Erfolgsstory Putzmann, 54, macht Uni-Abschluss

Nachts putzte er die Uni, tagsüber saß er in Seminaren - bis Michael Vaudreuil jetzt mit 54 Jahren in den USA seinen Bachelorabschluss machte. Es ist eine überraschende Wende in seinem Leben.

Michael Vaudreuil
Worcester Polytechnic Institute

Michael Vaudreuil


Er schien fast alles verloren zu haben: seine Arbeit, sein Haus, sein Auto. Der Amerikaner Michael Vaudreuil, von Beruf Stuckateur, gehörte in der Finanzkrise in den USA vor einigen Jahren zu den klaren Verlierern. Er ging bankrott.

Umso mehr wird der Mann aus Massachusetts in den amerikanischen Medien jetzt als Held gefeiert: weil er nicht aufgab und sich einen Traum erfüllte. Mit 54 Jahren schaffte er seinen Uni-Abschluss.

Michael Vaudreuil machte seinen Bachelor in Maschinenbau, nachdem er acht Jahre unter größten Mühen studiert hatte, berichtet die "Washington Post". Mitte Mai bekam er sein Zeugnis. "Ich habe mir immer vorgestellt, dass es sich großartig anfühlen würde. Aber es war sogar noch besser", sagte er nach der Zeremonie. Auf seinen Hut hatte er geschrieben: "Old Dog Has New Tricks" - ein alter Kerl hat neue Sachen drauf.

Dass er es einmal soweit schaffen würde, daran hatte Vaudreuil zunächst selbst kaum mehr geglaubt. "Ich bin Mitte 40 und habe alles verloren. Ich habe alles immer wieder versucht und bin gescheitert. Das ist es jetzt für mich", so dachte er damals nach seinem Bankrott 2008, erzählt Vaudreuil. Auch seine Mutter war gestorben.

Von 15 bis 23 Uhr: putzen, wischen, aufräumen

Lange Zeit suchte er vergeblich nach einer Stelle in einer Baufirma, aber er fand nur einen Job als Wärter an einer Hochschule, dem Worcester Polytechnic Institute. Im Spätdienst, von 15 Uhr bis 23 Uhr. Vaudreuils Aufgaben: Kreide von den Tafeln wischen, Müll aufsammeln, Toiletten, Waschräume und Flure putzen.

Vaudreuil verdiente nur noch halb so viel wie früher. Der Job war mäßig bezahlt und nicht gerade anspruchsvoll. Aber Vaudreuil wollte das Beste daraus machen und alle Vorteile mitnehmen, schreibt die Zeitung. Er durfte zum Beispiel gratis Kurse besuchen - und das tat er.

"Ich wollte meine Zeit sinnvoll nutzen und all das Schlimme vergessen", sagt Vaudreuil. Anfangs belegte er Seminare in Psychologie, später Kurse in Maschinenbau. "Das Lernen baute mich auf", erzählt er. "Nach einer Weile habe ich gemerkt, dass ich meinen Abschluss schaffen kann, wenn ich mich anstrenge. Ich habe gesehen, dass ich doch noch etwas aus meinem Leben machen kann, und ich wollte alles dafür tun."

Anfang der Achtzigerjahre hatte Vaudreuil schon einmal ein Zertifikat als Luftfahrtingenieur erworben, dann aber als Stuckateur gearbeitet, um für seine Familie zu sorgen. Jetzt wurde der Bachelor zu seinem Lebensziel.

Früh aufstehen, lernen, arbeiten, spät schlafen

So schlief Vaudreuil nur knapp fünf Stunden, stand frühmorgens auf, lernte für sein Studium, besuchte Kurse, ging nachmittags zur Arbeit. Dort räumte er hinter seinen jüngeren Kommilitonen her, mit denen er sonst in Seminaren saß. "Ich leide unter Schlaflosigkeit. In diesem Fall hatte das Vorteile", witzelte er gegenüber NBC News.

Einige Mathekurse erwiesen sich für Vaudreuil als echte Herausforderung. Aber er gab nicht auf, sondern brachte sich mithilfe von Erklärvideos auf YouTube das Nötige bei, unterstützt von seiner Frau, die als Lehrerin arbeitet. Bei der Zeugnisvergabe klatschte sie laut Applaus, ebenso wie Vaudreuils drei Kinder, seine Mitstudenten und die College-Präsidentin Laurie A. Leshin. Sie holte ihn auf die Bühne: "Wir sind so stolz auf dich, Mike."

fok



insgesamt 82 Beiträge
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Karl10 19.05.2016
1. Das Land
Das ist eben das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - nicht so eine Pseudokommunistisches Jammertal wie hier, in denen Wenige die ganzen Millionen Nichtstuer finanzieren.
mantrid 19.05.2016
2. Ingenieur ohne Studium?
Nach dem Erwerb eines Zertifikats durfe der Mann sich mal Luftfahrt-Ingenieur nennen! In den USA kann man anscheinend ganz ohne Hochschulstudium Ingenieur werden. Wenn das auch so in anderen Ländern gehandhabt wird, wundert mich manche Statistik nicht mehr, in denen Deutschland nicht so toll abschneidet. Dennoch sollten wir keine Ingenieurs-Zertifikate von der Volkshochschule anbieten. Trotzdem einen herzlichen Glückwunsch und meinem Respekt dem Neu-Bachelor.
Lisa_can_do 19.05.2016
3. keine große Ausnahme
bei meinem Studium in den USA an der Graduate-School waren ca. 80% meiner Kommilitonen in einem Job, Vollzeit. Grund: hohe Studiengebühren, arme Eltern. Der Unterricht war extrem effizient, sowohl von Prof- als auch von Seiten der Studenten. Jeder arbeitete aktiv mit, Jeder machte immer Hausaufgaben, Jeder forderte vom Prof aktive Unterstützung und jederzeit Sprechzeiten - und sie bekamen es. Nie wieder habe ich mit so viel Effizienz und Spaß studiert. Das lag unter anderem an den arbeitenden Studenten, die ihre Zeit nutzen und so viel wie möglich mitnehmen wollten. Es war auch angenehm, dass die Kommolitonen zumeist älter als 25 Jahre waren... Die hohen Studiengebühren waren jeden Cent wert. In Deutschland funktioniert das nicht. Mit ein bisschen Studiengebühren wird nur abgezockt und der Service für Studenten ist unterirdisch. Dann schon lieber gar keine Studiengebühren.
gabain 19.05.2016
4. Unerträgliche Arroganz
"......in denen Wenige die ganzen Millionen Nichtstuer finanzieren." Sie zählen sich wohl zu den Wenigen. Lassen Sie es doch einfach. Es geht auch ohne Sie. Ganz bestimmt!
Jolande9 19.05.2016
5. Übersetzungsfehler?
"Zertifikat als Luftfahrtingenieur" - ich mutmaße mal, dass damit ein "Certificate" = Diplom oder Abschluss gemeint ist? Dann wäre sein bisher höchster Bildungsabschluss ein (Fach-)Hochschulabschluss und nicht "Putzmann". Trotzdem hat er natürlich meine vollen Respekt für seine Leistung! Ebenso wie die zahlreichen Absolventen von deutschen Hochschulen, die nebenberuflich in fortgeschrittenem Alter ein Studium erfolgreich absolvieren. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten... wir haben hier in D zB. eine gute (leider wohl schlecht finanzierte) FernUniversitätsowie viele weitere Möglichkeiten des berufsbegleitenden Studiums - auch ohne Abitur. Da muss man gar nicht so weit über den Atlantik blicken.
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