, 138/87).

Neben angehenden Mediziner zeigen sich besonders Jurastudenten überaus klagefreudig. Sie riskieren allerdings, dass sich ihre Prüfungsnoten nach Bewertung vor Gericht sogar noch verschlechtern. Und dass sich die Prozesse unfassbar lange hinziehen - wie im Fall eines Jurastudenten, der letztlich vor dem Oberlandesgericht Celle landete: Bereits 1980 war er beim ersten Staatsexamen gescheitert. Doch erst im September vergangenen Jahres fällten die Celler Richter die Entscheidung, dass er wegen fehlerhafter Bewertung seiner Prüfung Geld erhält (Az. 16 U 135/96).

Eine Hausarbeit zum Baurecht und eine Klausur waren mit null Punkten benotet worden, nach Auffassung der Richter klar "amtspflichtwidrig" und "schuldhaft fahrlässig". Immerhin 1500 Mark Schadenersatz plus Zinsen sowie 10.000 Mark Schmerzensgeld sprangen für den daraufhin psychisch erkrankten Ex-Studenten dabei heraus - 21 Jahre später.

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