Putin-Panne in Hamburg Ein diplomatisches Desaster

Wladimir Putin muss auf akademisches Lametta verzichten, die umstrittene Verleihung der Ehrendoktorwürde an Russlands Präsidenten ist geplatzt. Angeblich aus terminlichen Gründen hat die Universität Hamburg die Zeremonie abgesagt - nun wird bei den Hanseaten zum Eklat tapfer geschwiegen.


Nach dem diplomatischen Unfall um die vorerst gescheiterte Verleihung der Ehrendoktorwürde an den russischen Präsidenten Putin durch die Universität Hamburg halten sich die Beteiligten bedeckt. Die Universität verschanzt sich hinter angeblichen organisatorischen Schwierigkeiten. "Die Vorbereitungen hängen nicht nur von uns ab", sagte Uni-Vizepräsident Karl Werner Hansmann dem "Hamburger Abendblatt".

Putin (rechts, mit Schröder): Kein Lametta für den Präsidenten
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Putin (rechts, mit Schröder): Kein Lametta für den Präsidenten

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) wollte sich zu der Angelegenheit nicht äußern. "Es ist allein Sache der Universität, wem sie eine Ehrendoktorwürde verleiht und wem nicht", so ein Sprecher Beusts im "Abendblatt". Eine ähnliche Sprachregelung pflegt auch die Wissenschaftsbehörde, geleitet von Senator Jörg Dräger. "Die Verleihung von Ehrendoktorwürden gehört zum Kernbereich der akademischen Freiheit und fällt unter die Autonomie der Hochschulen", betonte Sprecherin Sabine Neumann gegenüber SPIEGEL ONLINE. Man wolle daher die Terminverschiebung ebenso wenig kommentieren wie den voraus gegangenen Vorschlag.

Die Universität Hamburg hatte am Dienstag die für den 10. September angesetzte Verleihung der Ehrendoktorwürde an den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin abgesagt - mit einer abenteuerlichen Begründung. "Die in solchen Fällen notwendigen Vorbereitungen können bis zu diesem Termin nicht mehr abgeschlossen werden", heißt es in einer Erklärung des Uni-Präsidiums und des Fachbereiches Wirtschaftswissenschaften. Zuvor hatten 67 Professoren eine Protestresolution gegen die Ehrung unterschrieben.

Verschiebung auf unbestimmte Zeit

Einen neuen Termin für die Verleihung der Doktorwürde gebe es nicht, erläuterte Peter Wiegand, Sprecher der Universität, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die Doktorwürde lasse sich nur innerhalb eines geeigneten Rahmenprogramms verleihen, und wann sich wieder ein solcher Rahmen ergeben wird, sei momentan nicht absehbar. "Es kann allerdings auch sein, dass sich ein geeigneter Kontext so bald nicht mehr ergibt", sagte Wiegand. Mit der Terminverschiebung sei eine neue Situation entstanden.

Schröder in St. Petersburg (April 2003): Der Kanzler hat den schmucken Hut bekommen
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Schröder in St. Petersburg (April 2003): Der Kanzler hat den schmucken Hut bekommen

Wahrscheinlich ist, dass Diplomaten in Deutschland und Russland nach den Protesten in Hamburg die Notbremse gezogen haben und die Universität Hamburg nun die Absage nach außen vertreten muss. Man wollte offenbar verhindern, dass lärmende Studenten und weitere Aufrufe von Professoren die Harmonie bei Putins Hamburg-Besuch stören könnten. Die russische Botschaft in Berlin hatte zwischenzeitlich mitgeteilt, man beobachte die Presseberichte über die Proteste in Hamburg "sehr aufmerksam". Und bereits vor zwei Wochen ließen Moskauer Diplomatenkreise verlauten, es sei unwahrscheinlich, dass Putin angesichts der öffentlichen Debatte die Ehrung überhaupt noch annehmen werde.

