Rassismus-Debatte an US-Unis Schwarze Schminke, weißer Spaß

Einige weiße Studenten einer Verbindung aus Tennessee wurden kürzlich erwischt, als sie sich mit geschwärzten Gesichtern als "Jackson 5" verkleideten. Was als scheinbar harmloser Party-Mummenschanz begann, geriet schnell zu einem bizarren Streit über Rassismus und political correctness an US-Unis.

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"Jackson 5" mit Sänger Michael in der Mitte (1972): Parodie mit Folgen
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"Jackson 5" mit Sänger Michael in der Mitte (1972): Parodie mit Folgen

Bei einer Party am 22. Oktober wollten es sechs Studenten der University of Tennessee richtig krachen lassen. Verkleidet und mit schwarzem Make-up machten die Mitgliedern der Verbindung Kappa Sigma sich auf zur Fete in einer Bar abseits des Campus. Prompt gab es Ärger: Erboste schwarze Kommilitonen hielten sie auf und fragten, wie sie auf die Idee kämen, sich die Gesichter zu schwärzen.

Die Studenten antworteten, sie wollten aussehen wie die "Jackson 5", mit denen Michael Jackson und seine Geschwister einst ihre Karrieren starteten, einer lieber wie Louis Armstrong. In dieser Verkleidung wollten sie an einem Luftgitarren-Wettbewerb teilnehmen - das sei doch nur ein Spaß.

Klassiker Halloween: Kürbisse erlaubt, schwarze Schminke nicht
DDP

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Die schwarzen Studenten gaben sich damit nicht zufrieden und beschwerten sich gleich am nächsten Morgen bei der Hochschulleitung, die wiederum die Kappa-Sigma-Verbindung informierte. Der Streit zog schnell weitere Kreise: Nach längerer Beratung verurteilte die Universität den Vorfall auf ihrer Homepage und in einer Anzeige in der Studentenzeitung. Aber zugleich lehnte sie es jetzt ab, die Studenten oder die Verbindung zu bestrafen.

"Man könnte meinen, es handele sich um einen harmlosen Studenten-Ulk", heißt es in der Stellungnahme der Hochschulleitung, "aber bei Afro-Amerikanern ruft der Zwischenfall Erinnerungen an frühere Varieteshows wach, die Afro-Amerikaner als unwissende Einfaltspinsel zeigten." Das lasse latente Vorurteile wieder auferstehen und untergrabe den Fortschritt.

Als Williams-Schwestern bei Halloween

Der US-weite Verband Kappa Sigma entschuldigte sich und schloss die Abteilung an der Universität von Tennessee vorläufig aus, die damit auch ihre Registrierung als Studentenorganisation verlor. Die Hochschule selbst verzichtete allerdings auf Sanktionen: Die Verfassung schütze das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Entfaltung, und das gelte auch, wenn manche Vorfälle wie auf dem Campus als beleidigend empfänden. Zudem seien "Kontroversen Teil des normalen Lebens an einer Universität". Die Uni-Leitung ermahnte die Studenten allerdings zu mehr "Höflichkeit und gegenseitigem Respekt".

An der Universität von Tennessee sind etwa sieben Prozent der rund 25.000 Studenten schwarzer Hautfarbe. Ähnliche Streits sind an US-Hochschulen nicht gerade selten und sorgen immer wieder für landesweite Schlagzeilen. Und immer wieder sind Mitglieder der traditionell starken Studentenverbindungen, sonst stets stolz auf ihre Wurzeln zurück bis in die griechische Antike, daran beteiligt.

Williams-Schwestern: Als Venus und Serena zur Party
DPA

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So sorgten vor einem Jahr vier weiße Studenten an der Universität von Louisville für Furore, weil sie mit schwarzem Make-up zu einer Halloween-Party gingen. An der Universität von Virginia stellten die Verbindungen Kappa Alpha und Zeta Psi kürzlich drei Mitglieder zur Rede. Sie hatten sich Ende Oktober für Halloween als die Tennis-Stars Venus und Serena Williams sowie als "Uncle Sam" mit Sonnenbrille, rosa Lippenstift und Afro-Frisur verkleidet - allesamt mit geschwärzten Gesichtern. Weil sie auf Partyfotos im Internet zu sehen waren, schaltete sich die Uni-Leitung ein.

An der Universität von Mississippi posierte vor einem Jahr ein weißes Verbindungsmitglied für Fotos als schwarzer Sklave mit Strohhut beim Baumwollpflücken. Und in Oklahoma kamen drei Mitglieder der Verbindung Alpha Gamma Rho gar in Ku Klux Klan-Gewändern zu einer Party.

Bei Diskriminierung ist Schluss mit lustig

University of Mississippi: Rassenunruhen 1962
AP

University of Mississippi: Rassenunruhen 1962

Minstrel Shows heißen einstige Bühnenaufführungen, auf die schwarze Amerikaner bis heute höchst allergisch reagieren: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verkleideten sich weiße Darsteller als Schwarze, färbten ihre Haut und ihre Lippen, um so schwarze Merkmale zu betonen und zu übertreiben. Diese Shows gipfelten in bösen Witzen über schwarze Amerikaner und bedienten alle Vorurteile der Zuschauer. Das blieb über viele Jahrzehnte haften - bei Weißen und bei Schwarzen.

Und so wirkt der amerikanische Rassismus aus den letzten Jahrhunderten bis heute fort. Beim Verdacht auf Diskriminierung ist an US-Hochschulen schnell Schluss mit lustig, mit Verstößen gegen die "political correctness" nie zu spaßen. Ob die Studenten in Tennessee bei ihrem Party-Gag von den bösen Traditionen wussten, ist unklar - ihnen ging es offenbar mehr um eine Art Studenten-Karneval als um rassistische Scherze. Allerdings räumen selbst Mitglieder der Verbindungen ein, dass da wohl dringend ein Sensibilitäts-Training fällig sei.



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