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Ägyptische Jung-Rapperin: Da geht mir das Kopftuch hoch

Foto: Marwa Nasser

Jung-Rapperin aus Ägypten "Wir Mädchen haben die Schnauze voll"

Früher wollte sie ein Junge sein, denn als Mädchen durfte sie so gut wie nichts. Doch inzwischen ist die Ägypterin Majam Mahmud eine stolze Frau mit einer Menge Wut im Bauch. Die 18-Jährige rappt über Diskriminierung und sexuelle Belästigung. Und schlägt sogar auch mal zu.
Zur Person

Die ägyptische Studentin Majam Mahmud, 18, trat bei "Arabs Got Talent" an - und wurde im vergangenen Jahr weltweit bekannt als Sängerin mit Kopftuch. Bei der Castingshow ist sie zwar ausgeschieden, trotzdem rappt sie weiter und kämpft so für Gleichberechtigung.

SPIEGEL: Warum schreiben Sie Songs über Diskriminierung und sexuelle Belästigung in Ihrer Heimat?

Mahmud: Ich schreibe nicht über Politik, das machen genügend andere. Ich schreibe über Mädchenthemen, die gehen mich direkt an. Und es ist so, dass die Mädchen hier ganz einfach die Schnauze voll haben. Unser Alltag ist voller Stress. Ich glaube wirklich, dass die nächste Revolution eine Frauenrevolution sein wird. Ich schweige jedenfalls nicht, wenn mich ein Typ belästigt. Wenn er mich beschimpft, beschimpfe ich ihn. Mich hat mal einer angetatscht, den habe ich am Kragen gepackt und auf den Kopf gehauen. Der war total schockiert. Das Problem ist: Es gibt hier keine Gesetze gegen sexuelle Belästigung, und wir sollten auch nicht darauf warten. Wir müssen selbst aktiv werden. Es gibt eine iPhone-App, die "True Caller" heißt, dort kann man üble Typen anschwärzen. Das habe ich getan. Ich habe nichts gegen die Männer. Ich wünschte, ich könnte ihre Probleme lösen. Ich wünschte, ich könnte sie heilen - heilen von dem, was sie antreibt, uns weh zu tun.

SPIEGEL: Für viele Ägypter sind junge Frauen, die aufbegehren, eine Provokation. Hatten Sie keine Angst, von der Gesellschaft verurteilt zu werden?

Mahmud: Nein, ich habe keine Angst, anzuecken oder kritisiert zu werden. Niemand hat das Recht, über mich zu urteilen. Was soll man von einer Gesellschaft erwarten, die das Heiraten als höchstes Ziel für Mädchen erachtet; von Menschen, die dir auf der Straße hinterherrufen "Mögest du bald eine Braut werden"? Warum sagen diese Leute: "Weine nicht wie ein Mädchen" oder "Sie ist eine alte Jungfer"? Ich hasse das. Warum sehen sie einen unverheirateten Mann nicht als alte Jungfer an? Wenn ein Mädchen laut atmet, sagen sie dir, du sollst deinen Atem zügeln, um ja niemanden zu verführen! Unsere Gesellschaft zwingt den Mädchen eine gespaltene Persönlichkeit auf. Da heißt es einerseits "Du bewegst dich schön graziös" und andererseits "Du erregst Aufmerksamkeit". Oder: "Senke deinen Blick, aber blicke bezaubernd."

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SPIEGEL: Und um Ihrer Wut ein Ventil zu geben, haben Sie mit dem Rappen angefangen?

Mahmud: Es ist so: Ich schreibe Gedichte seit meinem achten Lebensjahr. Seit ich lesen kann, schenken mir meine Eltern Bücher. Und meine Mutter liebt die Poesie, sie hat mir viel über unsere Dichter beigebracht. Ich trage seit meiner Kindheit ein Notizbuch bei mir, schreibe über alles Mögliche, Dinge, die ich liebe, und Dinge, die ich hasse. Einige Gedichte sind in einem sehr schnellen Rhythmus verfasst, später wurde mir klar, dass sie sich zum Rappen eignen. Also fing ich an mit dem Rap, und meinen Eltern gefiel das. Mein Vater ermutigte mich, weiterzumachen. Er war es auch, der mich überzeugte, in der bekannten Castingshow "Arabs Got Talent" aufzutreten.

SPIEGEL: Nach Ihrem Auftritt wurden Sie weltweit bekannt als Ägyptens junge Rapperin mit Kopftuch...

Mahmud: Also, mein Vater wollte nicht, dass ich das Kopftuch trage, aber ich wollte es so. Ich war 13, als ich mich dafür entschieden habe. Und es war meine eigene Entscheidung. Ich finde mich schön und frei mit Kopftuch, ganz einfach. Schon klar, im Westen fragen sich einige, wie all diese Ideen unter das Kopftuch passen, aber ich mag diese Stereotype nicht.

SPIEGEL: Vor drei Jahren hat Ihr Land eine Revolution erlebt, aber viel hat sich in den Köpfen der Menschen nicht verändert, oder?

Mahmud: Ich war sehr glücklich, als die Revolution im Januar 2011 ausbrach, aber ich war noch zu jung, um auf die Straße zu gehen, ich war 15. Heute glaube ich, dass die wahre Revolution, die in unseren Köpfen, noch längst nicht begonnen hat. Gesellschaftliche Veränderung ist keine Frage der Zeit. Sie kann erst geschehen, wenn die Menschen begriffen haben, dass nicht das System, sondern sie selbst sich verändern müssen. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass sich in den nächsten zehn Jahren überhaupt nichts in Ägypten verändern wird.

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Under Cover: Der Sound der Jugend

Foto: Daria Somesan

SPIEGEL: Wovon träumen Sie? Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Mahmud: Ich wünschte, dass ich etwas verändern kann in dieser Welt, zumindest in meinem Land. Dass ich anderen etwas beibringen oder sie inspirieren kann. Früher wollte ich immer ein Junge sein, weil mir alle einredeten, ich sei nur ein Mädchen, ich dürfe mich beim Spielen nicht verletzen, weil mein Gesicht dann nicht mehr schön sei. Deswegen war ich neidisch auf die Freiheiten und Wunden meines Bruders. Aber jetzt bin ich stolz, ein Mädchen zu sein. Denn Frauen sind nicht weniger zäh als Männer, sie sind zäher. Eine Frau, die einen Präsidenten zur Welt bringen kann, kann selbst Präsidentin werden. Sie muss nur an sich glauben. Es gibt so viele Mädchen, die meinen Auftritt bei "Arabs Got Talent" gesehen und mir danach Nachrichten auf Facebook hinterlassen haben. Sie schrieben, dass sie nun auch nicht mehr schweigen wollen. Das hat mich stolz gemacht.