Der Putin-Besuch insgesamt steht nicht in Frage. Es soll dabei bleiben, dass das russische Staatsoberhaupt am 10. September zu Regierungskonsultationen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder nach Hamburg kommt. Die beiden Duzfreunde kennen und verstehen sich gut - voriges Jahr empfing Schröder in Putins Heimatstadt St. Petersburg einen Ehrendoktorhut. Der Präsident der Hamburger Uni, Jürgen Lüthje, gehörte damals zu Schröders Delegation. Im Gegenzug sollte nun Putin in der Partnerstadt Hamburg an der Reihe sein - bis Proteste von Professoren, Studenten und Menschenrechtsgruppen für einen Riesenwirbel sorgten.

"Ein beschämender Vorgang"

Das habe aber nicht zu der Kehrtwende geführt, behauptet Uni-Sprecher Wiegand: "Von unseren rund 700 Professoren haben nur rund 60 die Protestresolution unterschrieben. Das ist eine Minderheit." Allein "organisatorische Gründe" seien für die Terminabsage verantwortlich, die Verleihung lasse sich mit dem minutiösen Zeitplan des Putin-Besuches eben nicht vereinbaren.

Michael Greven, Politikprofessor und Initiator des Protestaufrufs, hält die von der Uni genannten Gründe für vorgeschoben: "Das ist ein peinlicher Abschluss eines für die Universität beschämenden Vorganges." Als Vorbereitung für die Verleihung müsse vor allem eine Begründung für die Laudatio erarbeitet werden - und die habe schon zum Zeitpunkt des Vorschlages in Grundzügen festgestanden.

Greven sieht die Verschiebung der Verleihung als Erfolg der Protestaktion. In ihrer Erklärung prangern die Professoren unter anderem den "in völkerrechtswidriger Weise geführte Tschetschenien-Krieg" sowie die Unterdrückung und Schikanierung von unabhängigen Medien und zivilgesellschaftlichen Organisationen an. Zudem habe Putin "keine herausragende wissenschaftliche Leistung" erbracht, die eine Verleihung der Ehrendoktorwürde im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften rechtfertigen würde.

"Maul halten"

Die von 67 Professoren unterzeichnete Petition hatte Greven Anfang des Sommers verfasst. Auch Studenten lehnten die Putin-Ehrung ab. Rund 4300 angehende Wirtschaftswissenschaftler gibt es an der Universität Hamburg, immerhin knapp 1400 beteiligten sich an einer Umfrage im Internetportal des Fachbereichs. Die Befragung ist zwar nicht repräsentativ, aber das Votum fiel deutlich aus: 55 Prozent waren gegen die Ehrung, nur 19 Prozent dafür. Das restliche Viertel äußerte keine klare Meinung zum "Dr. h.c." für Putin.

Manche Hamburger Politiker hatten sich dagegen in der Debatte um die Verleihung der Ehrendoktorwürde mächtig für Putin ins Zeug gelegt. "Wladimir Putin ist ein Freund Deutschlands", schrieben der ehemalige Erste Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) und der ehemalige Präses der Hamburger Handelskammer, Klaus Asche, in einem gemeinsamen Zeitungsbeitrag. "Ehrungen eines mächtigen Gastes als Zukunftsinvestition in friedlich-freundschaftliche Bezeihungen, womöglich ganz pfeffersäckisch zum eigenen Vorteil, gehören seit alters her dazu."

Schließlich sei der Ehrendoktor keine wissenschaftliche, sondern eine "dekorative Auszeichung", pflichtete ein anderer Ex-Bürgermeister, Klaus von Dohnanyi (SPD), bei. Den unliebsamen Kritikern gaben Voscherau und Asche einen pfeffersäckisch deftigen Rat mit auf den Weg: "Maul halten, vielleicht wächst bis Herbst Gras drüber." Mit dieser Strategie wird es nun nach der Terminverschiebung wohl nichts mehr.

Von Jan Friedmann und Jochen Leffers



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